Ich könnte ein Buch schreiben…

 von

Peter Leinitz

 

Ich könnte ein Buch schreiben, oft dahin geredet, mehr ein Stoßseufzer, als eine ernste Absicht, wenn das Leben sein Füllhorn über uns ausschüttet, wir unter der Last der Erfahrungen, der Schicksalsschläge zusammenbrechen.

Gnadenlos feuert ein Erschießungskommando Salve um Salve auf uns ab, ein maßgeschneiderter Albtraum, eine endlose Hinrichtung. Niemand stirbt in diesem „Kugelhagel“, aber jeder könnte ein Buch schreiben. Ein geflügeltes Wort, das mit dem Wort „Geflügel“ nichts zu tun hat. Aber das Schreiben verleiht uns Flügel, die Worte fliegen uns zu, sie fliegen uns davon, wenn wir sie niederschreiben, jedes Wort ist wahr, ich schreibe mal wie es war.

                                                                                                                                   BERLIN  IM  JAHRE  1933                                                                                                                                               

Es war einmal ein junges Paar; Sie wollte das Kind nicht, Er wollte sie anzeigen wenn sie es abtreiben ließe. Er wünschte sich einen Nachfolger, Sie wünschte mich zum Teufel, ich war ein Wunschkind. Mein  erster Schicksalsschlag: Ich wurde ausgetragen und erblickte das Licht der Welt, es blendete mich so stark, dass ich mein Leben lang eine Brille tragen musste.  Die untere Klasse wohnte  in Berlin häufig ganz unten, wir bewohnten eine Kellerwohnung, ich war ein Kellerkind. Angsterfüllt verbarg ich mich unter der Kellertreppe, wartend auf die Heimkehr der berufstätigen Eltern, nachdem ich mit dem Fußball eine Scheibe zertrümmert hatte. Beide Eltern arbeiteten im Gastgewerbe und  tranken regelmäßig Alkohol, ich tat es ihnen später gleich. Die Trunksucht ist eine Sucht, die ihres gleichen sucht, wer sie sucht findet immer eine Kneipe und einen Kumpan der auch sucht. Der Mensch ist ständig auf der Suche, Alkohol findet er leichter als Arbeit.

Meine Eltern suchten einen Mittelweg, sie eröffneten eine Kneipe, einen Ort der Heimsuchung. Hier findet der Alkoholiker ein Heim, findet Gleichgesinnte und will auch volltrunken nicht heim. Heimliche Trinker tun sich da weit schwerer, sie haben keine Heimat.

Im Dunst der Raucher und Trinker wuchs ich heran, trank Limonade und löffelte Speiseeis aus der Herstellung meines Vaters, zu dieser Zeit nahmen Kinder noch keine Drogen. Meine Droge war das Speiseeis, ich entwendete Geld aus der Kneipenkasse, gab es meinen Spielkameraden, mit dem Auftrag, mir Eis aus dem Geschäft meiner Eltern zu kaufen. Es war eine Art Geldwäsche: Das „Drogengeld“ meiner Eltern - sie verkauften ja Alkohol - kam gewaschen zurück und der Umsatz von Speiseeis stieg.

                                                                                                                                    TARZAN  IM  KRIEG

Ich ging ungern zur Schule, die Lehrer prügelten die Schüler, die Stärkeren, die Schwachen, ich gehörte zu den Schwachen, erkrankte an Tuberkulose. Es war Krieg, Lebensmittel waren rationiert, ich bekam Sondermarken für Lungenkranke, landete in einer Heilstätte in einem Vorort von Berlin. Dicke Tränen flossen, wenn der Besuchstag endete und die Eltern unter dem Balkon des Krankenzimmers zum Abschied winkten. Ich wurde gesund, wir zogen in den späteren Ost-Teil der Stadt, eröffneten dort eine neue Kneipe. Mein Vater trug Uniform, musste jedoch nicht an die Front, er hatte im ersten Weltkrieg gedient und schwere Verletzungen erlitten. Meine Mutter rauchte und trank mit den Gästen, das war merkwürdig. „Eine Deutsche Frau raucht und trinkt nicht“, war sie etwa gar keine Deutsche?  In unserer Kneipe war vieles undeutsch, man glaubte nicht mehr an die Propaganda. Ich spielte mit kleinen Sturzkampfbombern „Stukas“ und Granatsplittern, die man nach den Luftangriffen finden konnte und verliebte mich in Bücher. Ich las alles was ich kriegen konnte, mein Vater hatte vier Bände TARZAN in seinem Bücherschrank, damit fing alles an. TARZAN BEI DEN AFFEN, eines meiner ersten Bücher.    Meine Mutter liebte mich wie ihr eigenes Kind, dennoch prügelte sie mich einmal windelweich, als ich halbwüchsig, den Herrn im Haus spielte. Unvergesslich der hölzerne Kleiderbügel und der gerechte Zorn einer Mutter, die bereits geschieden, keinen Ersatz des verhassten Ehemannes duldete. Sie hatte häusliche Gewalt erfahren und schleppte hinkend ein deformiertes Bein durch ihr weiteres Leben.

                                                                                                                                   DER  TRÄUMER

Die Welt war ein Jammertal, die Liebe eine Falle, die Ehe eine Erpressung, nur in Büchern und Filmen gab es eine schönere Welt. Das Dunkel des Kinos, das sparsame Licht der Taschenlampe auf den Buchseiten unter der Bettdecke erhellten mein tristes Leben, ich wurde zum Träumer. Im Kino war das Böse immer deutlich erkennbar und besiegbar, die Frauen waren engelhafte Wesen, die Männer gut und stark, die Liebe ein Geschenk, welches die Armen reich machte.  Ich führte ein reiches und erfülltes Leben, fuhr mit dem Bus von einem Kino zum nächsten, las in meinen Büchern bis das Licht erlosch, erwachte ernüchtert aus meinen Träumen, wenn es im Kino wieder hell wurde. Wirklich reich wurden die Stars und Produzenten, ich war nur ein Süchtiger ohne Drogen. Ohne einen erlernten Beruf schlug ich mich mit Hilfsarbeiten durchs Leben und wollte Schauspieler werden, ein Traumberuf für einen Träumer. Schauspieler beginnen am Theater, mit wenig Geld und kleinen Rollen, sie enden als reiche Filmstars mit unermesslich viel Geld. So auch ich. Meine Karriere begann am Theater, ich stand in Kostüm und Maske als „Kleindarsteller“ auf der Bühne und träumte weiter. Ich stand mit den bekannten Bühnenstars jener Zeit auf der Bühne, mit den Filmstars im Atelier und hatte es bereits bis zum Film gebracht.  Nun musste ich nur noch entdeckt werden.

                                                                                                                            EIN  LIEBESTRAUM

Das Wunder geschah, ich wurde entdeckt. Ich hatte Glück, und wurde mit einer Gruppe anderer Kleindarsteller für Dreharbeiten in einem Wintersportgebiet ausgewählt, wo wir den beweglichen Hintergrund für die Hauptdarsteller bildeten. Meine Kollegin Annemarie wurde mir als Partnerin zugeteilt, winterlich gekleidet, zogen wir mit Brettern und Rodelschlitten durch das Bild. Ich war 22 Jahre alt und ungeküsst, meine Partnerin war 24 und verlobt. Sie war schlank, hübsch, lebhaft, witzig, ich liebte sie platonisch, sie war in festen Händen. Privat saß ich Händchen haltend, mit einem einheimischen Mädchen auf einer Bank, wir schauten von einem Hügel hinab auf den schneeweißen Ort im Abendrot, mehr war nicht.

Später im Hotel war dann mehr, es wurde getrunken und geküsst, ich landete im Bett von Annemarie, sie hatte mich entdeckt. Wie war das möglich, ich hatte keinen Beruf, kein Auto, kein Geld, keine Wohnung, keine Perspektive, ich trank zu viel Alkohol, war ein Filmfreak und Träumer, nannte mich stolz: Cineast. Da entdeckte auch ich: Es gab sie wirklich, die Liebe wie im Kino. In welcher Traumfabrik, in welchem Studio konnte ein solcher „Liebesfilm“ entstehen, Warner Bros., Universal, MGM? 

Nein, dieser Liebestraum begann bei Außenaufnahmen in der DDR und setzte sich bei der DEFA in Babelsberg fort. Eine Film im Film-Story, ohne Drehbuch, mit namenlosen Hauptdarstellern in Nebenrollen. Ein Vorläufer von „Pretty Woman“, ohne Nutte und Kapitalist. Dies war eher ein sozialistischer Plot; der unscheinbare Held kam aus dem Trinker-Proletariat, Armutsalkoholismus (damals sehr prekär), er hatte versucht, Das Kapital von Marx zu lesen, glaubte an den Sieg des Sozialismus, stillte allerdings seine Begehrlichkeiten im kapitalistischen Westen der Stadt. Es gab in Berlin noch keine Mauer. Er lebte mit Mutter und kleiner Schwester unter der Armutsgrenze, in einer Bruchbude mit Ofenheizung, Kohlen waren Mangelware, das Klo war auf dem Hof.  

Annemarie empfing ihren Liebling tagsüber in der Wohnung ihrer Eltern, wenn diese auf der Arbeit waren. Ein gepflegtes Heim, geordnete Verhältnisse, ihr Vater betrieb eine kleine Fabrik.  Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit beanspruchte sie die Wohnung der Eltern als Liebesnest, sie hatte ein Anrecht auf Liebe mit einem Partner ihrer Wahl. Den bürgerlichen „Versager“ hatte sie ihren Eltern gar nicht erst vorgestellt. Die Toleranz der Eltern war ebenso erstaunlich wie die Anmaßungen ihrer Tochter. Das alles zu einer Zeit großer Prüderie, es gab einen Kuppelei-Paragraphen.

Meine Karriere beim Film war nicht aufzuhalten, Ich stand oder lag neben den damals Großen im Filmgeschäft, spielte neben Jean Gabin einen toten Soldaten, dessen Körper das hochgeklappte Metallgitter einer Abwassergrube senkrecht stehend hielt, in die der Star des Films, mit der Last eines schwer verwundeten jungen Mannes, hinabstieg, das Gitter ergriff und es über sich zuzog. „Merde, Merde“ flüsterte er, weil das Loch für zwei Personen zu eng war. Vor der Nahaufnahme, extra blutig nachgeschminkt, stützte ich so die Handlung des Films: DIE ELENDEN.

Annemarie hatte sich von ihrem Verlobten getrennt - „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ (Deutsches Liedgut). Ein gutes Lied, später sehr bekannt. Annemarie hatte sich zu mir bekannt, wir liebten uns wie zwei unschuldige Kinder, hatten viel Zeit füreinander, arbeiteten freiberuflich für Theater, Film und Fernsehen, waren glücklich. Einmal nahm sie mich nachts mit in die Wohnung der Eltern, wir liebten uns auf der Couch im Wohnzimmer. Morgens rüttelte ihre Mutter an der verschlossenen Tür, Annemarie blieb ungerührt, die Eltern mussten ja zum Dienst. Als ich eigene vier Wände anstrebte, zog ich in ein schäbiges möbliertes Zimmer, als Annemarie mich dort besuchte, brach sie in Tränen aus. Nie wieder werde ich so geliebt werden!

                                                                                                                               RÜCKBLENDE                                                                                                                                                           

Kein Film ohne Rückblende, wir sehen eine Hakenkreuzfahne, marschierendes Jungvolk in den Straßen Berlins, Trommeln und Fanfaren, unser Held ist  zehn Jahre alt und fasziniert, aber seine Mutter behütet ihn vor der Hitlerjugend, ihr Junge ist krank und schwächlich, man marschiert ohne ihn auf das Ende zu. Ungern schiebt er den Kinderwagen und passt auf seine kleine Schwester auf. Naiv plaudert er  unter Kindern ein Geheimnis aus; Seine Eltern sind gegen Hitler. Ein Spielkamerad wird ihn später fortlaufend damit erpressen; „Ich erzähle es meinem Vater, der ist in der Partei, ihr werdet alle verhaftet wenn du mir nicht alles gibst, was ich von dir verlange“. Nach meinem Geburtstag musste ich dem Jugendlichen Erpresser alle Geschenke aushändigen, es ging um Leben und Tod. Mein Vater hatte die Kneipe gepachtet, im Schankraum hing traditionell ein Hitlerbild, er wagte es den Führer umzudrehen, beklebte die Rückwand mit Pin up Girls der UFA. Keiner seiner Gäste vermisste den Diktator, die Mädchen waren zu der Zeit wohl schon beliebter als der Führer. Ich war kein guter Schüler, Matte und Grammatik schlecht, die Lehrer züchtigten mit dem Rohrstock, es herrschte Zucht und Ordnung (heute Unzucht und Unordnung); „Es war nicht alles schlecht“. Für Arier war alles gut, das war nicht schlecht. Das waren die Guten, die Schlechten hatten einen Migrationshintergrund, das war Grund genug.  Jede Nacht fielen Bomben auf die Stadt, Sirenen riefen Mütter und Kinder in Keller und Bunker,  Unsere Mutter floh mit  beiden Kindern vor den Luftangriffen aufs Land. Hier waren wir die unerwünschten „Bombendrachen“, Fremde, aus der Hauptstadt eines untergehenden Reiches. Als Kind erlebte ich den Schmerz einer Mutter, die den Führer als Mörder beschimpfte als, kurz vor Ende des Krieges, ihr einziger Sohn an der Front gefallen war. Es war die Frau in deren Haus wir Unterkunft gefunden hatten. Bald darauf rollten russische Jeeps durch das Dorf, der Krieg war zu Ende.

                                                                                                                            BERLIN  IM  JAHRE  1945                                                                                                                                                             

Ein Zug rollt in Richtung Berlin, man fährt nicht erster Klasse, es ist ein Güterzug, unser Wagon ist voll mit Korn, wir lagern auf dem Getreide, ein junger sowjetischer Soldat reist mit uns, er ist nett zu uns Kindern, gibt uns eine große Dose Brühwürfel, im Tausch gegen den Ehering der Mutter. Wenn der Zug hält stehle ich Kartoffeln von anderen Wagons, fast täglich werden neben den Gleisen Brühkartoffeln gekocht, wir verlieren den Topf und das Essen wenn der Zug plötzlich weiterfährt. Als er einmal mehrere Tage nicht weiter fuhr, begab ich mich mit einem Beutel Korn zum Bäcker in den nächsten Ort. Der Bäcker war kein Müller, schenkte mir aber etwas Brot. „Unser täglich Brot gib uns heute“. Täglich gab es das nicht, es war wie Weihnachten, die Augen meiner kleinen Schwester leuchteten wie Kerzen am Christbaum. Vegetarier, die sich bevorzugt von Körnern ernähren, sind mir damals nicht begegnet, alles zu seiner Zeit. Kein Grund die Flinte ins Korn zu werfen. Wenn es dunkelte, der Zug in den Tunnel der Nacht rollte, richteten wir unser Bett im Korn, „Ein Bett im Kornfeld“, Deutsches Liedgut. Mit der Flinte in der Hand, bewachte der russische Soldat das Korn und unseren Schlaf. Wir träumten Zauberern, welche Korn in Mehl und Brot verwandeln konnten. Meine Mutter wurde von unserem uniformierten Begleiter nicht vor unseren Augen vergewaltigt, vielleicht wartete er bis wir schliefen.

Irgendwann erreicht der Zug die Ruinen Berlins, auch unsere Kneipe steht nicht mehr, leere Fensterhöhlen, wo einst Gaststätte und Wohnung war.

                                                                                                                                      HUNGERJAHRE

Man hatte Mitleid mit der hinkenden Mutter zweier Kinder, fremde Leute nahmen uns in ihrer Wohnung auf, teilten ihr Essen mit uns, wir hatten überlebt.  Meine Heimatstadt lag in Trümmern, überall Ruinen, wir waren ruiniert. „Auferstanden aus Ruinen“, sollte später deutsches Liedgut werden, davon können viele ein Lied singen. Ich war dreizehn Jahre alt, lebte mit Tarzan bei den Affen, hatte bei einem Straßenhändler ein Dutzend dicke Bände entdeckt,  meine Mutter flehentlich um Geld gebeten, konnte mich jederzeit in den Urwald beamen. Erst viel später sah ich die ersten Tarzan-Filme und war enttäuscht, das war nicht der Held meiner Kindheit, ich kannte ihn besser. Die Siegermächte hatten Berlin in vier Sektoren aufgeteilt, wir lebten im russischen Sektor. Meiner Mutter wurde die Kneipe eines Nazi-Parteigenossen zugeteilt, den man enteignet hatte, ich war wieder ein Kneipenkind. Da es an allem mangelte, trug ich damals zwei linke Damenschuhe, das deformierte meine Füße. Lebensmittel waren rationiert, wir litten Hunger, auf dem Land bettelte ich bei den Bauern um Kartoffeln und Brot, aus „Lumpenwolle“ strickte meine Mutter Pullover, die ich zum Tausch anbot. „Kompensationsgeschäfte“ sind verboten, sagte der Volkspolizist, als er die kostbaren Nahrungsmittel beschlagnahmte. So lernte ich meine ersten Fremdworte. Die Züge waren überfüllt, man saß auf Dächern und Trittbrettern, die Angst einzuschlafen und abzustürzen fuhr mit. Damals betete ich noch um Gottes Hilfe, später verlor ich das Vertrauen. Statt Bier und Schnaps gab es in unserer Kneipe ein Ersatzgetränk; „Alkolat“, ich war zu jung es zu probieren. Von meinen „Hamsterfahrten“ brachte ich Leinsamen mit, in Berlin gab es eine „Ölmühle“, ein Liter Leinöl kostete auf dem schwarzen Markt 350.- Reichsmark, von dem Geld kauften wir „Lumpenwolle“, Mutter strickte Pullover für die Landbevölkerung. Kompensationsgeschäfte waren verboten aber sie hielten uns über Wasser. Die Nikotinsucht meiner Mutter behütete mich vor dem kleinen weißen Monster. Täglich musste ich das Elend der Abhängigkeit mit ansehen und illegal für Nachschub sorgen. Auf dem schwarzen Markt kostete eine einzige Zigarette 15.- Reichsmark. Neunzehn Stück hätte meine Mutter in ihrer Kneipe verkaufen müssen, um eine rauchen zu dürfen. Sie rauchte jedoch neunzehn Stück und verkaufte nur eine. Ich habe nie geraucht. Mutter konnte mit Geld nicht umgehen, so verloren wir die Kneipe an den entnazifizierten Vorbesitzer und landeten auf dem Abstellgleis der Nachkriegszeit. Kurz davor hatte meine Mutter dem habwüchsigen Ernährer der kleinen Familie das Liebste genommen: Die Musik. Sie hatte das Radiogerät in Zahlung gegeben um die Alkolat-Lieferung bezahlen zu können.

                                                                                                                                 THEATER

Mein Vater hatte eine Geliebte, deren Ehemann  war an der Front gefallen, meine Mutter freundete sich mit ihr an, seltsame Freundschaften in seltsamen Zeiten. Die Dame war als Kleindarstellerin am Theater tätig, sie vermittelte uns Kinder an das Märchentheater der Stadt, dort gab es nämlich grad eine Sonderzuteilung von einem Kilo Zucker pro Person, so wurde uns der Einstieg versüßt. Meine kleine Schwester war zehn Jahre jünger als ich, ein süßes Mädchen mit schwarzen Locken, gemeinsam schnupperten wir die erste Bühnenluft unseres Lebens. Später wurde das Kind zum Star des Abends, als sie mit goldenen Flügeln, Köcher und Pfeilen, den Liebesgott Amor darstellte, „Die beste schauspielerische Leistung des Abends, war die eines Kindes, die kleine Mona L. spielte ihre erwachsenen Kollegen glatt an die Wand“, schrieb ein Kritiker. Ich spielte das Double des Hauptdarstellers in einem Märchenstück, der sportlich auf Ski-Brettern über die Bühnenhügel bretterte. Bald trat auch ich als Kleindarsteller in den Abendstücken auf und wollte das Theater nicht mehr missen. Die schöne Welt des Scheins gegen die armselige Ein Zimmer Wohnung mit Küche, in der wir hausten. Neben dem Theater arbeitete ich als Verkäufer, Beifahrer, Bauarbeiter und träumte von der Schauspielschule. Vor dem Vorsprechen litt ich an Durchfällen und Übelkeit, mein Leben stand auf dem Spiel. Man hielt mich für unbegabt, tatsächlich war ich unsicher, schüchtern, zaghaft und ängstlich, der Traum schien ausgeträumt.

                                                                                                                             VATER  UND  MUTTER  

Als Berlin noch nicht in Ost und West gespalten war, hatte mein Vater ein möbliertes Zimmer im Westen der Stadt gemietet, später eine Liebschaft mit der Vermieterin angefangen, vier Kinder, Vater vermisst oder gefallen. Auch hier fehlte es an Arbeit und Geld, mein Vater arbeitete unregelmäßig als Kellner in verschiedenen Restaurants, bei unseren Besuchen steckte er seinen „Ost-Kindern“ „West-Geld“ zu, welches wir, mit Gewinn in „Ost-Geld“ tauschten und unserer Mutter brachten. Inzwischen war die Spaltung vollzogen, es gab zwei Sorten Geld und zwei Sorten Menschen, aber noch keine trennende Mauer. Westberlin war eine kapitalistische Insel im roten Meer. Mein Vater bewachte vor Kriegsende politische Gefangene, als Hitlergegner, ermunterte er einen davon, bei einem Transport zur Flucht und schoss in die Luft. Dafür kam er nicht in`s  Gefängnis, wohl aber nach dem Krieg wegen Wirtschaftsvergehens. Er hatte große Pläne, wollte ein elegantes Cafe am Alexanderplatz eröffnen, kaufte auf dem schwarzen Markt Mehl und Zucker, um Kuchen anbieten zu können.

Ohne meinen Vater war meine Mutter mit der Nachkriegskneipe überfordert gewesen, Hilfskräfte entwendeten Geld aus der Kasse, brachten es aber nicht zurück um dafür Speiseeis zu kaufen, wie ich es als Kind getan hatte. Nach der Aufgabe des Geschäfts war die Welt wieder in Ordnung, der frühere Besitzer erhielt sein Eigentum zurück (fast alle Parteigenossen waren nur Mitläufer gewesen) und wir erhielten unser Elend zurück. Meine Mutter zog mich mit Ironie auf, sie sagte stets das Gegenteil von dem was sie meinte, ich musste schon als Kind jedes ihrer Worte übersetzen lernen, wurde so zum Denken erzogen. Der Tollwut des Menschen kann man nur mit Ironie und Sarkasmus begegnen, ohne diese Distanz wäre das Leben oft nicht zu ertragen. Ich verdanke meinen Eltern die Liebe zur Kunst und zu den Feinheiten der Sprache, mehr war da nicht zu holen.

                                                                                                                                        KINO

Auf der Bühne lernte ich Bodo kennen, er studierte klassischen Tanz und teilte meine Leidenschaft für das Kino. Wir trugen jeden Film den wir sahen in ein Notizbuch ein, oft waren es drei Filme pro Tag. Wir kannten jedes Kino in West-Berlin, vormittags gab es ermäßigte Preise für Ost-Berliner. Wir entdeckten Regie-Altmeister wie Ingmar Bergmann und Akiro Kurosawa, sahen jeden amerikanischen Film, die Neue Welle des Französischen Films, den Neorealismus der Italiener, Lasen Kritiken und Fachbücher, konnten über alles mitreden. Als Kleindarsteller für kleine Gagen standen wir selbst in den Filmateliers, ein Leben für den Film. Im alten Friedrichstadt Palast stand ich mit Annemarie auf der Bühne, in einer Rahmenhandlung für artistische Darbietungen, wie im richtigen Leben, bewegten wir uns als Liebespaar von links nach rechts, blieben laut Regieanweisung in der Mitte stehen um uns zu küssen, die Rolle unseres Lebens. Einmal erwischte ich wegen meines jugendlichen Aussehens eine richtige Sprechrolle auf derselben Bühne, spielte den GAVROCHE, einen Knaben auf der Seite der Aufständischen im Pariser Straßenkampf. In einer einmaligen Aufführung zum ersten Mai, dem „Kampftag der Arbeiterklasse“. Meine Statistengage wurde erhöht, ich war Schauspieler für einen Tag.

                                                                                                                                       OBEN  OHNE

Annemarie bekam ein Fernsehangebot, sie sollte oben ohne, eine Nixe darstellen, weigerte sich, bekam den Part und trug Muschelschalen. Prüde Zeiten, in dem Film „Sie tanzte nur einen Sommer“ war kurz ein nackter Busen zu sehen, das war ungeheuerlich. Lange vor dem Vermummungsverbot gab es ein Entblößungsverbot, immer gibt es Verbote die Frauen vor Männern schützen sollen, aber keine die Männer vor Frauen schützen. „ME TOO“ rufen Millionen von Männern, die zur Heirat gezwungen wurden. Nur wenige können dem entgehen, die Ehe ist die bekannteste Verschwörungstheorie.

                                                                                                                             BETÄUBUNGSHALLE

Die Zeiten hatten sich geändert, Lebensmittelkarten waren überflüssig geworden, die Grundversorgung mit Lebens und Betäubungsmitteln war gesichert, es gab Brot und Kuchen, Schnaps und Bier, „Die kleine Kneipe“ wurde im Lied besungen. Die kleine Kneipe welche meiner enteigneten Mutter Asyl bot, lag nur wenige Meter entfernt von unserer elenden Behausung, in einer tristen Trümmerstraße, eher eine „Freudlose Gasse“ ohne Siegmund Freud. Sangesfreudig machte meine Mutter die alkoholisierten Gäste an; „Sag mir mal dein Lieblingslied“, verschonte mit dieser Aufforderung auch nicht den Sohn, der seinerseits fragte, warum es heut kein Mittagessen gab. Ich liebte den amerikanischen Jazz, meine Lieblingslieder kannte sie nicht. Das triste Dunkel der „Betäubungshalle“ stieß mich ab, ich hasste die Trinker, ich hasste meine Mutter, ich wollte nicht so werden wie sie und ihre verkommenen Freunde. Leider reichte mein Hass nicht aus um mich vor dem Alkohol zu bewahren, wie das beim Nikotin funktioniert hatte. Mit Alkohol funktionierte es auch nicht, ich war schüchtern, wagte es nicht Mädchen anzusprechen, trank mir Mut an und war schnell betrunken, das lief dann auch nicht. Das Mut antrinken entfiel als Annemarie mich entdeckte, nun war alles gut, aber „König Alkohol“ lag immer auf der Lauer.

                                                                                                                           BIER  UND  JAZZ

 Jack London hatte einem Buch diesen Titel gegeben, inzwischen ist der König kein Alleinherrscher mehr, nachfolgenden Generationen bot ein florierender Markt ungeahnte neue Möglichkeiten, alles wurde handlicher, sogar der „Flachmann“ wurde unmodern. Ich gehöre zu den „Königstreuen“, man kann nur einem König dienen. Die Flasche ist das Symbol des klassischen Abhängigen; „Das Trinken lernt der Mensch zuerst“. Unsere Droge ist legal, Bier ist ein Erfrischungsgetränk, stolz tragen wir unser Leergut zur Sammelstelle, wir sind die Guten. Natürlich trinke ich keinen Schnaps, „Wer Schnaps trinkt zündet auch Häuser an“ sagt der Volksmund. Das stimmt natürlich nicht, ich habe niemals Häuser angezündet, als ich noch Schnaps trank, nicht mal Zigaretten. Nichtraucher sind da weniger gefährdet, sie tragen kein Feuerzeug mit sich herum. Bei mir zündete der Jazz, der Funke (Funk) sprang sofort über als ich die ersten Töne hörte, meine Mutter hatte das Radiogerät zurück gekauft, nun traten die seichten Schlager der Zeit in den Hintergrund und ich wurde süchtig. Fremdartig und wenig Volkstümlich erklang diese entfesselte Musik nur in Nachtsendungen, ich musste den Wecker stellen um diese Sucht zu stillen. Wir hatten keinen Plattenspieler, es gab keine Jazzplatten im Osten, diese Droge war verboten. Unter Alkoholeinfluss verdoppelte sich der Rausch den diese Musik bei mir auslöste. Viele Jazzmusiker nahmen Drogen, die wir noch gar nicht kannten, Amerika war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Jeder junge Mensch träumte von Amerika, Deutschland war arm, alle träumten vom Paradies, wieder lieferte das Kino die Traumbilder, es gab eine andere Welt, jenseits unserer Vorstellung. Dort waren alle reich, sogar die Teenager fuhren riesige Automobile, das Leben war schön. Unser Leben war trist, Deutschland war besiegt, Trümmerfrauen räumten den Schutt weg, Kinder spielten in Ruinen, wir waren froh uns satt essen zu können.

 „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“, ein guter Spruch, es gibt immer eine Alternative. Manches geht über Brot und Kuchen hinaus; „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er zieht sich auch gern Drogen rein“. Der Hunger war besiegt, Biergärten boten „Erfrischungsgetränke“ an heißen Sommertagen, Tanzkapellen spielten vereinzelt Jazz, „Auseinander tanzen“ war verboten. Ich beherrschte weder Foxtrott noch Walzer, war nicht Gesellschaftsfähig. Annemarie hatte mich gerettet, kein Mut antrinken in Tanzlokalen, aber Jazz hören wo er gespielt wurde. Natürlich hatte ich mitunter „Abstürze“ nach Alkohol, den Umgang mit Drogen muss man lernen, das führte dazu dass ich für immer auf Schnaps verzichtete und nur noch „Erfrischungsgetränke“ zu mir nahm. Ich nahm an Gewicht zu, „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“. Essen macht durstig, Bier macht hungrig. In einem Tanzlokal lernte ich Herbert kennen, wir hörten die neue Musik, sie war den Funktionären des Regimes verdächtig, kam aus dem kapitalistischen Amerika, dem Erzfeind des neuen Deutschland. Entstanden aus dem Blues der Negersklaven, war es eine Musik der arbeitenden Klasse, von dekadenten Weißen kommerzialisiert und missbraucht. Herbert, der später Trompete spielte und Musik studierte, wurde ein enger Freund, ich lernte von ihm viel über Musik. Seine Mutter heiratete nach West-Berlin, bald besaß er eine Sammlung von Jazz-Platten, die ich bei ihm hören konnte. Fanatisiert besuchten wir gemeinsam die Konzerte amerikanischer Jazz-Stars, benutzten meinen Ost-Personalausweis um beide zum ermäßigten Preis in den „Berliner Sportpalast“ zu gelangen, wo „Die Post abging“. Ein Fachausdruck für den „Drive“ der jeden Jazzfan elektrisierte.

                                                                                                                                        TROMPETEN  BLUES

  Aus Amerika kamen Filme die den Solo-Trompeter Harry James zeigten, sein „Trumpet Blues“ machte ihn schnell in Deutschland bekannt, die Trompete war das Instrument unserer Zeit. Herbert, Manfred und ich, jeder kaufte eine Trompete, wir wollten dem berühmten Solisten nacheifern. Manfred war zusammen mit Herbert zur Schule gegangen, die Zwei nahmen das Instrument ernst, ich versagte kläglich. Mein Vater versuchte sich daran und erzeugte richtige Töne, ein Naturtalent. Meine Anstrengungen gingen ins Leere, ich produzierte die Sprichwörtliche „Heiße Luft“. Wieder ein Traum geplatzt wie ein Luftballon, mühsam erspartes Geld verschenkt, Geduld und Ausdauer waren mir nicht gegeben, ich konnte nur einen Plattenspieler bedienen. Die Musik schweißte uns zusammen, zu dritt hörten wir Platten, besuchten Konzerte in West-Berlin, der Jazz war der Rock n Roll unserer Zeit. Aber ich besuchte auch Sinfoniekonzerte, kannte Werke von Gershwin und Tschaikowski auswendig, entdeckte russische Komponisten und meinen Liebling Aram Katschaturian, dessen Ballett: Gajaneh ich mir immer wieder reinzog. Warum wird diese wunderschöne Musik kaum noch aufgeführt, warum wird die „Stalinistische“ Story nicht neu geschrieben? Ich liebte die Musik, die Malerei, die Literatur, ein erfülltes Leben – ohne festen Job.

                                                                                                                                        Rudolf

Mit Rudolf verbrachte ich einen Teil meiner Kindheit, wir wohnten in den Hungerjahren nach dem Krieg im selben Mietshaus, in welchem Meine Mutter allein die dritte Kneipe betrieb. Er hatte vier Geschwister und eine tapfere Mutter, welche die Kinder ohne Vater aufziehen musste, Väter waren selten zu dieser Zeit. Zwischen Ruinen, Lebensmittel-Karten und Schwarzmarkt wuchsen wir heran, ich überredete ihn und seine besorgte Mutter, mich auf meinen „Hamsterfahrten“ zu begleiten, der Hunger war allgegenwärtig. Ich hatte die ersten Comics entdeckt und zeichnete meine eigenen Bildergeschichten, das half mir über das Nachkriegselend hinweg. Wir wuchsen heran, hörten die „Schlager der Woche“ des RIAS, träumten von blauen Maßanzügen und Budapester Schuhen mit Metallbeschlagenen Absätzen. Rudolf sollte Abitur machen, landete aber als Rangierer bei der Reichsbahn, ich lernte Verkäufer beim KONSUM. An der Schönhauser Allee verkaufte ich mit umgehängtem Bauchladen auf offener Straße Zigaretten. Goldene Zeiten für Nikotinsüchtige, endlich war die Volksdroge dem Volk wieder zugänglich. Es war eine kurze, schlecht bezahlte Episode, ich träumte einen anderen Traum. Rudolf kannte ich am längsten, Herbert studierte Musik, Wolfgang studierte Tanz, ich studierte am Wochenende die Tageszeitungen, suchte nach neuen Kinos und neuen Filmen, ein seltsamer Beruf.

                                                                                                                                        DER  BRIEF

Nun begab es sich zu der Zeit, in der es wenig Angebote für Kleindarsteller gab und ich auf „Pump“ lebte, der Briefträger einen Brief zu mir trug, der Folgen trug. Rudolf hatte die Fronten gewechselt und lebte fortan in Bergisch Gladbach bei Köln. Er malte den Teufel in Form von „Westgeld“ an die Wand, ihm sollte ich meine Seele verkaufen. Ähnlichkeiten mit Goethe`s  „Faust“ sind rein zufällig. Blind gegenüber den Schrecken des „Raubtierkapitalismus“, alle Warnungen heimischer „Feindpropaganda“ waren „Vom Winde verweht“, krallte sich der selbstmörderische Gedanke an „ Republikflucht „ in mein krankes Hirn. „Der goldene Westen“ lockte mit all seinen goldenen Kälbern und glücklichen Milka-Kühen. Vergessen die notgeilen Besäufnisse vergangener Tage, mit Füßen getreten, die selbstlose Zuneigung einer schönen jungen Frau, erwog mein jugendlicher Leichtsinn einen Wechsel der Systeme; „Ein Land zwei Systeme“. Mir ging es gut, ich hatte Annemarie, ich hatte den Film und die Musik, ich hatte keine Probleme, ich hatte ein eigenes möbliertes Zimmer mit eingebauter Tristesse, ich hatte FDGB-Urlaub mit Annemarie, ich hatte alles und gab es auf. „Kurz ist der Wahn, die Reu ist lang“. Meine wenigen Habseligkeiten in einem Pappkarton, fuhr ich mit der S-Bahn nach Westberlin und flog von Tempelhof nach Köln. Klein und hilflos stand ich vor dem riesigen Kölner Dom; Gott helfe mir. Zuwanderer sind unbeliebt, sie gehören nicht zu uns, es sind Fremde. „In der Fremde sind wir Fremde, in der Heimat sind wir fremd“. Rudolf hatte ein möbliertes Zimmer im Haus von zwei alten Damen, ich musste es mit ihm teilen. Wie ich, hatte er keinen Beruf erlernt, arbeitete als Kraftfahrer und Dachdecker. Es war Winter, ich fand keinen Job, es gab keine Arbeit. Ich war Bittsteller, man gab mir zu essen und schrieb es auf eine Rechnung, das erste verdiente Westgeld war dann sofort wieder weg. In einer Kesselschmiede hielt ich es nur einen Tag aus, das war Knochenarbeit für wenig Geld. Ich wollte zurück in mein Kleindarsteller-Paradies. Rudolf mahnte zur Geduld. „Gut Ding will Weile haben“ also blieb ich noch eine Weile. Wir waren Jugendfreunde auf engem Raum, er hatte einen Job, ich war ständig auf der Suche. Endlich fand ich eine Anstellung in einem Möbelgeschäft, der Filialleiter und ich bewegten ständig schwere Schränke in breiten Gurten, um den Kunden täglich ein neues Bild zu bieten. Eines Tages erschienen zwei Vertreter, sie wollten zum Filialleiter, ich zeigte ihnen den Weg und erhielt fünf Mark Trinkgeld, es war wie Weihnachten. Mein Stundenlohn betrug: Eine Mark und vierzig Pfennige. Wir belieferten Kunden, ich schleppte schwere Möbel die Treppen hoch, die armen Kunden gaben Trinkgeld, die reichen drückten sich und drängten dem Kuli einen Schnaps auf. „Des kleinen Mannes Sonnenschein sind Weiber und besoffen sein“. Faustregel war: Je ärmer der Kunde, je höher das Trinkgeld. Heute gebe ich die Trinkgelder, ich habe nichts vergessen. Ich war ein Zugewanderter ohne Geld und ohne Auto, Mädchen interessierten sich nicht für mich, ein fremder Hilfsarbeiter, keine „Kölsche Jung“. Um einen bestimmten Film zu sehen musste ich oft mit der Bahn bis nach Köln fahren, ein Abend in einem Jazzkeller kostete mich ein „Vermögen“, ich hatte auf die falsche Karte gesetzt. Nach neun Monaten ging ich nach Hamburg, arbeitete als Bühnenarbeiter bei REAL-FILM in Wandsbek, zeitweilig auch als Requisiteur. Richtig Geld verdiente man nur mit Überstunden, es gab hohe Aufschläge. Der Tag war lang, man soff ihn sich kürzer. Einmal stand ich früh aus dem Bett auf, fuhr bei Dunkelheit zur Arbeit, bediente die Stempeluhr und bemerkte meinen Irrtum, ich hatte den Abend für den nächsten Morgen gehalten. Nach weiteren neun Monaten trieb mich das Heimweh nach Berlin zurück, in West-Berlin war ich jedoch nicht willkommen. Die „Frontstadt“ hatte keinen Platz für „Westdeutsche“. Ich war in Berlin geboren, hatte aber nun einen Ausweis der Bundesrepublik, kein Recht auf Arbeit und Wohnraum.

                                                                                                                                   WEST-BERLIN

Eine Spedition war bereit mich einzustellen, das Arbeitsamt erteilte die Genehmigung, ich mietete ein Möbliertes Zimmer, schnupperte „Berliner Luft“. Mit Herzklopfen überquerte ich die offene Grenze zum Ost-Sektor, Kontrollen gab es keine. Ich sah meine Mutter wieder, meine kleine Schwester war erwachsen, arbeitete am Theater, hatte eine eigene Wohnung und einen Freund. Sie liebte ihren Bruder, war froh mich zu sehen, oft schleppte ich sie mit in`s Kino, wir hatten eine schöne Zeit. Nie hatte ich Annemarie vergessen können, ich sah sie jede Nacht in meinen Träumen, vermisste sie beim Erwachen. Nahe der Wohnung meiner Mutter wurde ein Film gedreht, das grelle Licht großer Scheinwerfer durchflutete die Dunkelheit, eine Szene aus meinem früheren Leben, das ich für immer verloren hatte. Meine Blicke tasteten die Gesichter der Statisten ab, ich hoffte Sie zu sehen und sah Sie… „Fremde wenn wir uns begegnen“, wir hatten uns nichts mehr zu sagen, „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ Deutsches Liedgut. Lied gut, Wiedersehen traurig. „Die Liebe kommt, die Liebe geht“, „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“, Annemarie hatte eine neue Liebe, ich hatte nur eine schöne Erinnerung und tiefe Reue. Noch viele Jahre sollte sie mich in meinen Träumen verfolgen. Ich befand mich am selben Ort, stand jedoch auf der anderen Seite, mein altes Leben war dahin, mein neues war einsam und trostlos. Ich beneidete die Kleindarsteller, gehörte nicht mehr dazu, ich war ein Fremder auf beiden Seiten. Tagsüber machte ich meinen ungeliebten Job, am Abend bekämpfte ich meine Einsamkeit mit Alkohol, ich hatte keine Zukunft. Kurze Liebschaften mit Glücklosen Frauen die mit mir tranken und mir Geld entwendeten, waren die traurigen Höhepunkte eines verwahrlosten Lebens. Mit „Bonjour Tristesse“ begannen meine Tage, mit Abstürzen endeten sie. Ich begann die Kneipen zu meiden, trank mein Bier in der Isolation meines möblierten Zimmers, hörte Jazz oder Klassik. Ich unterstützte meine Mutter mit „Westgeld“, kündigte im Sommer meinen Job, verbrachte die Tage mit kargen Mahlzeiten in den Freibädern der Stadt, bekämpfte meine Depressionen mit Schwimmen und Sonnenbädern. Ich sah Filme, besuchte Konzerte, war frei und ungebunden. Manfred hatte seine Meisterprüfung als Elektriker gemacht, schickte Foto`s von seiner Hochzeit im Rheinland, Wolfgang war Solotänzer in Trier, Herbert war Berufsmusiker und spielte in Berlin, wir sahen uns selten. Als Bauarbeiter hob ich am Kurfürstendamm, inmitten der Schönen und Reichen, schicke Auto`s, teure Kleidung, mit der Schaufel eine Grube aus und beklagte meine Armut. War dies mein Schicksal, sollte ich, für immer und ewig als Hilfsarbeiter in einer Grube stehen müssen, unbeachtet von den eleganten Passanten, die ich aus der Perspektive eines räudigen Hundes, den man mit dem Fuß wegstoßen konnte, von unten sah. Ich gab nicht auf, bewarb mich bei Film und Fernsehen, wurde abgewiesen, vertröstet, verarscht. In Musik kannte ich mich gut aus, bemühte mich beim Rundfunk um eine Stelle im Musikarchiv. Das Glück war mir hold, ein gutmütiger Pförtner schickte mich zur Tontechnik, dort waren wegen Krankheit und Tod drei Planstellen unbesetzt. Jeder andere Pförtner hätte mich weg geschickt, mit dem Hinweis; Schreiben sie eine Bewerbung. So traf ich auf wohlmeinende Abteilungsleiter, die meine Vergangenheit im Showgeschäft anhörten und mich für geeignet hielten. Ich wurde zur Probe eingestellt und für die Arbeit in Tonstudios angelernt.

                                                                                                                               LIEBE  BROT  DER  ARMEN

Bei der Arbeit in einer Fabrik für Rundfunkgeräte hatte ich meine spätere Ehefrau Roswita kennen gelernt, als Kind von Alkoholikern teilweise im Heim aufgewachsen, später adoptiert. Ihre Ziehmutter war herzensgut aber eine schlampige Hausfrau, das kam mir bekannt vor, immerhin trank sie nicht. Roswita war verheiratet, hatte jedoch ein Kind von einem farbigen Studenten, das bei ihrer Ziehmutter aufwuchs. Ihr Mann hatte sich freiwillig zur Bundeswehr gemeldet und diente in Westdeutschland. Wir verliebten uns, wurden wegen inniger Knutscherei aus einer Kneipe geworfen, hier wurde gesoffen und nicht geküsst. Wieder einmal war ich von einer Frau entdeckt worden, lange hatte ich auf ein zweites Liebesglück warten müssen. Was war der Grund, Sie war allein, ihr Mann ging wahrscheinlich fremd, ich war allein, wir waren arm wie zwei Kirchenmäuse; „Liebe, Brot der Armen“. In ihren Armen versagte meine Männlichkeit den Dienst, ich war arm dran. Besser arm dran als Arm ab, Ehebruch will gelernt sein. Eine finstere Drohung des uniformierten Ehemannes stand im Raum, er würde Sie umbringen wenn…   „Wenn der Hund nicht geschissen hätte, hätte er einen Hasen gefangen“. Ich hatte einen Betthasen gefangen und konnte ihn nicht nutzen. Nutzlos, zum bloßen Wasser lassen verkommen, fürchtete sich mein „Geschlechtsteil“ in der fremden Umgebung Ihres Schafzimmers vor dem gerechten Zorn des rechtmäßigen Besitzers. Nach und nach besaß ich sie zu Unrecht aber man nahm sich das Recht. Als die Anreise des Ehemanns drohte flüchteten wir nach Bergisch Gladbach und mieteten dort ein Zimmer. Nach einiger Zeit hatte sich der Ehemann beruhigt, wir konnten beruhigt heimkehren. Es kam zur Scheidung, Roswita strebte ein neues Eheglück an, ich war skeptisch. Zu Recht natürlich, die Ehe ist keine gute Geldanlage. Ein Zimmer mit Außentoilette war meine erste eigene Wohnung; „Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar“. Vorher hatten wir in der City ein möbliertes Zimmer bei einer ehemaligen Prostituierten gemietet, mit Zuhältern als Nachbarn, wegen denen ich auch einmal bei der Polizei vorgeladen wurde. Der wegen Passfälschung Gesuchte trug ebenfalls den Namen Peter. Da ich nie einen Beruf erlernt, nie einen Pass besessen hatte, war mir der Fälscher nicht nachzuweisen. Ohne Geld und ohne Möbel schliefen wir in der neuen Wohnung auf einem „Hundesofa“, ein Abschiedsgeschenk der City-Prostituierten, das ehemalige Ruhemöbel ihrer Hunde; „Armut schändet nicht“. Erst das zinslose Ehestandsdarlehen (ein Grund zur Heirat) ermöglichte uns einen Bettenkauf. Auch mein erstes eigenes Radiogerät, ein „Stockholm“ von Blaupunkt konnte angeschafft werden. Verliebt kuschelten wir vor dem Einschlafen im geruchsneutralen Bett und erlebten Hörspiele. Tonfilme ohne Bild, man lag mit geschlossenen Augen im Bett und sah was man hörte. Kino für Arme, bequem und billig. Später arbeitete ich an der Produktion von Hörspielen mit, die Schauspieler kamen nach ihrer Abendvorstellung am Theater in die Hörspielstudios und sprachen ihre Rollen bis tief in die Nacht. Ich war der „Hiwi“, man missbrauchte mich für Botengänge, Alkohol um wach zu bleiben. Ich wanderte zur nächsten Kneipe, erfüllte ihre Wünsche, man ließ mich in Ruhe, ich konnte im Aufenthaltsraum das Fernsehprogramm verfolgen. Ein Schauspieler kommentierte mein Auftreten; „Der ist so devot“. Tatsächlich bin ich lieber devot als anmaßend, ich liebe die Verbeugungen der Japaner, den „Wai“ der Thailänder, die Höflichkeit der Engländer.

                                                                                                                                    SHEARING

Das Hörspiel wurde in kleinen Wort-Studios produziert, mich begeisterten die Musikaufnahmen in den großen Sälen. Ich arbeitete als Technischer Assistent in einem Team welches den kompletten Aufbau eines Orchesters, vom Notenpult bis zum Mikrofon erstellte, wir leisteten alle Vorarbeiten, übergaben dann an den Toningenieur im Regieraum. Ich liebte Musik, konnte es einen schöneren Job geben als diesen? Ich war an der richtigen Stelle gelandet, hier spielte im wahrsten Sinne des Wortes die Musik. Kammermusik, Tanzmusik, Sinfonieorchester, jeder Musiker, jedes Instrument war zum anfassen nahe, ich stellte Mikrofone, legte Kabel mitten im musizierenden Orchester, war ein Teil des Ganzen, mein Leben war Musik, ich konnte mein Glück nicht fassen. Die Arbeit war vielseitig, ich betreute Konzerte im großen Sendesaal, arbeitete vor Publikum oder hinter den Kulissen, es war schöner als ich es je erträumt hatte. Unverhofft wurde ich zum ersten mal einem Übertragungswagen zugeteilt, ein neues Gebiet, ich war unsicher, wusste nicht was mich erwartete. Wir fuhren zur Deutschlandhalle um ein Konzert aufzunehmen, keine Ahnung wer dort spielen sollte. Die große Halle war voller Menschen, alle fieberten dem Musikereignis entgegen, ich kannte diese Stimmung von Konzerten die ich früher besucht hatte. Mein vorgesetzter Toningenieur schickte mich mit einem beweglichen Telefon zur Bühne hinunter, ich sollte den Ablauf des Konzerts überwachen, man würde mich anrufen wenn es ein Problem gäbe. Ich stand neben der Bühne als die Band auftrat und flippte aus als ich die Musiker erkannte. Ich wusste nicht dass er in Berlin war, es war mein Idol George Shearing, ein blinder Jazzpianist mit seinem Quintett. Er hatte den berühmten Shearing-Sound erfunden, bei dem Piano Vibrafon und Gitarre das Thema unisono vortragen und so  einen fantastischen Klang erzeugen. Ich hatte als Ostberliner viel Westgeld für eine Single von ihm bezahlt, nun stand er life vor mir auf der Bühne und ich hatte nicht mal Eintritt bezahlt. Es war der Job meines Lebens. In der Pause erlebte ich ihn hautnah im Regieraum bei Verhandlungen mit unserem Jazz-Redakteur.

                                                                                                                             TRAUTES  HEIM

Bekanntlich setzen Frauen immer ihren Willen durch, nach zwei Jahren wilder Ehe wurde geheiratet, alles halb so wild. Vom Ehestandsdarlehen hatten wir Betten gekauft, endlich eine größere Wohnung bezogen, Stube und Küche, Außentoilette. Enorme Lärmbelästigung durch ein schwules Pärchen über uns, sie arbeiteten im Gastgewerbe und feierten morgens in der Wohnung weiter. Hysterische Schreie wenn Er Sie aus dem Fenster werfen wollte. Unter uns wohnte ein ganz heißer Typ, er hängte seine Lautsprecher an die Decke und richtete sie nach oben auf unser trautes Heim, beschallte uns mit Überlautstärke aus Rache für „unsere“ Lärmbelästigung. Wir waren uns keiner Schuld bewusst, litten ja selbst unter den Obermietern. Menschen sind seltsame Leute, mancher Nachbar ist nicht machbar. „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (Almodovar). Zum Glück wurden diese alten Häuser in Kreuzberg abgerissen, so zogen wir noch vor dem Mord an unserem „Untermieter“ aus. Möge er in der Hölle schmoren. „Eine neue Wohnung ist wie ein neues Leben“ (leicht abgewandelt). Zweieinhalb Zimmer Küche und Bad in Friedenau, es ist erreicht ! Für den Rest des Darlehens flogen wir mit Propeller zum Wolfgangsee, der war ringsum zugebaut, Schwimmen nur gegen hohe Gebühr, Umkleiden im morschen Holzbau mit rostigen Nägeln zum „Aufhängen“. Sogenannte „Bremsen“ bremsten „Das Bad auf der Tenne“ endgültig aus. Wir wohnten privat über der Großgarage eines Fuhrunternehmers, pünktliches Wecken Ehrensache. „Die Welt ist schön Mylord“.

                                                                                                                            BIER  UND  WEIN

Wir bekamen ein Kind, der kleine Sohn meiner Frau zog zu uns, Bedingung für das Kindergeld, sie liebte ihr Kind, ich nahm es in Kauf, „Kinder sind unsere Zukunft“. Man sollte nie vergessen, dass jeder Geschlechtsverkehr die eigene Zukunft belasten wird. Belasten wir uns nicht mit diesen Kleinigkeiten, die Ehe ist der Preis für die Überwindung der Einsamkeit. „Frauen helfen uns bei der Bewältigung von Problemen, die wir ohne sie nicht hätten“. Hätte Annemarie damals mein Kind bekommen, wäre es wohl wie ich Alkoholiker geworden, mein Stiefsohn brach mit dieser lieb gewordenen Tradition, Alkohol konnte ihm nichts anhaben. Er bevorzugte moderne Drogen, federleicht, keine schweren Flaschen, schnellere Wirkung, weniger Pinkeln. Ich war old fashioned, Ich war nicht in der „HJ“, nicht in der „FDJ“, ich war in der „TDJ“, „Trinkende Deutsche Jugend“. Es ist wie Jack London schreibt; Alkohol ist immer verfügbar, bezahlbar, passt zu jeder Gelegenheit. Zu meiner DDR-Zeit zog ich an hohen politischen Festtagen mit Rudolf und einem weiteren Jugendfreund an zahlreichen Getränkebuden vorbei, es gab zur Feier des Tages Sonderzuteilungen von echtem Budweiser Bier aus der Bruder-Republik der Tschechen. Große 0,5 Flaschen die des Trinkers Herz erfreuten. Als Kind las ich unzählige Bände TARZAN, er war der Harry Potter seiner Zeit, konnte nicht zaubern, verzauberte aber meine Kindheit. Vor „König Alkohol“ las ich alles von Jack London, ein trinkender Schriftsteller, schreibender Trinker. Es beruhigte mich, dass so viele berühmte Männer dem Alkohol verfallen waren; „Ob arm ob reich, die Droge macht uns gleich“. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, würde man ihm den Alkohol nehmen würde man ihm seine Würde nehmen. Der Arme schluckt seine Fusel-Öle mit der gleichen Ehrfurcht wie der reiche Weinkenner, ein Alkoholiker auf höchstem Niveau, seinen edlen Tropfen. „Wenn schon Alkohol, dann Wein“ sagte meine Ärztin, fortan träumte ich von einem eigenen Weinkeller und Nobelrestaurants mit sündhaft teuren Weinen. Es war zum weinen, keiner nahm Rücksicht auf meine Bedürfnisse, meine Würde war angetastet, blind tastete ich mich durch mein elendes Leben, ohne Sinn für die pittoreske  Schönheit der Armut. „Armut bereichert unser Leben“. Mein Bier hatte immer den Touch des Prekären, selbst ein Premium war niederer Herkunft und stammte nicht von einem berühmten Weingut. „Wein gut, alles gut“.

                                                                                                                                      BÜCHER  UND  BÜHNE

 Nach dem Hunger der Nachkriegszeit folgte der Hunger auf das Leben und der Roman: „Hunger“ von Knut Hamsun, ich war hingerissen wie damals von Alfred Döblin und John dos Passos, las begeistert noch mehr Bücher dieses Autors, erfuhr von seiner Vorliebe für Hitler, Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander. Inzwischen hatte ich einige Bibliotheken durch gelesen, kannte alle großen Namen, habe aber nie Karl May gelesen, merkwürdig. Kenne jedoch alle Werke von Edgar Rice Buroughs, ein Name der in Vergessenheit geriet während der seines Helden unsterblich wurde. Die wichtigsten Autoren sind mir bekannt, über Bücher könnte ich ein Buch schreiben. Wie der späte Hermann Hesse schreibe ich überwiegend Briefe, da muss ich keine Rücksicht nehmen, kann jeden Unsinn der mir in den Sinn kommt niederschreiben, ohne fürchten zu müssen dass mich jemand niederschreibt. Die „Lügenpresse“ schreibt jeden hoch und nieder der sich in ihre Niederungen begibt. „Ja das Schreiben und das Lesen sind nie mein Fall gewesen“ Deutsches Liedgut. Eigentlich bin ich Textdichter, konnte aber bisher nur einen einzigen Liedertext verkaufen. Eine befreundete Sängerin suchte einen deutschen Text für „I go to Rio“ den sie im Radio sang, er brachte mir dreihundert Mark ein. Ich hatte eine Stunde daran geschrieben, ein beachtlicher Stundenlohn. Ich war ein routinierter „Bühnenfuzzy“ geworden, man engagierte mich für Jazz und Rock-Konzerte, jede „Mucke“ brachte mir zusätzliche Gagen ein. Für jedes Konzert im Sportpalast hatte ich in meiner Jugend Eintrittskarten kaufen müssen, Jahre später ging ich dort als freier Mitarbeiter ein und aus, wir beschallten diverse Veranstaltungen: Sechs Tage Rennen, Holiday on Ice, Rudi Carel-Show, Beach Boys, Frank Zappa usw. Einer meiner Freunde war Tontechniker, er war der Boss, ich war der Bühnenfuzzy, stellte Mikrofone und Lautsprecher, sprach mit Künstlern und Managern, es ging aufwärts.

                                                                                                                                     MORBUS  BECHTEREW

 Mit meiner Gesundheit ging es abwärts, die Ärzte diagnostizierten einen „Morbus Bechterew“, Versteifung und Verkrümmung der Wirbelsäule, unheilbar. Schwere Schmerzen, die sich über Jahrzehnte hinziehen würden, der Anfang vom Ende. Alle Ärzte waren sich einig: Bewegung Bewegung Bewegung ! Ich entschied mich für tägliches Schwimmen im warmen Wasser. 32 Grad waren im Angebot, ich kaufte eine Jahreskarte für 1000 DM und kämpfte jeden Tag eine volle Stunde um mein Leben. Trotz schwerer Schmerzen schleppte ich mich jeden Tag zum Dienst, Tabletten und Spritzen hielten mich aufrecht. „Wir sind nicht zum Vergnügen auf der Welt“. Als man mir 70% Schwerbeschädigung bescheinigte, wollte mein Abteilungsleiter mich aus der Musikproduktion herausnehmen, ich war verzweifelt, liebte meine Arbeit, wollte nicht aufgeben.  Depressionen hatten mich ein Leben lang verfolgt, nur die Sonnenbäder im Sommer konnten sie vertreiben, Licht und Wärme waren die beste Therapie. Meine Schwester schenkte mir das Buch: „Grundformen der Angst“, hier fand ich mich zu hundert Prozent treffend als depressiv beschrieben, mir fiel es wie Schuppen von den Fischen. Endlich wusste ich wer ich war. „Wissen ist Macht“. „Die Macht des Schicksals“. Ich nahm mein Schicksal an, meine Medikamente ein und hielt die Schmerzen aus. Kämpfte tapfer gegen eine unheilbare Krankheit, war dankbar für meinen Job und die Möglichkeiten die er mir bot.

                                                                                                                                       CARLSBERG

Er bot mir mehr als ich je zu hoffen wagte, Ich stand mit berühmten Jazzmusikern auf der Bühne; Miles Davis und Gil Evans, Louis Armstrong und Sarah Vaughn, mit allen die ich kannte und liebte. Bei der Konzertreihe „Jazz im Garten“ im Garten der Nationalgalerie, bei den „Berliner Jazztagen“ in der Philharmonie, bei Konzerten in Frankreich, Dänemark, Tunesien, England, USA, ich war der „Hans im Glück der Musik“. Alles hatte ich jenem unbekannten Pförtner zu verdanken, der mich damals an die richtige Adresse geschickt hatte. Ich habe den Mann nie wieder gesehen, konnte mich nie bei ihm bedanken, er rettete mich vor dem Ertrinken, durch ihn konnte ich mich frei schwimmen. Schwimmen ist noch heute meine erste und wichtigste Aufgabe, ich gab nie auf. Mit Paul Kuhn und der Big Band, ein international besetzter Klangkörper, dem Solisten wie Eugen Cicero, Milo Pavlowich, Carmel Jones angehörten, spielten wir beim BBC in London, im Tivoli Kopenhagen, in Los Angeles usw. In Kopenhagen war das Orchester in der Carlsberg Brauerei eingeladen, wir betraten einen abgedunkelten Vorraum, die Eingangstüren wurden hinter uns geschlossen, nichts geschah, es war ein wenig beklemmend. Dann öffneten sich ringsherum mehrere Flügeltüren, Licht fiel herein, frisch geschenktes Bier wurde gereicht, eine Stehparty. Man geleitete uns in den Speisesaal, auf festlich gedeckten Tischen standen an jedem Platz fünf Flaschen Carlsberg, verschiedener Sorten, eine gelungene Inszenierung. Unsere Gesangssolistin war Caterina Valente, über sie sprach später einer der Musiker das höchste Lob aus welches ein Mann einer Frau gewähren kann: „Eine fantastische Frau, die ist wie ein Mann“. Ein „Frauenfeind“ mokierte: „Die spielt den Mann um in der Männerwelt als gleichwertiger Musiker akzeptiert zu werden“. Wie auch immer, echt oder gut gespielt; Eine großartige Frau und Künstlerin.

                                                                                                                                     DER  SEITENSPRUNG

Für das Kino blieb immer weniger Zeit, ich arbeitete Tag und Nacht, schlief oft nur wenige Stunden, meine Frau sah mich selten; „Du bist ja nie da“. Sie arbeitete in obskuren Jobs, nahm Laufmaschen an getragenen Seidenstrümpfen auf, eine Zeiterscheinung des Mangels. Endlich erwischte sie einen festen Job als Telefonistin, war wie ich häufig im Nachtdienst tätig, fing dort ein Verhältnis mit einem verheirateten Kollegen an. „Die Ehe ist ein Bund fürs Leben, der Seitensprung ist der Höhepunkt falscher Versprechungen“. Auch ich war zum Opfer einer festen Bindung geworden, hatte nach meiner Nachtschicht, unter Alkohol die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen. „Beneidenswert wer frei davon“ Francois Villon. „Nach Tagwerk und der Ehe Fron, der Mühe Lohn, Prostitution“. Zehn Jahre Ehe waren ins Land gegangen und hatten sich dort verirrt. „Irren ist menschlich“ sagte der Scheidungsrichter. Eines schönen Morgens mochte meine Frau das Bett des Geliebten nicht verlassen. Ein Schelm der böses dabei denkt, sie waren ja beide verheiratet, wenn auch nicht miteinander. Roswita kam vom Nachtdienst nicht nach Hause, ich suchte Trost bei meiner Schwester, glaubte an einen Unfall. Nun ja, solche Unfälle kommen alle Tage vor, Bei dem Versuch einem Kind auszuweichen, fallen Frauen häufig aus dem Bett. Mona ahnte als erfahrene Frau wohl den Grund des „Unfalls“, wir gingen zusammen essen, sie beruhigte mich so gut sie konnte. Konnte ich mir ein Leben ohne Roswita vorstellen? Wie konnte sie mir das antun? Sie konnte. „Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht von einem zum andern“. Ich liebe dieses Lied, es beschreibt in schlichten Worten die Lebensdauer von Gefühlen. Wie fühlt man sich „After the love has gone“ , ein geiler Song von Earth Wind and Fire, das Pendant in englischer Sprache. Hier wird die Schönheit der Vergänglichkeit gefeiert, man möchte sich sofort verlieben um diesen grandiosen Trennungs-Schmerz erleben zu dürfen. Dürfen wir verzweifeln? Nein, es gibt noch andere Lieder; „Wer wird denn weinen wenn man auseinander geht, wenn an der nächsten Ecke schon ein andrer steht“, „Denn an der nächsten Lampe, steht schon die nächste Schlampe“. Meine Schwester war eine bildschöne Frau, eine schwarzhaarige „Südländerin“, als sie heranwuchs hatte ich mich mit ihr geschmückt wenn wir zusammen ins Kino gingen. Sie liebte ihren großen Bruder, ich liebte meine kleine Schwester, hatte sie im Kinderwagen gefahren, auf meinen Schultern getragen, unachtsam vom Wickeltisch fallen lassen; Schuldgefühle wenn ich als großer Bruder versagt hatte. In Ost-Berlin sahen wir unpolitische West-Filme oder sozialistische „Blockbuster“ über die grandiose Oktober-Revolution, der erste Schritt zur Befreiung Russlands und der Welt, sowie die Meisterwerke von S. Eisenstein. Mit Bodo dem Tänzer hatte ich Jean Cocteaus: Orpheus und La Belle et la Bete gesehen. Vom: Kabinet des Dr. Caligari, war es nur ein kurzer Schritt zur surealen Malerei des Salvador Dali. Ich wurde „Sonntagsmaler“, malte aber auch an Wochentagen, mehr schlecht als recht, aber mit Ölfarben. Abstrakt wäre leichter gewesen aber ich wollte andere Welten schaffen, Fantasie entfalten, verblüffen und in Erstaunen versetzen. „Erstaune mich“ ist meine liebste Forderung. Herbert der Musiker riet mir meine Frau weg zu schicken, als ich es tat und sie tatsächlich ging, brach ich weinend zusammen.

                                                                                                                                        DER  STEIFE  HALS

Am Anfang meiner Wirbelsäulenerkrankung hatte mir eine Krankenschwester Hoffnung gemacht und mich zu einem „sehr guten“ Arzt geschickt von dem ich Wunder erwartete. Als ich sein Sprechzimmer betrat begrüßte er mich mit den Worten.“Und was haben Sie, Sie haben einen steifen Hals“. „Das wäre schön“ sagte ich; „Leider habe ich einen Morbus Bechterew“. „Das tut mir Leid, da möchte ich nicht mit Ihnen tauschen, dagegen haben wir noch nichts. Sie können jede Behandlung probieren und an einen Erfolg glauben, selbst wenn sie nach China reisen, in das Land der Akupunktur und Linderung der Schmerzen für einen Erfolg der Behandlung halten, diese Erkrankung folgt eigenen Gesetzen, die Schmerzen kommen in Schüben, sind nicht aufzuhalten, unheilbar aber nicht lebensbedrohend, sie können damit hundert Jahre alt werden.“ Da hatte ich den Salat, diese Suppe musste ich auslöffeln, Gott wollte mich prüfen. In der Folge wurde ich in Kuren mit Radon behandelt, die Schmerzen ließen nach und kamen mit großer Heftigkeit wieder, wie versprochen. Jahrzehnte lang musste ich diese Knechtschaft ertragen, wahrscheinlich die Gabe einer bösen Fee, die kurz nach der Geburt meine Wirbelsäule mit einem Zauberstab berührt hatte, nur Harry Potter hätte hier helfen können. Während einer Kur hatte meine Frau ihren Liebhaber mit in unsere Wohnung gebracht, von Nachbarn argwöhnisch beobachtet. Geschmacklos aber nicht neu, schließlich hatte ihre Liebe zu mir auch einmal so angefangen. Tatsächlich hatte sie mich am Anfang unserer Beziehung buchstäblich angehimmelt, wahre Liebe, nur eben begrenzt. Natürlich war auch ich nicht unschuldig am Geschehen gewesen; „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“. Mich hatte ihr Sohn zermürbt, meine Krankheit hatte sie zermürbt; „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“. Wir wurden geschieden, aber erst nach dem wir in letzter Minute einen zweiten Anwalt erwählt hatten, ein Formfehler, für den immer einige Anwälte am Ort in Bereitschaft waren. „I never fall in love again“ US-Liedgut.

                                                                                                                                         DER  ANTRAG

Als Roswita geschieden wurde lebten wir schon zwei Jahre verliebt und glücklich zusammen, was sollte uns trennen, wenn nicht ein neuer Ehevertrag den man zu brechen hatte. Sie wollte mich heiraten, der Antrag ehrte und ängstigte mich, wollte sie alles zerstören? Eine solche Ehe wäre nicht standesgemäß gewesen, ich der Intelektuelle Cineast; Fellini, Bergmann usw. Jazz-Kenner, perfektionierter Hilfsarbeiter bei Funk und Fernsehen, bekennender Autodidakt ohne Auto – Sie eine Expertin für Laufmaschen, liebte Edgar Wallace-Filme und seichte Schlager, wohin sollte das führen? Meine Eltern hätten dieser Verbindung niemals zugestimmt. Ich fragte Roswita warum sie mich heiraten wolle, sie antwortete: „Mit dir werde ich niemals Langweile haben“. Die Ehe ist also das beste Mittel gegen Langeweile, vorausgesetzt man findet den geeigneten Hofnarren. Schon auf dem Hinterhof, wo sich damals unsere Außentoilette befand, hatte ich gern den Narren gespielt, ich hatte eine Begabung zum Schauspieler, die Jury der Schauspielschule war unbegabt gewesen. Die größten Begabungen werden meist abgelehnt, siehe auch die von mir verehrte Lisa Eckhard, eine geborene Schauspielerin mit enormer Begabung. Ich bin ein glänzender Erzähler von Witzen, schmücke aus, baue die Pointe gekonnt auf, schieße sie ab und treffe ins Ziel wie Robin Hood. Das sage nicht ich, sondern meine Zuhörer. Erst spät erkannte ich meine Talente und die resultierende Beliebtheit. Bis dahin hatte ich mich als Versager in meinen Depressionen gewälzt wie das Schwein im Schmutz. Ich war ein Narr ohne Hof gewesen, nun machte Roswita mir den Hof. Konnte ich die Liebe dieses Menschenkindes zurückweisen, ihren Antrag ablehnen, sollte ich dem Dünkel meiner Eltern zuwider handeln, eine Enterbung riskieren, meine Würde verlieren, jenes unantastbare Gut jedes Menschen. Würde ich den Verlust der Würde überleben, würde nicht ein Freitod am Ende der einzige Ausweg sein? All diese Gedanken schossen mir durch den Kopf wie Leuchtspur-Raketen einer Stalinorgel in dunkler Nacht. Liebe geht seltsame Wege, der seltsamste ist der zum Standesamt. Roswita hatte Hawaii und Fidji als Ziel für die Hochzeitsreise abgelehnt, Sie wollte nach Balkonien, ein beliebtes Ziel für die gehobene Unterschicht des prekären Proletariats der Besitzlosen. Ich hörte Stimmen: „Now you are in for it“ sagte eine von ihnen, warum hatte ich ja gesagt, wusste ich doch nur zu gut wie so etwas endet.

 Kurz vor dem Ende dieser Ehe, ich ahnte noch nichts böses, spielte ich vor meiner Frau wieder mal den Pausenclown, gab eine improvisierte Showeinlage, tanzte wie Fred Astaire, lüftete den imaginären Zylinderhut, schwang das Stöckchen, riskierte einen Stepptanz, eine leicht feminine Darbietung, nach dem alten Motto: „Nie wieder Langeweile“. Zehn Jahre Ehe hatten mein Showtalent abgenutzt, die frühere Begeisterung meiner Frau war unwiederbringlich dahin, sie kannte mein Repertoire auswendig, angewidert sprach sie mir ihre Verachtung aus: „Du alte Tunte“. Ich war ernüchtert und wusste was die Glocke geschlagen hatte. So endete eine Liebe.

                                                                                                                                       VERRÜCKT

Ich war allein, meine Frau liebte mich nicht mehr, liebte ich sie noch, oder fehlte mir die „Krankenschwester, das betreute Wohnen“, der Halt den sie dem Depressiven gab, eine Aufgabe die über ihre Kraft ging, zumal ihr einziges Kind zum Drogenopfer geworden war, das ebenfalls gestützt werden musste. Sie flüchtete in eine neue Beziehung zu einem verheirateten Mann, was erneut Kraft kostete. „Wir sind nicht zum Vergnügen auf der Welt“.“ Erst die Arbeit dann das Vergnügen“ sagt der Volksmund. Ich arbeitete viel aber die Freizeit war kein Vergnügen, die Wellen der Depressionen schlugen über mir zusammen wie das Meer nach dem Wunder der Öffnung. Vergeblich wartete ich auf das Wunder der Erlösung, das Licht am Ende des Tunnels, die Befreiung von der Last meiner negativen Gedanken, dem trostlosen Weltbild von Krankheit, Krieg und endlosem Leid, der Sinnlosigkeit allen tun`s in einer grausamen Welt. Sogar bei der geliebten Arbeit im Tonstudio gab es Momente der Verzweiflung in denen seltsame Gedanken mich heimsuchten. In einer Pause saß ich unter Kollegen im Regieraum und dachte: „Hoffentlich merken die nicht dass ich verrückt bin“. Verrückt war ich wohl, ich liebte Salvador Dali und all die anderen Verrückten, aber ich war nicht geisteskrank, immerhin ein Unterschied. Ein Kollege war nach Ehebruch, Scheidung, Verlust der geliebten Kinder, tatsächlich verrückt geworden, hatte im Suizid den letzten Ausweg gesehen. Ein Erfolgsmensch, keiner hatte es ihm zugetraut. Meiner Exfrau Roswita verdanke ich einige glückliche Jahre, „Es war nicht alles schlecht“. Ein beliebtes Wort der Verdrängung eines Trauerspiels deutscher Geschichte. „Die unendliche Geschichte“, ein Kinderbuch, aber auch die passende Überschrift zur blutrünstigen Geschichte der Menschheit. „Ein Mensch, wie stolz das klingt“ Gorki. Mancher Tor ist stolz ein Deutscher zu sein, eine stolze Leistung zu der er nichts geleistet hat.

                                                                                                                                             PRESSEBALL

Als die Presse noch nicht als „Lügenpresse“ verschrien war feierte die Prominenz jedes Jahr einen Presseball in Berlin, unsere Big Band spielte dort zum Tanz, ich durfte dabei sein. Smoking war Arbeitskleidung, „Kleider machen Leute“. Beim Auf und Abbau machten wir uns die Hände schmutzig aber in der Verkleidung wirkten wir wie gut betuchte Ballbesucher, die hohe Eintrittspreise aus der Portokasse bezahlten. Wir bekamen Gutscheine, gegessen wurde im Keller, „Wir Kellerkinder“. Das erinnerte  an die Bombennächte im Luftschutzkeller, rief böse Erinnerungen wach. In späteren Jahren wurde oben gegessen, „Es wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird“, man muss abwarten können. Der Smoking im Dienst war ein Fortschritt gegenüber der Arbeitskleidung die ich als „Häs`chen in der Grube“, beim ausheben eines Erdlochs auf dem „Kudamm“ getragen hatte. Mein Freund Herbert spielte mit seiner Band ebenfalls auf dem Presseball, er war Elektriker gewesen und hatte es zum Bandleader geschafft, ich bewunderte und beneidete ihn um seinen Fleiß, seine Ausdauer an der Trompete, ein Instrument bei dem Mundstück und Ansatz so wichtig waren. Ich wusste wohl dass er Nächte lang an Arrangements schrieb für die es am Ende nur einen bezahlten Auftritt gab, jedes Ding hat zwei Seiten. Schwermütig wie ich war, beneidete ich ihn um seine lockere, unbekümmerte Art, die er mit seiner Freundin teilte. Sie trat bei ihm als Sängerin auf, ein hübsches, fröhliches Mädchen mit umwerfendem Charme, ein Profi auf der Bühne, eine Künstlerin mit Herz. Für beide hatte ich Liedertexte geschrieben, wir hatten Schallplatten gemacht, mit großen Hoffnungen und kleinen Erfolgen, der Weg nach oben ist mühsam, nicht jeder kommt groß raus. Ich hatte gute Freunde, wir waren im Showgeschäft, unser Leben war voller Musik, wir waren happy.

                                                                                                                                                 LONDON  UND  PORTO

Einmal pro Woche besuchte ich einen Sprachkurs der von meiner Firma bezahlt wurde, verbesserte mein Englisch und war geeignet mit unserem Orchester nach London zu fliegen wo es ein Konzert in der Royal Albert Hall gab. Hinter den Kulissen trank ich Bier mit den englischen Kollegen und erzählte Witze in englischer Sprache, was meinen deutschen Kollegen Kurt sehr beeindruckte. Vorher hatte er oft gemeckert wenn ich in Berlin für zwei Stunden den Dienst im Studio vernachlässigte um den Sprachkurs zu besuchen. Bei einer weiteren Dienstreise nach Portugal waren wir zwei wieder mit im Team, in Porto holte uns eine Deutsche am Airport ab, begleitete uns zu unserem Hotel, sprach mit dem Personal in der Landessprache, wir erhielten unsere Zimmerschlüssel, öffneten unsere Koffer, hingen Kleidungsstücke in die Schränke und begaben uns zur Konzerthalle. Wir besichtigten die Bühne, nahmen an der ersten Besprechung teil und fuhren mit der Taxe zum Hotel zurück. Beim Eintreten bemerkte ich zwei kleine Berge lose aufgehäufter Kleidungsstücke mit Reisepässen obenauf und traute meinen Augen nicht; Es waren unsere Kleidungsstücke und unsere Pässe. Empört verlangte ich Auskunft, aber nun sprach keiner mehr Englisch. Man hatte uns irrtümlich die falschen Zimmer gegeben und einfach wieder rausgeworfen. Welcome to Porto.

                                                                                                                                                DIE  MAUER

Meine süße kleine Schwester war zu einer schönen jungen Frau herangewachsen, hatte sich in Ostberlin eine hübsche Wohnung eingerichtet, zu einer Zeit als niemand die Absicht hatte eine Mauer zu errichten, eine Fehlinvestition wie sich zeigen sollte. Der pure Leichtsinn trieb ihren „republikflüchtigen“ Freund, der in Westberlin im Lager lebte, immer wieder in den Osten der Stadt, er hatte dort meine Schwester kennen gelernt und bei ihr die entscheidende Nacht ihres Lebens verbracht; „Klappe zu, Affe tot“. Es ging um Leben und Tod als sie vom Bau der Mauer hörten, Flucht in letzter Minute. Meine „Flucht“ war ein Spaziergang gewesen, gefahrlos hatte ich die Fronten gewechselt, hatte nie in einem Auffanglager gelebt, ohne Bürokratie einen neuen Pass bekommen, war arbeitslos aber frei. Mona hätte in der „Hauptstadt der DDR“ bleiben können, sie war nicht gefährdet, wollte jedoch mit ihm gehen. „Willst du mit mir gehn“ Deutsches Liedgut. Lied gut, Mauer schlecht. Liebe geht seltsame Wege, sie überwindet Mauern um ihre Wahrhaftigkeit zu untermauern. Nach langer verzweifelter Suche überwanden sie die im Bau befindliche Mauer in dem sie über eine Mauer kletterten. Ein unbewachter Friedhof grenzte an den westlichen Teil der Stadt, hinter der Mauer lauerte die Freiheit. „Auf der Mauer auf der Mauer sitzt ne kleine Wanze“ Kinderlied. Alle „Wanzen“ der Stasi und „Das Leben der Anderen“ hinter sich lassend sprangen sie von der Friedhofsmauer in ein anderes Leben. „Der Weg ins Freie“ mit Christina Söderbaum. Wer soll denn das sein, nie gehört. Das Leben ist ein Film, meistens ist man im falschen. Veit Harlan hat die falschen Filme gedreht, dabei aber richtig kassiert. „Kunst geht nach Brot“. Millionen Deutsche waren im falschen Film gewesen, Regie hatte ein unbekannter Kunstmaler der den Beruf gewechselt hatte, an der Kamera Leni Riefenstahl. Millionen von Kleindarstellern hatten seine Regieanweisungen befolgt, der Film hatte international Aufsehen erregt, eine Produktion der Superlative, keiner kam daran vorbei. Noch heute laufen Ausschnitte im Fernsehen, wird der Regisseur besudelt und gelobt. „Es war nicht alles schlecht“. Natürlich kann es einem dabei schlecht werden, es war der größte Horrorfilm aller Zeiten. Er hat nie wieder einen Film gedreht.

                                                                                                                                      DER  AMATEUR

Ich drehte Schmalfilme und Videofilme, mit unterlegter Musik, meine Frau wurde von mir missbraucht „Vergewaltigung in der Ehe“ die Hauptrollen zu spielen und hinter der Kamera mitzuarbeiten. Im Urlaub auf Ibiza drehten wir auf einer Burg über der Stadt, bei glühender Hitze Einzelbilder eines „Geldkoffers“ der sich fortbewegte. Waren diese mörderischen Dreharbeiten der wahre Scheidungsgrund, wurde hier der Grundstein des Anstoßes gelegt, waren nicht meine sadistischen Regieanweisungen der Anfang vom Ende einer wunderbaren Beziehung? Erbarmungslos wie Alfred Hitchcock seine blonden Schönheiten, quälte ich die mir ausgelieferte Frau bis aufs Blut. Heute stände ich wegen „Me too“ vor Gericht und hätte Drehverbot.

Ich versuchte mich in vielen „Brotlosen Künsten“, nahm rohes Fleisch in den Mund um es als eigene Zunge mit dem Stiel einer Rose zu durchbohren, filmte den Vorgang um meine wenigen Zuschauer im privaten Kreis zu schockieren. Ich präparierte zugeschnittenes Papier als Bündel echter Banknoten um einen Koffer voller Geld vorzutäuschen, was mir trefflich gelang, neugierig fragten meine Freunde wie ich das gemacht hätte. Für das Filmen hatte ich ein anderes Hobby aufgegeben, was mir später leid tat. Ich malte keine Bilder mehr, hielt mich für unbegabt, mit abstrakter Malerei konnte ich keine Geschichten erzählen, Farben allein genügten mir nicht. Meine ersten Versuche als Anfänger zeigen meine blau/grüne Phase, dunkle Farbtöne die meiner depressiven Grundstimmung entsprachen, was mir erst später bewusst wurde. Heute liebe ich helle und grelle Farben, habe eine fast krankhafte „Farbengeilheit“ entwickelt, Farben in Mode, Natur und Kunst ziehen mich magisch an. Die Weiterentwicklung der Bildröhre zum riesigen 4 K – Bildschirm versetzte mich in einen Freudentaumel, beglückende Farben leuchteten schöner als die Wirklichkeit.

                                                                                                                                        KRANKHEIT  UND  KUR

Die Verkrümmung und Versteifung meiner Wirbelsäule ging unaufhaltsam weiter, die Schmerzen waren unerträglich, schwere Rheumamittel waren mein täglich Brot, alle zwei Jahre fuhr ich zur Kur, blieb aber nie der Arbeit fern. In der Früh schlich ich wie ein alter Mann zum Bus, konnte mich während der Fahrt nicht setzen, musste die Erschütterungen mit weichen Knien stehend abfedern weil jede Bodenerhebung schlagartig Schmerzen auslöste. Auf der Arbeitsstelle angekommen, wartete ich auf den Beginn der Sprechstunde, schlich zum Arzt um eine Spritze zu bekommen. Oft wünschte ich mir ein Indianer zu sein; „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Meine Kollegen sahen wie ich litt und nahmen mir schwere Lasten ab. Große Lautsprecher, Kesselpauken, Marimba und Vibrafon musste ich nicht bewegen, konnte mich auf Mikrofone und Kabel beschränken. Noch heute bin ich ihnen dankbar, sie ermöglichten mir die Fortsetzung meiner geliebten Arbeit trotz schwerer Krankheit. Während einer Krise erlitt ich einen Weinkrampf vor ihren Augen. Was hat er denn? fragte einer ratlos. Er hat Kummer, sagte ein anderer. Kummer und Verzweiflung gehörten zu meinem Leben, „Das Leben ist kein Streichelzoo“. Tatsächlich mangelte es an Streicheleinheiten, ich lebte allein, meine gebückte Körperhaltung, mein schmerzverzerrtes Gesicht lockten keine Frauen an, trotz jugendlichem Aussehen „sah ich alt aus“. Meine Haltung war unfreiwillig devot, meine „Verbeugung“ chronisch. Oft erschrak ich beim Anblick meines Spiegelbildes wenn ich mich unerwartet in einem Schaufenster sah, konnte ich als „Glöckner von Notre Dame“ noch vor Publikum auf der Bühne arbeiten? Unermüdlich setzte ich das Schwimmen im warmen Wasser der Thermen fort, kämpfte mit dem Mut der Verzweiflung gegen die unerbittlich fortschreitende Verkrümmung an. Abends suchte ich Trost beim Bier, verzichtete sogar während einer Hungerkur nicht auf „König Alkohol“ und konnte das Märchen: „Bier macht dick“ widerlegen. Bei einer „Eiweiß plus Diät“ nahm ich täglich etwa tausend Kalorien fester Nahrung auf, trank jedoch etwa vier Liter Bier. Meine Kur war eigentlich ein Selbstbetrug gewesen, hätte so nicht funktionieren dürfen. Nach acht Monaten hatte ich zwanzig Kilo abgenommen und halte bis heute ein Idealgewicht von fünfundsechzig Kilo. „Bier macht dünn“ muss es also heißen, aber das glaubt mir sowieso keiner. Mit fünfundachtzig Kilo litt ich an Schweißausbrüchen, im Winter taten mir abendliche Spaziergänge durch den Schnee wohl, jede Abkühlung war willkommen. Das war nach der Abmagerung vorbei, seit dem friere ich erbärmlich.

                                                                                                                                 DER  GLÖCKNER  VON  MOMBASA

Früher dachte ich im Winter ist es kalt, man muss sich warm anziehen und den Ofen heizen, später umging ich das Naturgesetz und flog nach Afrika. Kenia war wärmer als Spanien und schwarze Frauen billiger als weiße. Ich war jedoch naiv und schüchtern, ein weißer Krüppel in einem schwarzen Land. Eine eingefallene Brust, ein hervorstehender Bauch, Merkmale meiner Erkrankung machten mich zu einer Witzfigur, ein kindisch dummer Urlauber, sehr jung und sehr respektlos, bekam einen Lachkrampf bei meinem Anblick. Ich war erschreckend dünn geworden, meine Knie waren nie durchgedrückt um einen graden Rücken vorzutäuschen, eine groteske Erscheinung, ein „alter Mann“ mit jugendlichen Gesichtszügen. Solche Lachanfälle erlitten in späteren Jahren noch weitere junge Menschen wenn sie mich sahen, das sind vermutlich die gleichen welche in tosendes Gelächter ausbrechen wenn im Kino auf der Leinwand der Kopf eines Menschen in Großaufnahme explodiert und das Gehirn in slow motion auseinander spritzt. Ich war entsetzt als ich das zum ersten mal erlebte, eine solche Verrohung machte mir Angst. Ich liebe das Kino und seine Tricks aber was zu weit geht, geht zu weit. Zumal dann, wenn es auf verblödete, brutalisierte Jugendliche trifft die sich am Abschlachten von Menschen aufgeilen. Sadismus ist eine Krankheit und keine „Horror picture show“. Das Sonnenlicht vertrieb meine Depressionen, der Winter war nicht mehr kalt, ich hatte ihn überlistet. Wenige schwarze Frauen tanzten zur Musik der Hotel-Band, sie suchten Kunden, durften jedoch nicht im Hotel übernachten. Meine Scheu spielte hier keine Rolle, mein Aussehen auch nicht; „Love for sale“ US-Liedgut. Mir fehlte die Erfahrung aber ich lernte schnell, begleitete eine dunkle Schönheit in ihr armseliges Zuhause und kam als Sextourist in mein Hotel zurück. Ich war nicht schön, ich war nicht reich aber es reichte. Nach Mombasa war es nicht weit, eine Taxe brachte mich zu einer bekannten Disco. Leicht bekleidete Schönheiten zeigten eine beachtliche Tanz-Show, eine der Tänzerinnen „verliebte sich“ in den buckligen Glöckner und nahm mich mit in ihre Wohnung. Ich liebte ihre dunkle Haut, sie liebte meine Großzügigkeit. Ihr Bett stand an der Wand, die war mit schönen weißen Frauen beklebt, ich fragte warum. „Das sind deine schönen weißen Schwestern“ sagte sie, mehr ist dazu nicht zu sagen. Irgendwann landete ich im verrufenen Stadthotel wo die Mädchen einem verbotenen Beruf nachgingen, der Prostitution. Man wartete bei einem Drink auf Kundschaft, durfte aber nicht in das Hotel hineingehen. Hier traf ich „Rose“, es war ihr Künstlername, „Der Name der Rose“ sie war klein und zierlich, eine hübsche junge Frau, auch sie „verliebte“ sich in den hässlichen Weißen. Hier galt ein anderes Schönheitsideal, niemand lachte über meine deformierte Figur, ich war willkommen. Die dunklen Frauen erhellten meine Stimmung, dunkle Frauen sind schöner als dunkle Wolken. Rose wohnte in einer Pension, ihr bescheidenes Zimmer wurde unser Liebesnest, ich war verliebt und glücklich. Nun begann der Zwiespalt, den alle verliebten Sextouristen kennen, man muss die geliebte Frau nach wenigen Wochen Urlaub verlassen, in der kalten Heimat den Job machen, das Geld verdienen, mit dem man sie zu bezahlen hatte. Monate würde es dauern ehe man sie wiedersehen würde. Würde man sie wiedersehen oder würde man seine Würde als Mann verlieren? Die Würde des Mannes wäre unantastbar, würde er sich nicht in eine Nutte verlieben. Zum Abschied schenkte ihm Rose eine Rose; „I beg your pardon, i never promised you a rose garden“ US-Liedgut.

                                                                                                                        DER  LIEBESKASPER

Sextouristen sind nicht auf Rosen gebettet, sie wissen dass die Geliebte eine “Vielgeliebte” ist die täglich neue Männer im Schoss hat während der verliebte Narr sich in der Heimat selbst befriedigt ohne wahre Befriedigung zu finden. In der Presse liest er von Sexorgien der American Navy, wo weiße Matrosen amerikanische Traditionen weiterführen, Sklavinnen auf dem „Schwarzen Markt“ kaufen. Unser Mann ist eifersüchtig auf jeden Flugzeugträger der dort vor Anker geht, die Stadt mit Matrosen und die Mädchen mit Sperma überschwemmt, er war nicht nur in ein Mädchen sondern auch in eine aussichtslose Situation hineingerutscht. Ich machte meinen Job, sammelte Überstunden, beantragte Urlaub, flog zu Rose, sie war mir treu geblieben. Ihr Körper war käuflich, ihr Herz gehörte mir. „Ein Herz kann man nicht kaufen“ Deutsches Liedgut. Ich liebte ihren Körper von ganzem Herzen, wir waren ein Herz und eine Seele. Verliebte Männer werden nicht müde die Geliebte zu fotografieren, mit jedem Foto wächst der Besitzerstolz, „Diese Frau gehört mir“ US-Film. Nackt hockte Rose unter der Dusche und reinigte ihren kostbarsten Besitz, das von Männern begehrte „Himmelstor“, die Pforte zur Glückseligkeit, als ich sie fotografierte. Sie wendete mir ihr hübsches Gesicht zu und lächelte. Als ich ihr das fertige Foto gab, wollte sie es nicht annehmen, sprach von „Police“, ich wusste nicht was gemeint war. Ich wohnte im Stadthotel, Rose war erkrankt, ihre beste Freundin, eine bildschöne junge Frau schleppte mich ab, ich konnte ihr nicht widerstehen, alle Männer sind Schweine. Natürlich erfuhr Rose davon und machte eine Szene. Ich vergaß meine Missbildung, fühlte mich als Playboy, behandelte meine hysterische Freundin vor all den anderen Mädchen schlecht, das trug mir Kritik ein. Rose verzieh mir und ihrer Freundin, alles war wieder gut.

                                                                                                                      LET`S  DANCE

Gut war gar nichts, ich hatte Schmerzen, ging gebeugt, beugte mich den Launen meiner Geliebten, kein Tag ohne Stress. Rose nahm Drogen und auf mich keine Rücksicht. Alle Mädchen nahmen Drogen, tanzten in der Disco die Nächte durch, ermüdeten nie. Umgeben von schwarzen Schönheiten in weißen Jeans und hellen Kleidern, trank ich das heimische „Tusker“, ein Bier das einen Elefanten als Logo trug und sogar Elefanten umhauen konnte. Hatte ich mich früher bei Foxtrott und Walzer auf der Tanzfläche wie ein Elefant bewegt, so lief ich hier zu meiner Hochform auf. Damals gab es noch viel „Schwarze Musik“ in der Disco, da ging noch die Post ab und der Beat in die Beine. Mein Jazz-Feeling machte mich zum besten Tänzer von allen, vom Alkohol befeuert erregte der weiße Krüppel die ungeteilte Aufmerksamkeit des schwarzen Publikums, Rose und ich waren das Tanzpaar des Abends, man bewunderte und beneidete uns, es wurde applaudiert. Böswillige Neider machten mich kampfunfähig, ich klebte an meinem Stuhl, konnte mich nicht erheben, war wie gelähmt, man hatte mir eine Droge ins Bier geschüttet. Terpsichore, die Göttin des Tanzes hatte mich nicht beschützt. Wir waren gewarnt, leerten unsere Gläser bevor wir die Tanzfläche betraten. Nach vielen Bieren wollte ich gewöhnlich gehen, war abgefüllt und müde. Rose nahm andere Drogen, Aufputschmittel mit Langzeitwirkung, was kümmerte sie mein altmodisches Bier und seine einschläfernde Wirkung, sie wollte tanzen, dazu brauchte sie mich nicht.

                                                                                                               DER  MISSBRAUCH  DER ROSE

Ich hätte sie gebraucht um sie zu missbrauchen, wie es bei alten weißen Männern Brauch ist. Bei jungen Frauen ist es Brauch sich zu verweigern, was häufig zur Vergewaltigung in der Ehe oder in der Beziehung führt. Eine Beziehung als Grund für eine Vergewaltigung zu missbrauchen ist echter Missbrauch. „Der Missbrauch ist ein alter Brauch, die Frau missbraucht den Mann ja auch“. Rose und ich, wir brauchten und missbrauchten einander bis mein Urlaub, mein Geld und meine Nerven aufgebraucht waren. Es war nervenaufreibend am nächsten Tag von meinem Stadthotel zu ihrer Pension zu fahren, sich mit ihr und den Umständen zu versöhnen; „I beg your pardon, i never promised you a rose garden“. Rosengärten finden sich erst in heutiger Zeit in Kenia, man gräbt den Bauern das Wasser ab um Rosen zu züchten und Schnittblumen zu exportieren, Zucht statt Unzucht.

Im Lande von Zucht und Ordnung kam wieder Ordnung in mein Leben, der Winter kühlte meinen Sexualtrieb und meinen Liebeswahn ab, ich fand Freude und Ablenkung in meinem geliebten Job, betreute unsere zahlreichen Musikinstrumente, vergab sie an Studiomusiker deren Können ich bewunderte, schaute ihnen auf die Finger wenn ich Mikrofone im Orchester aufbaute. Ich war Teil des Ganzen, sah und hörte wie eine Aufnahme entstand; „Hier spielte die Musik“.

                                                                                                               SCHWARZE  BULLEN  WEISSE  FREIER

In Mombasa spielte die Musik in einem weiteren Treffpunkt der Prostitution, im MEET THE BEAT spielte eine Band zum Tanz, man konnte im Garten essen, ein Ort der Begegnung. Rose unterrichtete mich in guten Tischmanieren als ich Reste und Knochen an den Tellerrand schob, sie wollte mir den Blick über den Tellerrand ermöglichen und warf sie einfach unter den Tisch. Ein schöner Abend unter Palmen, das Essen war gut, die Band war gut, mein Mädchen war mir gut. Das Bier war kalt, die Nacht war warm, mir wurde warm ums Herz. Rose kam von der Toilette, ein junger Schwarzer wurde zudringlich, packte sie am Arm, benahm sich wie ein eifersüchtiger Ehemann. Rose schlug mit beiden Fäusten auf ihn ein, eine schmale kleine Person mit dem Herzen einer Löwin. Der Mann zerrte sie auf die Straße, ich folgte ihnen, wusste die Situation nicht zu deuten bis jemand sagte der Mann sei Polizist in Zivil es wäre eine Verhaftung wegen Prostitution. Ich drängte Rose in ein bereitstehendes Taxi, stieg nach wollte mit ihr fliehen aber der merkwürdige Polizist setzte sich neben den Fahrer und bestimmte das Ziel. Vor dem Revier musste ich das Taxi zahlen, drinnen wurden wir verhört. Ich beschrieb das Verhalten des Beamten als ungewöhnlich, sprach von einem „eifersüchtigen Ehemann“, bezeichnete Rose als meine Verlobte und zukünftige Frau. Eine Frau in Uniform hatte mich angehört, bestimmte einen neuen Termin für den nächsten Tag, wir durften gehen. Am nächsten Vormittag schilderte ich dem Chef des Reviers den Hergang erneut, betonte Verlobung und Heiratspläne, er akzeptierte meine Argumente, reingewaschen verließen wir das Revier, Rose war keine Nutte, ich war kein Freier, wir waren frei. Meine „zukünftige Ehefrau“ war verwundert, fragte warum ich das gesagt hatte, sie hatte nichts begriffen.

                                                                                                                              IM  STRAFLAGER

Auch hatte nichts begriffen, hatte die Situation der rechtlosen Frauen falsch eingeschätzt, es war ja alles gut gegangen, ich hatte die Vorwürfe entkräften können ohne meine Heiratsabsichten beweisen zu müssen, ein harmloses Katz und Maus-Spiel, eine lustige Einlage die man belächeln konnte. Frohen Mutes traf ich nach einigen Monaten in Mombasa ein aber meine Geliebte war nicht aufzufinden. Verzweifelt saß ich im Garten meines Stadthotels als eine Freundin von Rose auftauchte und mir erklärte sie wäre im Gefängnis und könne nur bei Zahlung einer hohen Strafe entlassen werden. Es war eine Menge Geld was da verlangt wurde, ich glaubte an eine Erpressung, dachte man wolle mich reinlegen aber die Freundin überzeugte mich, das Geld sei direkt an eine Polizeibehörde zu zahlen, dann käme sie frei. Die Freundin begleitete mich zu der Behörde wo eine bösartige Frau, sie verkörperte das Gesetz, das Geld in Zahlung nahm und die Entlassungspapiere ausstellte. Wir fuhren zu einem Gefängnis außerhalb der Stadt, ich lernte mein Urlaubsparadies von einer anderen Seite kennen, ein flaches Gelände in flirrender Hitze, niedrige Bauten, ein riesiges Straflager, mein Herz schlug bis zum Hals als mein Liebling in der Ferne auftauchte. Ich war entsetzt über ihr Aussehen, sie war dünn wie ein Strich hatte einen gehetzten Blick, zeigte keine Gefühlsregung als sie mich sah, noch nie hatte ich einen Menschen in einem solchen Zustand gesehen. Ihr Gesicht war ausdruckslos, ihre Augen bewegungslos, meine Worte erreichten sie nicht, zwei Monate Haft hatten sie völlig zerstört.

                                                                                                                              DIE  FAUST  IM  NACKEN

Wir lagen in ihrer Pension auf dem Bett, an Sex war nicht zu denken, wer weiß was man ihr im Gefängnis angetan hatte, sie war eine gebrochene Persönlichkeit. Dem Recht war Genüge getan, sie war für ein ungeheuerliches Verbrechen, Geschlechtsverkehr gegen Bezahlung, bestraft worden, ich hatte die Geldstrafe bezahlt, so ist`s Recht. Endlich wurde auch mal der Freier bestraft, er ist der Anstifter, nötigt die Frauen obwohl er es nicht nötig hätte, könnte ja onanieren, keiner käme zu Schaden. Jede Ehefrau wird mit teuren Geschenken bezahlt, wenn der Ehemann nicht zahlt ist es Vergewaltigung in der Ehe. Die Welt braucht mehr Gesetze und mehr Strafen, „Strafe muss sein“. Gesetze sind ein Naturgesetz, sie liegen in der menschlichen Natur. Gesetze müssen mit aller Härte durchgesetzt werden sonst setzen sich die Gesetzlosen durch. Rose war mit Freiheitsentzug bestraft worden, ich wurde mit Liebesentzug bestraft, Sie ließ sich nicht anfassen. Fassungslos erfuhr ich von meiner Mitschuld. Die Polizei hatte Rauschgift gesucht, fand bei Rose nur ihr Foto, nackt unter der Dusche, welches ich aufgenommen hatte. Ein „eindeutiger Beweis“ für verbotene Handlungen. Auch dem Richter, Rose kannte ihn als Gast des Tanzschuppens MEET THE BEAT (ein Schelm wer schlechtes dabei denkt), genügte das harmlose Foto als Beweis für „ich weiß nicht was“.

Rose hatte stets wenig, in der Haft gar nicht gegessen, war erschreckend dünn geworden, ein bedauernswertes Geschöpf, sie war vom Gesetz vergewaltigt worden. Langsam erholte sie sich, aber der Schock saß tief, ständig war sie in Angst bei irgendeiner Handlung das Gesetz zu verletzen und erneut eingesperrt zu werden.

                                                                                                         DAS  ENDE  NAHT

Für den nächsten Urlaub hatte ich ein Strandhotel für zwei Personen gebucht, tatsächlich durfte Rose mit mir dort einziehen. Das war zuerst schön, führte aber bald zu Streitereien, sie fühlte sich dort nicht wohl, pinkelte nachts ins Bett, ich nahm die Schuld auf mich. In der Isolation des Strandhotels waren wir jeden Abend in der Hotelbar den Anfeindungen deutscher Urlauber ausgesetzt, welche die Anwesenheit einer „schwarzen Nutte“ in „ihrem“ Hotel nicht dulden wollten. Von schwarzer Polizei verfolgt und eingesperrt, von weißen Touristen im eigenen Land diskriminiert, kein Wunder wenn sich schwarze Mädchen weiße Frauen an die Wand kleben. Ich glaubte sie „retten“ zu müssen, wollte Rose beim nächsten Besuch nach Deutschland mitnehmen, kaufte ein zweites Ticket, tat damit den zweiten Schritt vor dem ersten. Diesmal wohnte ich wieder im Stadthotel, alles schien in Ordnung zu sein aber Rose zeigte wenig Begeisterung. Als wir uns um einen Reisepass bemühten wurde ein solcher strikt verweigert. Man vergab keine Pässe an Frauen, die im Ausland zur Prostitution gezwungen werden könnten. Aus der Traum! Rose blieb erstaunlich kühl, brachte jedoch erstmalig ihren „Bruder“ ins Spiel, der entsprechende Beziehungen hatte und ihr einen Pass besorgen würde. Von nun an hatten wir ihn jeden Abend beim Bier am Hals, er kassierte laufend Bestechungsgelder und erfand Ausreden. Rose spielte sein Spiel mit, ich war nun endgültig in den Fängen einer kriminellen Familie gelandet. Offenbar wollte sie gar nicht „gerettet“ werden, wollte ihr Land nicht verlassen. Vergessen die Angst vor Polizei und Knast, sie hatte sich verändert, brauchte mich nicht mehr. Der Rest waren endlose Streitereien um die „Bemühungen des Bruders“ und ein Abschied für immer, so endete eine Liebe. „Everything must change“ US-Liedgut.

                                                                                                                          DIE  RETTUNG  DES  RETTERS

Ich flog nie wieder nach Kenia, habe Rose nie wieder gesehen, was blieb sind Fotos und „Liebesbriefe“, Erinnerungen eines weißen „Playboys“ der dunkle Haut liebte und sich trotz seiner verunstalteten Figur von den Mädchen angenommen fühlte. Bevor ich Rose traf war ich mehrfach im Lande gewesen, hatte in isolierten Strandhotels fern von Mombasa meine Depressionen in die Sonne gelegt, im warmen Wasser von Meer und Pool meine Krankheit bekämpft, auf meinem Balkon den Sonnenuntergang mit Bier und Jazz unterlegt, keine Gedanken an Frauen verschwendet, ich hatte genügend eigene Sorgen. „Unschuldig“ war ich später zum Sextouristen geworden, ohne jede Erfahrung hatte ich mich in eine Prostituierte verliebt, von der ich nichts wusste, die mich oft schlecht behandelte, Drogen nahm, vielleicht auch Kinder hatte, eine Kämpferin, die ihren Willen durchsetzte, sich mit Polizisten in Zivil prügelte, bis man sie einsperrte und ihren Willen brach. Tatsächlich hatte sie nie eine Ehe mit mir angestrebt und war verwundert als ich beim Verhör eine derartige Aussage machte. Nie hatte sie über ihre Vergangenheit gesprochen, nie die Familie oder den „Bruder“ erwähnt, warum trat der so spät auf den Plan, um plötzlich jeden Abend auf meine Kosten Bier zu saufen. Sextouristen leben gefährlich, meist sind sie älter als die jungen Frauen, die sich ihnen bereitwillig an den Hals werfen, wer den Kopf verliert und sich verliebt, gerät in „Lebensgefahr“. Ich hatte Glück gehabt, die „Rettung“ war in die Hose gegangen, hatte aber meinen Arsch gerettet.

                                                                                                                                       SOMNAMBUL

Ich war nie ein Bettnässer gewesen, hatte aber schon als Kind ein Problem mit dem Wasser lassen bei Nacht. Wie ein Schlafwandler erhob ich mich und wanderte mit geschlossenen Augen zur Toilette, öffnete die Tür und pinkelte in den Kleiderschrank. Wenn keine Tür da war, war am nächsten Morgen eine Pfütze im Wohnzimmer. Ich stritt alles ab, konnte mich an nichts erinnern. Irgendwann legte ich dieses eigenartige Hobby ab, nahm es jedoch als Erwachsener unter Alkohol wieder auf. Meistens fand ich die richtige Tür und das richtige Becken aber es konnte auch schief gehen. Hier zeigt sich wie wichtig es ist dem Mann beizeiten das Pinkeln im Sitzen beizubringen. Keiner setzt sich in den Schrank oder auf den Parkettboden, da wäre es ja einfacher im Bett zu bleiben und liegend zu entwässern. Heute bin ich Sitzpinkler und trage Windelhosen. Nun geschah es zu der Zeit als wir eine Musikveranstaltung beschallten die von der Schallplatte gesponsert wurde,  Ich arbeitete auf und hinter der Bühne, trank dort schon mal ein Bier, weil es bis zum festlichen Empfang in unserem Hotel noch sehr lange dauern sollte. Nach Schluss bauten wir unsere Technik ab und kamen als letzte Teilnehmer zur Party. Das riesige Buffet war fast leer, wir mussten uns mit den Resten begnügen, nur der Alkohol floss in Strömen. Ununterbrochen wurde Sekt gereicht man musste nur zugreifen und schlucken. Die Band begleitete eine Jazzsängerin die den Saal zum kochen brachte, ich kochte bereits über, begab mich schwankend auf mein Zimmer und fiel in tiefen Schlummer. Als ich erwachte torkelte ich zur Toilette, öffnete die Tür und stand auf dem Gang vor meinem Zimmer. Die Tür war ins Schloss gefallen ich war ausgesperrt. Ich war nackt und presste mit den Fingern die Harnröhre. Schlagartig war ich wach und ernüchtert, lief so schnell ich konnte den Gang hinunter wo ein Fenster offen stand und pinkelte im hohen Bogen ins Freie, ein „warmer Regen“ für späte Fußgänger. Zeit für „Die nackte Wahrheit“, ich bestieg den Fahrstuhl, er war leer, fuhr ins Erdgeschoss, die Tür öffnete sich, die Rezeption lag direkt gegenüber, man sah mich sofort und kam mir zu Hilfe. Der Mann zeigte Verständnis, ich wäre kein Sonderfall, so etwas käme öfter mal vor. Er hantierte mit einem riesigen Schlüsselbund, ich war gerettet. Seit dem stelle ich in Hotels immer einen Stuhl vor die Eingangstür und lasse in der Toilette das Licht eingeschaltet.

                                                                                                                                      AM  ABGRUND

 Bei einer anderen Veranstaltung in einer anderen Stadt ging es weder um Alkohol noch um nächtliches Pinkeln, ich war schwer erkältet, musste jedoch den Aufbau für das Orchester machen, war allein auf der Bühne und fertig mit meiner Arbeit, dachte nicht an den Bühnenaufzug mit dem wir Material von unten nach oben gefahren hatten, trat ein paar Schritte zurück um mein Werk zu betrachten, war zufrieden, drehte mich kurz um und stand am ungesicherten Rand. Nur ein kurzer Schritt weiter rückwärts, ich wäre in den Abgrund gestürzt.  Immer wieder tun sich Abgründe vor uns auf, nicht immer so deutlich, nicht immer haben wir den Tod so nah vor Augen, meist weigern wir uns in den Abgrund zu schauen, der uns umgibt oder in uns wohnt, uns belauert um uns hinunter zu ziehen in die Tiefen des Lebens, in die Sucht, die Leidenschaft, die Begierde, die so genannte „Liebe“. Gerade die Liebesheirat gebiert häufig häusliche Gewalt, wenn aus Liebe Hass wird tun sich Abgründe auf. Immer wieder hört man von hilflosen Männern die von gewalttätigen Frauen misshandelt werden. Oft wird aus nichtigem Anlass, hier und da ein außerehelicher Verkehr, gar der Penis abgeschnitten, für den betreffenden Mann war dann Sex der Lebensabschnitt vor dem Abschnitt. Misshandelte Frauen schneiden da häufig besser ab, sie gehen in ein Frauenhaus und lernen dort die Frau ihres Lebens kennen. Tatsächlich darf man den Ernst des Lebens nicht zu ernst nehmen, jeder Abgrund hat seinen Grund. Es gibt gute Gründe, Abgründe als Chance zu begreifen, mitunter werfen Gutmenschen eine Strickleiter herunter, gerade dann wenn der Strick der einzige Ausweg zu sein scheint. Es scheint als hätte ich zu tief in den Abgrund oder ins Glas geschaut, derartige Gedanken zeigen das abgründige meiner Persönlichkeit auf.

                                                                                                                                       DER  RASSIST

Falls hier und da der Eindruck entstanden sein sollte dass ich mich über andere Menschen lustig mache, sage ich mit Entschiedenheit nein, da ist bei mir „Schluss mit lustig“. Ich bin Altruist, respektiere jeden Menschen, bin stets bemüht den Anderen zu verstehen; „Alles verstehen heißt alles verzeihen“. Unverzeihlich war ein völlig misslungener Scherz der mich noch heute belastet, meine Neigung zur „Verkehrtsprache“ der Ironie, wurde mir zum Verhängnis. Bei einer Musikproduktion war es sehr spät geworden, ich hatte Nachtdienst und besorgte den Musikern Bier aus dem Automaten, die Kantine war längst geschlossen. Natürlich hatte auch ich schon einige Biere getrunken und glaubte mit den Musikern in „ihrer Sprache“, ebenfalls ironisch, reden zu können. Ich bewunderte und beneidete sie um ihr Können, niemals wäre mir eine Beleidigung in den Sinn gekommen. Jede Form von Rassismus lehne ich ab aber ich war betrunken und sagte das Gegenteil dessen was ich meinte. Unser Drummer, ein Afroamerikaner fand meinen „Scherz“ absolut nicht komisch, ich sagte: „Schwarze können wir hier nicht brauchen“. Trunkenheit und Ironie, eine verhängnisvolle Mischung. In dieser Nacht steckte der Schlagzeuger die handfeste Beleidigung weg, sagte mir aber später: „Sie haben mir einmal sehr weh getan“. Mir tut es noch heute weh, obwohl ich mich reumütig entschuldigt und eine Erklärung für meine ironische Fehlleistung versucht hatte. Er hatte versucht zu verstehen und zu verzeihen, „Alles verstehen heißt alles verzeihen“. Leider hatte auch mein bester Freund Wolfgang, wir standen uns sehr nahe und jeder kannte den anderen, mir einmal nachgesagt, ich könne sehr verletzend sein. Was sagt uns das? Wir verletzen unsere besten Freunde ohne es zu wollen, ohne es zu bemerken, wir halten uns für unschuldig: „Wir sind die Guten“, wie ist das möglich? Im Leben geht es nicht ohne Verletzungen ab, wer viel redet, „Redet auch viel Scheiß“. Wer wie ich, Ironie und Sarkasmus als Kunst pflegt muss zwangsläufig verletzen, es gibt keinen Witz ohne Schadenfreude. Gern würde ich an dieser Stelle den verdammt guten Witz vom Neger der einen kleinen Affen auf der Schulter trägt erzählen aber der ist leider rassistisch.

                                                                                                                            RÜCKBLENDE  ZWEI

 Wir trugen sie zu Grabe sie war tot, keuchte jedoch von der Anstrengung die ihrem Tod vorausgegangen war bevor sie sich niedergelegt hatte. Zu dramatischer Musik schritten vier junge Männer von eine Anhöhe herab, die vergiftete Julia lag schwer atmend auf ihrer Bahre die auf unseren Schultern ruhte. Wir waren vier Pagen die zu der wunderbaren Musik von Prokofiev die Ballerina Galina Ulanova über die Bühne trugen. Wir hatten die Ehre der Mitwirkung am Gastspiel des Bolschoi Theaters im Friedrichstadt Palast. Mein Freund Bodo als Solotänzer in Trier engagiert, saß im Publikum. Nach Trier hatte er mich schon einmal eingeladen als man noch ungehindert ausreisen konnte. Ich ging ins Kino wenn er arbeiten musste, an freien Abenden tranken wir ein Glas Wein oder zwei, zusammen mit seiner Vermieterin. Ich schlief auf der Couch und fand sogar bei Nacht den Weg zum Klo. Er machte Urlaub in Berlin, wir gingen zu weiteren Ballettabenden, ins Kino und in die Kneipe. Damals mussten wir uns die Filme noch nicht „schön saufen“ es genügte wenn wir nach dem Film „etwas tranken“. Wir waren enge Freunde, ich vermisste ihn als er nach Trier zurück ging. Es gab kein Fernsehen man ging ins Kino, es gab kein Handy man schrieb Briefe, es gab keinen Sex man onanierte. Wolfgang war schwul, er fand Partner. Ich war schüchtern fand kein Mädchen bis Annemarie mich fand. Es gab am Theater und beim Film viele Männer die mich umwarben, aber ich träumte von schlanken Ballettmädchen und aparten französischen Filmstars wie Anouk Aimee. Amerikanische Busenstars kamen in meinen feuchten Träumen nicht vor, gefallen hat mir dagegen die Kritik an einem Western; „Der Busen von Jane Russel hängt über dem Film wie eine Gewitterwolke über einer Sommerlandschaft“. Bodo liebte Jean Marais, wir liebten die Filme von Cocteau, wir liebten das Kino. Er stand als Solist auf der Bühne, kam nie wieder nach Berlin, ich hatte einen Freund verloren.                                                                                                                                                                                                                                                                                                              

Mein Freund Herbert der spätere Musiker begleitete mich oft in die „Badewanne“, ein Jazzkeller in Westberlin. Wir waren jugendliche Jazzfans ohne Geld, mussten jeden Pfennig umdrehen, tranken Alkohol aus mitgebrachten Taschenflaschen, waren arm dran. Ich wollte singen, konnte der Band keinen Drink kaufen aber man hatte „Ein Herz für Kinder“ ich durfte singen; „Lady be good“ in der Version von Ella Fitzgerald. Ohne Scheu und ohne Englischkenntnisse sang ich den unbekannten Text, begann aber sofort mit einem eigenen Scat-Gesang, der keinen Text benötigt, man kann frei improvisieren. Das konnte ich recht gut, hatte das Feeling und hielt es für ausreichend. So bekam ich sogar manches anerkennende Lächeln und wohlmeinenden Applaus. Aus heutiger Sicht ein Jugendsünde, ich würde es nicht wiederholen wollen. Tatsächlich hatte ich keine Ahnung von Musik, nach dem Motto: „Singen kann ja jeder“.  Herbert studierte später Musik, ich verdanke ihm viel.

                                                                                                                               DIE  TRAUMFRAU

  Wir waren beide nackt, Sie sprach mich in der City-Sauna an, einer großen Anlage mit einem warmen Schwimmbecken in dem ich seit Jahren täglich schwimme. Sie war schlank, hatte einen jungfräulichen Busen, eine tolle Figur, ein gewinnendes Lächeln, natürlichen Charme und einen leichten Akzent. Sie nahm mich mit in ihre billige Wohnung und fragte mich beim Aufschließen der Tür ob ich vielleicht ein Frauenmörder wäre. Natürlich, sagte ich, willst du mein Messer sehen? Nach dem Verkehr durfte ich nach Hause gehen, ich rufe dich an, sagte sie. Es war klar wer hier das Sagen hatte. Was sollte ich sagen, mir blieb die Spucke weg, wie der Berliner sagt. Paulina war Altenpflegerin, ich war sozusagen ein Pflegefall, oft pflegte sie mich bis zur Erschöpfung. Eine reife Frau mit dem Körper eines jungen Mädchens, in keiner Weise prüde, kein Typ der heiraten und Kinder haben will, ein Volltreffer in der Lotterie der Liebe. Sie besichtigte meine Wohnung, wollte bei mir einziehen, wieder einmal war Peter der „Hans im Glück“. Ein kurzes Glück, schon bald sprach sie von ihrem längst gebuchten Urlaub nach Spanien den sie in Kürze antreten wollte. Sie führte Regie, ich hatte kein Mitspracherecht, mir drohte Entzug. Zwei Arbeitskollegen, ein Mann und eine Frau begleiteten sie, alles war seit langem geplant, ich war allein. Es gab ein Paar Postkarten mit „Liebesversprechen“, ich fürchtete eine Beziehung zu ihrem Kollegen. Mich rief die Pflicht zu einer kurzen Dienstreise nach London, das englische Pfund war gerade im Keller, ich kaufte unzählige Geschenke für meine neue Liebe, schwärmte meinem Kollegen von ihr vor, zeigte ihm ein Aktfoto, das war alles was ich von ihr hatte. Zurück in Berlin, wartete ich sehnsüchtig auf weitere Post, ihr Urlaub war noch nicht beendet. Endlich rief sie mich an und kam zu mir. In der Diele riss sie sich die Kleider vom Leibe und warf sie im großen Bogen hinter sich. Sie führte ihren nackten schlanken Körper in meiner Wohnung spazieren, warf sich im Schlafzimmer auf das Doppelbett und wollte meine Geschenke sehen. Eine Wildlederjacke, eine Handtasche usw. Sie begutachtete alles mit Interesse und zog mir dann den Boden unter den Füßen weg. „Ach du bist so ein lieber Mann, und ich bin so ein Schwein. Ich habe mich im Urlaub in einen Mann aus Bonn verliebt, er besitzt dort ein Haus im Grünen, ich will zu ihm und mir das mal ansehen“. Sie verließ mich ohne die Geschenke mitzunehmen, ich ließ sie gehen und brach weinend zusammen.

                                                                                                                           AM  ENDE

Es folgte ein tränenreiches Wochenende, ein verzweifelter Arbeitstag mit anschließendem Englisch-Kurs, den ich mit unbewegtem Gesicht und sprachlos bewältigte. Weder der Lehrer noch die Mitschüler redeten mit mir, man sah mir den desolaten Zustand an. Kaum war der Kurs beendet verließ ich fluchtartig den Raum und brach erneut in Tränen aus. Weinend lief ich ziellos durch die Straßen, rief dann aus einer Telefonzelle eine Nothilfe an, ich war am Ende. Nach zahllosen Arztbesuchen landete ich bei einer Gesprächstherapie für Alkoholiker, die ich viele Monate in Anspruch nahm. Das abendliche Bier war mein letzter Halt, wider Erwarten drohte mir kein Entzug, es ging um meine Depressionen und deren Ursache. Warum suchte ich verzweifelt meinen inneren Frieden in einer Partnerschaft, warum glaubte ich nicht allein sein zu können? Ich habe mich nie für einen Masochisten gehalten, akzeptierte aber häufig die Unterwerfung aus sexuellen Motiven. Ist man ein Masochist wenn man Frauen nachgibt oder tun das nicht alle Männer um ihre Ruhe zu haben? Meine Therapeutin baute mich auf, nahm mir das tief sitzende Gefühl von Minderwertigkeit, lobte Mut und Ausdauer bei der Bekämpfung meiner unheilbaren Krankheit, die ich nie missbraucht hatte um über eine Krankschrift der Arbeit fern zu bleiben. Sie redete mir die „Faulheit“ aus die andere mir eingeredet hatten; Wo sind sie denn faul, ich kann bei ihnen keine Faulheit entdecken.

                                                                                                                           DIE  WANDLUNG

Langsam gewann ich meine Selbstachtung zurück, war auch an dienstfreien Tagen nicht nur mir selbst ausgeliefert, lernte beim selbst auferlegten „Pflichtschwimmen“ viele neue Leute kennen, gewann Freunde die mir meine Depressionen nicht ansahen. Ich war gelöst und heiter, erzählte Witze, meine Stimmung stieg wenn ich als „Entertainer“ Erfolg hatte. Viele hielten mich gar für eine Frohnatur, die lagen leider falsch. Ohne Publikum wich sofort die Luft aus dem Ballon, ich war ein trauriger Clown. „Schwerlebig“ hatte mich meine Exfrau Roswita einmal genannt, ein neues Wort für ein altes Leiden, treffender als das bekannte „Schwermut“, das wohl den Mangel an Lebensmut benennen will. Meine Therapeutin machte mir Mut, mein Job machte mir Freude, mein Bier machte einsame Fernsehabende erträglich. Bei guten Filmen trank ich weniger, schlechte musste ich mir „schön saufen“. Bei „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergmann, trank ich weniger. Natürlich ist ein so deprimierendes Meisterwerk nicht geeignet einem wie mir die Schwermut zu nehmen, doch nie ließ ich es mir nehmen „Das Elend der Liebe“ zu erforschen. „Jugend forscht“. Forsch wie ein junger Forscher versuchte ich das „Rätsel Frau“ zu enträtseln welches damals in den Köpfen der Männer sein Unwesen trieb. Wie sollte mir das gelingen, konnte ich doch kaum ein Kreuzworträtsel lösen. Die Liebe hielt ich noch immer für eine „Himmelsmacht“, ich war ein Opfer der allgegenwärtigen „Liebespropaganda“, wie sie durch Bücher Filme und Schlager verbreitet wird, eine Gehirnwäsche übelster Art, sie sollte meiner Genesung weiter im Wege stehen.

                                                                                                                            COMEBACK

Kaum hatte ich die tiefe Krise überstanden, rief Paulina aus Bonn an, wo sie glücklich und zufrieden im Hause des  Mannes lebte, der ihr „Herz erobert hatte“. Hatte sie ein Herz? Ich erwähnte meinen Zusammenbruch, sie schüttelte ihn ab wie ein Hund die Regentropfen, sie sei nicht verantwortlich für die Torheiten der Männer. Unbekümmert sagte sie einen Besuch in Berlin an, wollte mich in meinem Schwimmbad treffen. War ich stabil genug eine solche Provokation zu verkraften, aber war Sie nicht das geeignete Objekt für meine Untersuchungen zum Rätsel des Weibes? Eine einmalige Gelegenheit Licht in das Dunkel der weiblichen Psyche zu bringen, eine Chance einen Geschlechtsverkehr zu erhaschen, einen Körper den ich begehrte zu umfangen, zu durchdringen, ohne Schaden anzurichten. Paulina hatte sich sterilisieren lassen, sie wollte keine Kinder. Ich wollte Paulina, wollte mein früheres „Eigentum“ zurück welches mir entwendet worden war, von einem Hausbesitzer in Bonn. Ich besaß nichts als einen deformierten Körper und ein ausgehungertes Steiftier, und doch bot Sie sich mir an, ich hatte Glück im Unglück.

                                                                                                                            DIE  NACKTE  WAHRHEIT

Nackt standen wir uns gegenüber, sie umarmte und küsste mich flüchtig, meine Angst ließ keine Erektion zu, drohte mir eine neue Impotenz? Ich gab ihr Geld um einen Bademantel zu leihen, wahrscheinlich würde ich später auch für den Liebesakt zahlen müssen, sie hatte ja nie Geld. Im Restaurant erzählte sie mir von Bonn und ihrem neuen Leben, ihr Hausbesitzer hätte Geld, er wäre nicht kleinlich, es ginge ihr gut, sie fühle sich wohl dort, müsse aber mal raus und wollte mich wiedersehen. Unter meinem Bademantel zuckte es als sie meine Hand streichelte. Die Affäre war nicht beendet, sie fing gerade neu an. Wir fuhren mit dem Bus zu mir, Paulina feilte und polierte ihre Nägel während der Fahrt, amüsierte sich über alte Weiber die missbilligend ihr Treiben beobachteten und kommentierten; Das ist aber eine feine Dame, die pflegt ihre Nägel im Bus. Sie liebte die Provokation, genoss die Konfrontation, zeigte unverhohlene Freude an der Situation. In meiner Wohnung machte sie sich animalisch über den Schinken her, den sie mit den Fingern aus dem Verpackungspapier fischte und genießerisch zu Munde führte, während sie bereits nackt auf meinem Sofa saß. Ich fiel über Sie her und nahm was mir geboten wurde.

                                                                                                                            LOVE  FOR  SALE

Auch Sie nahm was ihr geboten wurde, die Situation war geklärt, ich war ein Sextourist auf Heimaturlaub, ich hatte zu zahlen. Wenn man zahlt ist man dem „Rätsel Frau“ ein wenig näher gekommen, hat eines ihrer Geheimnisse gelüftet. „Jede Frau hat ein kleines Geheimnis“ Deutsches Liedgut. Lied gut, Buch und Regie auch gut, alles in allem eine gelungene Inszenierung, Sie war eine Domina ohne Peitsche. „Wenn du zum Weibe gehst vergiss die Peitsche nicht“ Nietzsche. Früher mussten die Masochisten ihre Peitsche noch selbst mitbringen. Paulina war frei schaffend, frei anschaffend könnte man sagen, sie betrieb kein teures Sado/Maso-Studio, arbeitete nur wenn sie Lust dazu hatte, aber das durchschaute ich damals noch nicht, ich trug ja die ominöse rosarote Brille welche die klare Sicht nimmt und das Sexobjekt als ein Wunder der Schöpfung in FULL HD zeigt.  Naiv wie ich war, hatte ich sie für eine emanzipierte Frau gehalten, die keinem gehörte und sich wie selbstverständlich jede nur denkbare Freiheit nahm, war sie das etwa nicht? Sie hatte einen Beruf, ging einer Arbeit nach, hatte Abitur, war belesen, sprach von Sartre und Simone de Beauvoir, hatte „Das andere Geschlecht“ gelesen, schwärmte davon.

                                                                                                                             SPÄTE  ERKENNTNIS

Erst jetzt im Alter von siebenundachtzig Jahren, wo ich das niederschreibe wird mir bewusst das Paulina die Rolle der Domina spielte und damit bei mir Erfolg hatte. Aber irgendwas stimmte nicht, ich bettelte nicht um Erniedrigung und Peitschenhiebe, ich litt an einer anderen Krankheit ich war Harmoniesüchtig, wie passte das zusammen? Können Sacher-Masoch und Marquis de Sade miteinander harmonisieren?  Folgt dem Kampf der Geschlechter nicht immer die Harmonie der Versöhnung? Ist in der Ehe nicht immer einer dominant, der andere leidend und duldend? Ist Sado/Maso nicht gar die Grundbedingung für Liebe und Sex? Ist das Penetrieren nicht immer ein Angriff der von der unterlegenen Frau häufig als schmerzhaft empfunden wird? Die Domina dreht den Spieß um und spießt den Mann auf. Sie kennt seine Schwachstellen und stößt erbarmungslos zu. Am Treffsichersten ist die sexuelle Aufreizung verbunden mit der Verweigerung, aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Nur einmal wurde Paulina dem Bild der Domina wirklich gerecht, sie fragte mich ob ich Lust hätte sie oral zu befriedigen. Ich tat ihr den Gefallen erregte sofort ihr Missfallen, sie schlug mir die geballte Faust in die Nieren und rief: Das machst du schlecht, hör auf! Ich parierte aufs Wort, war ein braver Hund und ließ irritiert von ihr ab. Das Wort Domina kam mir dabei nicht in den Sinn, das brachte ich nur mit Leder und Peitsche in Verbindung. Ich nahm diese Ungeheuerlichkeit gleichgültig hin, jeder Macho hätte ihr die Fresse poliert und sie brutal vergewaltigt. Ich war das Gegenteil von einem Macho, deswegen war sie bei mir. Ich reagierte verwundert, kannte solche „Schlagfertigkeit“ von Frauen nicht, der Test war negativ verlaufen: „Kunde reagiert nicht auf Schläge“. Es ging also um Harmonie und deren Verweigerung, vorgespielter Idylle bei Schinken ohne Messer und Gabel im Wechsel mit Messerstichen und Angriffen mit der Mistgabel. Verwirrt und verwundert reagierte ich auf die seltsamen, unverständlichen Ausbrüche dieser ungewöhnlichen Frau, eine aparte Person die ihren tadellosen Körper bevorzugt nackt präsentierte, immer hektisch immer in Bewegung; Harmonie und Sadismus im Schnelldurchlauf. Sie kam und ging wie sie wollte, immer wenn ich bei ihr kam wollte ich das scheinbare Glück festhalten fand jedoch keinen Halt.

                                                                                                                                DAS  RÄTSEL

Das Spiel ging weiter, Sie lebte in Bonn an der Seite eines geduldigen Mannes der duldete und gewähren ließ. Eine Frau ohne Gewähr. Mir gewährte Sie Zugang bis zum Abgang, der gefahrlos in ihrem Schoß erfolgte. Keine Pille kein Kondom keine Kinder keine Alimente keine Scheidung, eine Scheide ohne Risiko. Sollte man da nicht ein wenig Herrschsucht und Sadismus in Kauf nehmen und die Katze am Sack kaufen? Eine gefährliche Wildkatze die ich da am Sack hatte, Schmerzhaft krallten sich ihre Vorderpfoten in den faltigen Anhang während ihre vorwitzige Zunge den „Stahlhelm“ erkundete. „Jessus der Pänis“ rief Sie erschrocken wenn der Fremdkörper sich Einlass verschaffte. Eine Erfindung des Satans, Gott hatte da andere Pläne, er experimentierte mit Rippen als der Teufel ihm  ins Handwerk pfuschte. Paulina verstand ihr Handwerk aber ihre Besuche waren kurz und ich werkelte wieder mit der Hand. „Heute Nacht oder nie“ Deutsches Liedgut. „Heute Nacht Onanie“. Nachdichtung. Paulina kam regelmäßig, sie brauchte Abwechslung und Geld. Sie liebte Berlin, ich liebte Sie. Wir gingen ins Theater, sahen das Musical: My fair Lady, Sie war begeistert und dankbar, konnte sich überschwänglich freuen. Hatte Sie ein Hoch, war sie manisch depressiv? Sie hatte Phasen in denen sie alle ihre teuren Kleider verschenkte und das Geld aus dem Fenster warf. Es ging nicht um das Rätsel Frau, es ging um das Rätsel Paulina. Während ich das schreibe reift der Gedanke meine „Bibel“: „Grundformen der Angst“ von Fritz Riemann erneut in die Hand zu nehmen, ein Geschenk meiner Schwester Mona, das wichtigste Buch meines Lebens. Schizoide, depressive, zwanghafte und hysterische Strukturen werden anschaulich geschildert, ich fand mich dort ausführlich beschrieben, es öffnete mir die Augen über mich selbst. Ich hoffe auch Paulina dort zu finden, der Autor kennt alle Verrückten und kann sie beschreiben. Ich wiederhole mich, hatte das Buch am Anfang schon einmal erwähnt ohne den Autor zu  nennen, die Erkenntnisse die ich daraus gewonnen habe sind mir wichtig.  Paulina war nicht dumm, eines hatte sie klar erkannt; „Man muss die Männer schlecht behandeln“. Deutsches Liedgut. Sie machte ihre Sache gut, behandelte mich schlecht, so gut bin ich nie wieder schlecht behandelt worden.

                                                                                                                                  DAS  SPIEL

 Kurz vor der Kasse sah ich das Sonderangebot, brachte die Zahnpasta zurück und nahm zwei billigere Tuben der gleichen Sorte vom Billigtisch. Erzählte es Paulina, die gerade in meiner Wohnung angekommen war und erlebte einen Anfall von Tobsucht; Du bist zu blöd zum Einkaufen, der ermäßigte Preis gilt einheitlich, egal wo der Artikel liegt. Dabei schleuderte sie die Tuben im hohen Bogen durch meine Küche, trampelte wie ein unartiges Kind mit den Füßen, ihr hübsches Gesicht war krankhaft verzerrt, sie war außer sich vor Verachtung für den erbärmlichen Wicht der ihren Besuch nicht wert war. Wie immer war ich sprachlos, stand da wie ein begossener Pudel, meine Herrin hatte mit der Peitsche geknallt. Devot und voller Angst hob ich die Zahnpasta vom Boden auf und sagte: Welcome to my house. Sie war der Dompteur, ich war „Der dressierte Mann“, hier durften keine Irrtümer aufkommen, einer muss immer das Sagen haben. Eine elegante gut gekleidete Frau die kaum Make up, dafür aber die Männer benutzte wie der Bauer die Nutztiere. Nach der Peitsche wurde wieder Zuckerbrot gereicht, ich durfte sie entkleiden und ihren nackten Körper abküssen. „Venus im Pelz“ ohne Pelz. Ich habe diesen Roman von Sacher-Masoch nie gelesen, ich durfte ihn erleben. Paulina war wie eine Figur aus einem Buch, ich war auserwählt, stand ganz oben auf ihrer Liste, solange ich mitspielte ging das Spiel weiter. Im Fernsehen jagte ein Löwe eine Antilope, es gelang ihr ihn abzuschütteln, ich atmete auf. Die Löwin sah zu griff aber nicht ein. Ohne jedes Mitleid mit dem Opfer kritisierte Paulina das Weibchen; Warum hilft sie ihm nicht, warum lassen sie die Beute entkommen? Ich war die Beute, Paulina ließ mich nicht entkommen, eine Löwin ohne Mitleid. Sie spielte mit mir wie die Katze mit der Maus, wenn es langweilig wird beißt man ihr den Kopf ab. Natürlich ist ein Mann ohne Kopf keine Option, dieser Vergleich hinkt. Ich hinkte der Wahrheit hinterher, ein hilfloser Helfer der den armen Frauen helfen will ohne sich selbst helfen zu können. Ich brauchte Hilfe zur Selbsthilfe, war zu schwach dem grausamen Spiel ein Ende zu machen. Andererseits, war nicht alles nur ein Spiel? Ich kaufte mir das Buch: „Spiele der Erwachsenen“ fand mich aber dort nicht wieder. Besser ein Scheiß-Spiel als gar kein Spiel, ich hatte ja nie gute Karten.

                                                                                                                                  DER  TRAUM

 Ihre Besuche waren kurz aber nie langweilig, oft holte ich sie am Bahnhof Zoo vom Zug ab, gemeinsam gingen wir in die City Sauna wo wir uns kennen gelernt hatten, sie sparte dann den teuren Eintrittspreis, Peter zahlte alles. Ich begehrte sie wie am ersten Tag, die Nacktheit war ihr kostbarstes „ Kleidungsstück“ sie war die schönste Nackte in dieser Sauna und sie „gehörte“ mir. Tatsächlich gehörte sie keinem und allen, das sollte ich sehr schnell zu spüren bekommen. Unglücklicherweise traf sie einen alten Bekannten, das Wiedersehen verlief freudig und herzlich. Ein älterer Mann, offenbar ein Stammgast den ich jedoch nicht kannte, lief mir den Rang ab. Ich war eindeutig abgemeldet, eine alte Beziehung wurde gerade erneuert. Meine schöne Nackte saß neben ihrem nackten alten Freund im warmen Becken, zwei Vertraute die sich vertrauten. Mir platzte der Kragen, ich meldete Rechte an die ich nicht hatte, hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Lautstark wurde ich von ihr abgekanzelt, niemand hätte ihr Vorschriften zu machen, sie wäre nicht mein Eigentum. Damit war ihr Besuch bei mir für heute beendet, ich hatte meine Befugnisse überschritten und wurde in meine Grenzen verwiesen, dumm gelaufen. Ein Wechselbad der Gefühle, was hatte ich falsch gemacht, machte ich überhaupt je etwas richtig? In dieser Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum; Paulina ritt unbekleidet auf einem Löwen durch die Manege, der Dompteur knallte mit der Peitsche, schreckhaft zuckte das Raubtier zusammen und warf die Reiterin ab. Ich trat als Clown mit einem umgehängten Bauchladen auf und verkaufte Zahnpasta an das Zirkuspublikum. Wie ein braver Hund legte sich der Löwe in den Sand der Manege und zeigte sein mächtiges Gebiss. Das Gähnen war ansteckend auch die Frau öffnete den Mund, sie kniete am Boden und beobachtete den Dompteur. Der hatte die Peitsche abgelegt und sich aus meinem Bauchladen bedient. Das Tier kroch von hinten an Paulina heran und leckte ihre Fußsohlen. Der Dompteur näherte sich ihr von vorn, eine große Tube Zahnpasta trug er wie einen Phallus vor sich her und berührte damit ihren Mund. Langsam presste der Mann den Inhalt der Tube auf ihr Antlitz, bedeckte es über und über mit Zahncreme, sie duldete es mit geschlossenen Augen. Langsam erhob sich der Löwe, der Dompteur gab ihm ein Zeichen, zeigte in meine Richtung. Das mächtige Tier zerschmetterte mit einem Prankenhieb meinen Bauchladen und biss mir den Kopf ab. Ich erwachte in Schweiß gebadet, tastete mit beiden Händen nach meinem Kopf, er war noch da. Ein schrecklicher Alptraum den ich nicht zu deuten wusste. Paulina hatte ich wohl für immer verloren, meinen Kopf jedoch nicht.

 Sie meldete sich nicht, ich schien erlöst zu sein, besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Einige Wochen später traf ich in der City-Sauna den Bekannten meiner Bekannten wieder und bat um ein Gespräch. Er fragte; Ein Duell auf schwere Säbel? Ich setzte mich zu ihm in das warme Becken, ein Gespräch von Mann zu Mann. Er war verheiratet, Paulina war eine willkommene Gespielin für einsame Ehemänner, kannte kein Tabu, brauchte immer Geld, es war wie ich vermutet hatte. Er verstand meine Abhängigkeit von dieser Frau nicht, redete mir gut zu, andere Mütter haben auch noch schöne Töchter und so weiter, das half mir nicht weiter. Wie soll man etwas Unerklärliches erklären, warum war Paula so wie sie war, warum war ich so ein Idiot?

 Hier in der City-Sauna hatte es angefangen, Paulina hatte es begonnen und beendet, sie nahm Geld aber sie war nicht käuflich. Mit der Eintrittskarte hatte ich Sie nicht gekauft, wer Frauen umwirbt hat „Werbungskosten“. Hier war der Schuss nach hinten los gegangen, ich hatte mein Sexobjekt der Konkurrenz zugeführt, eine Abwerbung erst ermöglicht. „Nichts ist unmöglich, Toyota“. Frauen die sich verkaufen kauft man nicht, man zahlt lediglich eine Leihgebühr und muss das Objekt schnellstens an den Besitzer (Zuhälter) zurückgeben. Paulina war keine Prostituierte, sie wechselte lediglich die Männer öfter als beispielsweise eine Ehefrau. Einen Besitzer gab es nicht, sie war als Dame ihr eigener Herr. Eine Ehefrau gehört ihrem Mann, er ist der rechtmäßige „Besitzer“. „Diese Frau gehört mir“ Western mit Barbara Stanwyck. Sie trägt sein „Brandzeichen“, ein goldenes Ringlein, eine beachtliche Investition bei den herrschenden Goldpreisen, Doch der Ring ist nur die Spitze des Eisbechers (auch Speiseeis wird inzwischen zu Höchstpreisen gehandelt) er ist nur das Symbol für unvorstellbare Summen über endlose Jahre. So gesehen war Paulina ein preiswertes Sonderangebot, eine Leihgattin ohne weitere Verpflichtungen gewesen. Hätte ich nicht wie ein eifersüchtiger Ehemann das Maul aufgerissen, wäre sie vermutlich wie geplant in meiner Wohnung gelandet und hätte dort ihre Dominanz zelebriert.

                                                                                                                                     DAS  LEBEN  IST  HART

Im Lied heißt es; „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“, für Paulina hieß es; „Ich hab noch einen Peter in Berlin“, das würde wohl so bleiben. Wie immer sprach sie nie über die Vergangenheit, sie rief mich an und nahm ihren Platz in meinem Leben wieder ein. Wäre es denkbar dass sie älter und ruhiger werden könnte, würde der Mann in Bonn sie endlos ertragen können und wollen? Paulina trank nicht, wie die meisten Frauen versuchte auch sie mir den Stoff   zu verbieten, doch an dieser Stelle endete die Macht die sie über mich hatte. König Alkohol war mein Gebieter sie befand sich auf seinem Gebiet. Eines Abends als wir in „vollendeter Harmonie“ vor dem Fernseher saßen musste ich mich zwischen meiner Erzieherin und meinem „besten Freund“ entscheiden. Das Plätschern meines Bieres wenn es aus der Flasche ins Glas geschüttet wurde war meiner holden Besucherin unerträglich. Im gewohnten Befehlston wurde mir ihr Missfallen kund getan, das sollte gefälligst aufhören. „Aufhören“ ist ein Fremdwort für den Abhängigen, der sonst so duldsame Diener seiner Herrin verbat sich jede Einmischung in seine Trinkgewohnheiten; Dies ist meine Wohnung, du bist hier nur zu Gast und kannst gehen wenn mein Bier dich stört. An diesem Abend ging sie nicht, es ging wohl kein Zug mehr nach Bonn, es ging also auch anders. Ganz anders ging die Affäre weiter als sie mir anbot mit ihr Urlaub in Afrika zu machen; Ich fliege mit Neckermann nach Senegal, kommst du mit? Wir flogen getrennt, ich war unruhig, würde das funktionieren oder würde ich allein sein an einem Urlaubsort den ich nicht selbst gewählt hatte? Nach der Landung entwendeten Kofferträger mein Gepäck, trugen es wenige Meter zum Transferbus und verlangten fünf D-Mark. Jede noch so kleine Dienstleistung kostete in diesem Lande fünf Mark, hier hatten sogar die Bettler feste Preise. Wir trafen uns am Ort und bewohnten einen Bungalow im afrikanischen Stil. Ihr Freund in Bonn mochte keine Fernreisen, er ließ sie ziehen; „Freiheit die ich meine“. Sie hatte ihre Reise selbst bezahlt, ich war gut für Nebenkosten. Paulina war schön wie nie, meine Reise hatte sich gelohnt, das ungleiche Paar in Liebe vereint. Liebe ist: Wenn der eine Sie in Frieden ziehen lässt während der andere sich auf Krieg vorbereitet. Es gab keinen Krieg, Paulina hatte Urlaub und wollte ihn genießen. Tage in der Sonne, Nächte in der Bar, Sie war gelöst und heiter, beliebt bei jedermann, eine schillernde Persönlichkeit mit einem eher stillen Begleiter, ein gebückter Mann der gern Bier trank. Angetrunken machte er sich über einen Gast lustig, der sich plump an eine gut aussehende Frau mittleren Alters heran machte; „ Höre nicht auf ihn, das macht er bei jeder.“ Der Mann nahm eine drohende Haltung ein und verbat sich jeden Kommentar. „Willst du mir drohen, wer bist du denn?“ fragte der gebückte Peter herausfordernd. Grimmig erhob sich der Fremde und schlug ihm das Bier aus der Hand; „Ich bin wer, soll ich es dir beweisen?“ Meines Bieres beraubt verließ mich der angetrunkene Mut, ich suchte das Weite. Später erfuhr ich wer der Mann war, er gehörte zu einer Truppe von deutschen Zuhältern die in der Hotelbar jede Nacht zum Tage machten und den Laden aufmischten. „Im Urlaub bist du nicht allein, die Nachbarn könnten Schläger sein“. Paulina hatte davon nichts mitbekommen, es hätte ihr gefallen mich gedemütigt zu sehen. Eines Nachmittags lag ich unter ihr, ihre jungfräulichen Brüste schaukelten über meinem Gesicht, ich griff nach ihnen während Paulina meinen Geschlecht masturbierte um es sich einzuführen. Ich war ein hilfloser Käfer in Rückenlage, ein Gregor Samsa den man benutzen wollte. Von meiner Domina eingeschüchtert lachte ich ein verlegenes Lachen weil sich keine rechte Erektion einstellen wollte. Paulina herrschte mich an; „Der lacht“ rief sie erbost. „Du musst dich konzentrieren, ich muss mich auch konzentrieren“. Mein gekünsteltes Lachen wich der Einsicht in ihre Forderung, ich wurde ernst weil es ernst wurde. Der Koitus ist eine ernste Sache, da hörte bei ihr der Spaß auf. Zum Glück wuchs der Schlappschwanz doch noch zu einem brauchbaren Steiftier heran, der Nachmittag war gerettet. Es sollte nicht mehr viele solcher Nachmittage geben, ich war nur ein Reisebegleiter der alle Getränke und Nebenkosten zahlte, das nützliche Anhängsel einer weltoffenen emanzipierten Frau die von allen Zwängen befreit der Welt die Stirn bot und mich gelegentlich in die Rückenlage drängte. Ich erinnerte Zeiten in denen ich Frauen diesen Part zugewiesen hatte, “Wo Männer noch Männer sind“ mit Jerry Lewis und Dean Martin. War ich überhaupt ein Mann, hatte nicht meine Ex mich eine alte Tunte genannt? War ich nur ein altes Weib, gebückt, von Krankheit und Alter geplagt, das sich jedoch mit ausgesucht schicken Hemden in den schönsten Farben schmückte wie eine Tunte. Alle Frauen bewunderten meine Hemden, aber keine wollte mit mir schlafen. Paulina wollte mit einem richtigen Kerl schlafen, hatte ein Auge auf ein Prachtexemplar geworfen, ein deutscher Urlauber mit breiten Schultern und kraftvoller Figur, dem sie sich am Strand an den Hals warf. Mich hatte sie rechtzeitig zur Ordnung gerufen; „Komm mir da nicht in die Quere, ich will den haben“. Eine Frau die weiß was sie will bekommt es natürlich auch, ich kniff den Schwanz ein der andere führte ihn ein. Aber Paulina wäre nicht Paulina wenn sie mich nicht noch obendrein mit Details bedacht hätte; „Das war wirklich toll mit dem, er war so scharf auf meinen Körper, sein  Penis war unwahrscheinlich hart, sowas habe ich noch nie erlebt“. Ich kannte sie nun schon so lange aber sie setzte mich immer wieder neu in Erstaunen, weil sie sich über jedes normale Benehmen hinweg setzte, Dinge tat und sagte bei denen ich nie genau wusste woran ich bei ihr war. War ich jetzt ihr Beichtvater, ihr engster Vertrauter, ein Freund oder wollte sie mich einfach nur quälen? Immerhin wusste ich nun was sie erregte und wen sie begehrte während ich sie begehrte. Ich wusste nichts über den Mann, war er mit einer der anderen Frauen zusammen, hatte er heimlich mit Paulina geschlafen, würden sie es wieder tun? Ihr Bericht hatte mich erregt, ich wollte sie haben, sie wies mich unwillig ab, mein Penis war ihr wahrscheinlich nicht hart genug. Die Liebe ist ein seltsames Spiel, ich machte ihr ein Angebot in harter Währung, sie war nicht käuflich aber bezahlbar. Ich zahlte bar und sie übernahm kokett die Rolle der Prostituierten. Ich war in ihrem Verein ein zahlendes Mitglied mit Glied, es drängte sich in ihren Schoß weil die Zeit drängte, hart genug um sich durchzusetzen, nicht hart genug um einen unvergesslichen Eindruck zu hinterlassen. Der Urlaub ging zu Ende, das Spiel wiederholte sich nicht, ich hatte einen harten Gegner, das Leben ist hart wenn der des Anderen härter ist.

                                                                                                                          ERINNERUNG

Ich saß in der ersten Reihe, auf dem Podium vor mir die Berliner Philharmoniker, sie erwarteten den Auftritt des Dirigenten. Herbert von Karajan trat auf, die Streicher klopften Beifall mit dem Geigenbogen auf das Notenpult. Der Maestro sprach kurz zu seinen Musikern, hob den Taktstock und der leere Konzertsaal war erfüllt vom Klang des berühmten Orchesters. Es gab kein Publikum, ich war allein man spielte nur für mich. Man übersah den Techniker in der ersten Reihe, kein Konzertbesucher ein Mitarbeiter der Mikrofone gestellt und Kabel für eine Aufnahme verlegt hatte. Die Teller der Bandmaschinen rotierten im Regieraum hinter der Glaswand wo Toningenieur und Tonmeister am Regiepult die Aufzeichnung überwachten. Bei  Unterbrechung der Aufnahme konnten sie mich auf das Podium schicken um Mikrofone auszuwechseln, ich war im Dienst. Ich diente der Kunst, die Kunst diente mir als Arbeitsplatz, mein „Fließband“ produzierte Musik, ich arbeitete wenn es stand, wenn es lief hatte ich Pause. Meine Pausen waren purer Kunstgenuss, ich liebte diesen Job.

Ich saß an der Hammond-Orgel, hatte die Transportsicherung gelöst, die Rotationslautsprecher angeschlossen  das Instrument über Trenntransformator an das Stromnetz angeschlossen gestartet und spielbereit gemacht. Ich hatte den Transport aller notwendigen Instrumente, Vibrafon, Schlagzeug, Konzertpauken in ein Tonstudio überwacht, unsere Big Band spielte vor einer Leinwand Filmmusik ein, die Orgel war noch nicht an der Reihe. Auf der Leinwand wiederholten sich die Szenen, noch wurde geprobt. Die Musik war jazzig, gebannt lauschte ich den fetzigen Klängen bis der kurze „Take“ endete. Statt der erwarteten Stille füllte der „fette“ Klang der Orgel das Studio, alles blickte auf mich, ich lag mit beiden Armen auf der Tastatur und wurde zur Zielscheibe eines riesigen Gelächters. Welch ein Glück dass ich bei Karajan nicht an der Orgel gesessen hatte.  

 Ich saß auf der Bühne im Sendesaal inmitten der BBC-Big Band, ein freundschaftlicher Gegenbesuch aus London, das Konzert hatte begonnen. Im Verlauf sollte ich ein Mikrofon umbauen wenn das Altsaxofon sein kurzes Solo hatte. Plötzlich war der Bassverstärker defekt, ich saß direkt nebenan, trennte das Gerät vom Netz und nahm Kontakt zu Technik-Kollegen auf, die einen neuen Verstärker heran schafften, ich brachte ihn zum spielen, das Fundament der Band war gerettet. Leider hatte ich meinen Umbau verpasst, der Toningenieur bekam das Solo nicht auf die Aufnahme und konnte mir das nicht verzeihen, ich hatte versagt.

Die Angst zu versagen plagte mich bei einem Jimmy Smith Konzert in der Deutschlandhalle, der Mann war ein Star an der Hammond Orgel, das Instrument klotzig und schwer, stand im Mittelpunkt des Konzertes, wir hatten es an den Veranstalter verliehen, ich hatte den Transport überwacht und war für die Funktion verantwortlich, ohne ein Fachmann zu sein. Ein hilfloser Helfer wenn das Ding mal den Dienst versagte, was mitunter passierte. Wenn bei Studioaufnahmen ein Instrument ausfällt behilft man sich mit dem Klavier oder einem anderen Tasteninstrument, kein Problem. Hier Lag der Fall anders, die riesige Halle war voller Fans die einen genialen Solisten an einem sehr speziellen Klangkörper erleben wollten, die rotierenden Lautsprecher in ihren Boxen erzeugten den unglaublichen Sound der sich größter Beliebtheit erfreute, diese Orgel musste heute funktionieren oder ich war „ein toter Mann“. Meine Gage für Aufbau und Anschluss war gering, das Risiko hoch. Ich tat was ich musste und konnte, jeder Handgriff stimmte aber der Angstschweiß ersetzte die Sauna. Ich saß auf der Holzbank, die in Kürze einen Weltstar tragen würde und startete das technische Wunder, Langsam sprang der Motor an, ich sprach ein Gebet. Gott sei Dank wurde es erhört, ich drückte einige Tasten nieder, da war er, der Hammond Sound. Beifall brandete auf, Jimmy Smith setzte sich an die Orgel und griff in die Tasten. Ich blieb in der Nähe der Bühne, war bereit die Orgel neu zu starten wenn es notwendig werden sollte, gab mich der Musik hin und erinnerte mich an das erste Konzert meiner Laufbahn. Hier am selben Ort hatte ich George Shearing erlebt und nach ihm viele andere berühmte Musiker, immer beruflich, immer ohne Eintrittskarte. Ich lebte mein Hobby, ich bekam es bezahlt. Hätte ich jedes Konzert meines Lebens an der Abendkasse bezahlen müssen hätte es mich ein „Vermögen“ gekostet. Natürlich gab ich viel Geld für Schallplatten aus, war vernarrt in Arrangeure wie Gil Evans, von dem ich eine Platte mit Autogramm geschenkt bekam als ich bei den Jazz Tagen in der Philharmonie die Band betreut hatte. Zum Geburtstag bekam ich von meiner Schwester unerwartet eine Platte geschenkt die ich anfangs nicht mochte, später aber zu lieben lernte: PORTUGESE SOUL mit der Thad Jones/Mel Lewis-Big Band und dem Solisten Jimmy Smith an der Hammond B 3 Orgel. Der Titel: AND I LOVE HER SO ist fest in meinem Kopf gespeichert, ich kenne das Arrangement auswendig, kann alles mitsingen, eine geile Nummer. Viele geile Nummern sind vergessen, ich erinnere kaum die Namen all der Frauen die ich fast so liebte wie: AND I LOVE HER SO. Bevor es zu dem denkwürdigen Geschenk kam musste meine kleine Schwester Mona sich viele meiner Platten anhören und fand zu Glück Gefallen daran. Ich schleppte sie ins Kino und zu Jazzkonzerten mit bezahlten Eintrittskarten, der Funk der CRUCADERS ließ auch bei ihr den Funken überspringen. Bei solche Anlässen konnte ich mich immer mit einer bildhübschen Begleiterin schmücken, sie trug ja kein Schild: ACHTUNG SCHWESTER an der Kleidung. Als Schmalfilmer hatte ich die Idee mit ihr eine Version von DIE SCHÖNE UND DAS BIEST drehen, die schöne Hauptdarstellerin hätte ich schon mal  gehabt. Ich selbst hätte gern das Biest gespielt, doch dazu kam es nie. Das bahnbrechende Werk würde heute in Fragmenten unter der der Überschrift: UNGEDREHTE MEISTERWERKE im Filmmuseum zu sehen sein. Mir dreht sich der Kopf wenn ich denke was ich alles nicht gedreht habe. Am Anfang habe ich jeden Pfennig umgedreht, später blieb alles ungedreht. Nach meiner Schwester hat sich jeder umgedreht, die war ein Hingucker. Viele hatten ein Auge auf sie geworfen ohne es jemals zurück zu bekommen, sie sammelte die Dinger wie DER AUGENSAMMLER im Krimi von Sebastian Fitzek, aber das führt jetzt zu weit. Vergessen sie diesen Unsinn, alle ihre Verehrer haben noch beide Augen im Kopf, großes Indianer-Ehrenwort.  Ein Indianer kennt keinen Schmerz, sein Ehrenwort ist absolut schmerzlos. Bei mir geht der Schmerz los sowie ich die Schmerztabletten absetze oder mich ins Ausland absetze, doch davon später. „Früher oder später lesen alle Leinitz Peter“.  Meine Schwester und ich, wir hatten mit der Gestaltung unseres weiteren Lebens zu tun; „Das Leben ist Kampf“. Wir kämpften an verschiedenen Fronten, das Schlachtfeld ist kein Streichelzoo. Mona hatte ein Kind bekommen, ein süßes Mädchen, es wurde zum Teil von der Oma aus dem Osten betreut, wir hatten unsere Mutter in den Westen geholt, ein denkwürdiger Tag als wir unsere schwerbeschädigte Mama an der Sektorengrenze in Empfang nahmen. „Wenn du noch eine Mutter hast“, als Taschenbuch für 3.95“ hatte sie selbst immer gern gewitzelt, immer ironisch, nie ganz ernst zu nehmen. Vom Leben gezeichnet trat sie in ein neues Leben ein; „LETS GO WEST“. Endlich war die ganze Familie im goldenen Westen angekommen wo auch nicht alles Gold ist was glänzt. Hier wimmelte es von Goldgräbern die bereits ihren Claim abgesteckt und mit dem richtigen Riecher eine goldene Nase verdient hatten, mit der man den Gestank des Kapitalismus nicht mehr riechen konnte; „Geld stinkt nicht“. Jeder wünschte sich eine solche Nase, sie wurde zum Schönheitsideal der Armen. Man trug sie als Schmuck an der Halskette, am Armband, am Ringfinger, später entwickelte sich daraus der Nasenring an dem die Goldnasen ihre Tanzbären durch die Manege zogen, die nach ihrer Pfeife tanzen mussten. „Immer der Nase nach“ sagten wir unserer Mutter und zeigten ihr die kleine Wohnung, ein ehemaliges Ladengeschäft mit Blick auf eine triste Straße in Schöneberg. Hier lebten „Stumpfnasen“ und Alkoholiker die das Trinken dem Riechen vorzogen. Unsere Mutter erhielt ihre kleine Rente nun in „Westgeld“, einer „Goldnasenwährung“ mit der man alles kaufen konnte außer einer goldenen Nase.      

                                                                                                                                        LOS  ANGELES

Immerhin hatte ich es bis nach Amerika geschafft, dem Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten, hier war die goldene Nase einmal erfunden worden, unzählige Filmstars hatten den Abdruck ihrer Nasen im Boden vor einem Filmtheater hinterlassen, ihre schweineteuren Villen protzten hier selbstzufrieden vor sich hin, „Das Gold der Sierra Madre“ und „Der Mann mit dem goldenen Arm“ wurden hier gedreht. Hier drehte sich alles um Gold und Geld. Viele drehten einen Film nach dem anderen andere drehten durch. Durch meine Englischkenntnisse erhaschte ich das „Bonbon“ einer Dienstreise nach Amerika, so etwas kommt bei kleinen Leuten nur einmal im Leben vor. Ein Träumer in der Stadt seiner Träume, ein Filmfreak im Angesicht der Traumfabrik. Unsere international besetzte Big Band besetzte für einige Tage eines der Theater mit Proben für ein Gastkonzert mit deutschen Gesangssolisten. Beim Frühstück in meinem Hotel lernte ich „Sunny side up“ (Spiegeleier) kennen, im Bookshop kaufte ich das Onanie-Fachblatt: PLAYBOY, wurde von der Verkäuferin mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung angesehen. Der Kunde konnte sich das Hotel aber keine Frau leisten. Ich fühlte mich ertappt wie damals in Berlin als ich mit einer schwarzen Plastiktüte einen Sexshop verließ. Ein weibliches Kind, etwa 12 Jahre alt, rief mir nach: „Na Opa, wieder Sauereien gekauft“. Es ließ sich nicht verheimlichen, man sah mir den Selbstversorger an. Auch hier, wo das ferne Amerika so nah war wie nie zuvor, erkannte man das Monster mit den befleckten Händen, ein Versager der hinter verschlossenen Türen das unsagbare tat, dem das höchste Glück dieser Erde versagt blieb. Vor dem Hotel überquerte eine schlanke Schwarze die Straße, in hautengen Jeans, hohen Absätzen und wippenden Brüsten, ein Sexobjekt für gehobene Ansprüche, so nah und doch so fern. Mein Hosenwurm zuckte und wand sich in Qualen aber die Pflicht rief mich zur Probe ins Theater. Die Pflicht ist eine gern benutzte Ausrede, auch ohne sie hätte ich nie gewagt die schwarze Schönheit anzusprechen, gerade ihr ansprechendes Aussehen hinderte mich sie anzusprechen. Ich war schüchtern und ängstlich, so blieben mir am Ende nur die weißen Frauen im PLAYBOY. Wahrscheinlich würde ich sterben ohne je eine schwarze Frau geliebt oder gar im PLAYBOY gesehen zu haben, dachte ich damals. Viel „deutsche Amerikaner“ hatten unser Konzert besucht, unser nächster Auftritt fand in einer deutschen Siedlung statt, auch hier kamen unsere „Heimatklänge“ gut an. Für unser Team gab es Freibier ohne Ende, das Gastspiel wurde gebührend begossen. Zwischen den Auftritten flogen einige vom Team nach Las Vegas, das war mir leider nicht vergönnt, ich musste arbeiten. Es blieb aber Zeit für die Universal Studios und Disneyland. Privat arbeitete ich mit einer Super 8 Kamera und filmte alles was mir vor die Linse kam. Ein Ossi in Amerika, aber auch ein stark gebeugter „Bechterew“, ich war entsetzt als ich mich später auf der Leinwand  sah. Ich sah Graumanns Chinese Theater, die Abdrücke der Stars, die Sterne mit den berühmten Namen am Straßenboden, ich sah und ich filmte, ein filmender Fan in einer Stadt des Films, es war wie im Märchen, ich hatte es bis nach Hollywood geschafft.

                                                                                                                                      ACAPULCO

DER TEUFELSKERL ein „Film im Film – Film“ mit dem unvergesslichen Jean Paul Belmondo als erfolglosen Schriftsteller von Groschenheften in einer Doppelrolle. Er schreibt in einer armseligen Bruchbude „James Bond Parodien“, spielt dabei selbst den tollkühnen Agenten den ein unlösbarer Fall nach Mexiko führt. Begeistert hatte ich das rasante Schelmenstück im Kino gesehen und den Hubschrauberflug über ein fünf Sterne Hotel in Acapulco bewundert. Damals gab es noch keine Drohnen und keine „Die Welt von oben“ Filme wie sie heute jeden Tag im Fernsehen zu sehen sind. In einer einzigen Einstellung folgt die Kamera von oben dem offenen Wagen des Helden und überfliegt das luxuriöse PRINCESS MUNDO IMPERIAL das man so noch nie gesehen hatte. Traumfabrik und Kinoträume; „Mit 17 hat man noch Träume“. Der Film wurde 1973 gedreht, da war ich bereits 40 Jahre alt, träumte aber immer noch gern. „Träume kann man nicht verbieten, Träume werden einmal wahr“. Deutsches Liedgut. Auf den Spuren Belmondos machte ich Urlaub in Acapulco und besichtigte das Traumhotel. Noch nie hatte ich eine solche Anlage betreten war überwältigt von Architektur und Luxus. Ein kleiner „Neckermann“ in der Welt der Reichen und Schönen. Das störte mich nicht, ich bestellte mir ein sehr teures Bier und spielte den reichen Urlauber, mir ging es um den einzigartigen Moment meiner Anwesenheit in einer lebendigen Filmkulisse an einem Ort den ich nur aus Filmen kannte, der mir unerreichbar fern gewesen war. Nun saß ich hier und trank mir den Mut an mich hier Zuhause zu fühlen, was mir trefflich gelang. Ein Fremder lud mich zu einem Bier ein, er sah aus wie Belmondo, sprach aber deutsch, wahrscheinlich war er synchronisiert. Wir waren mitten in den Dreharbeiten zu seinem neuesten Film, die Kamera befand sich in einem Hubschrauber der über dem Pool kreiste, nun aber Kurs auf unsere Bar nahm. Wir zogen die Köpfe ein, mit ohrenbetäubendem Lärm überflog das Fluggerät unseren Standort, plötzlich wurde ich von meinem Barhocker gerissen hing an einem Stahlseil und schwebte über der Hotelanlage. „Fünf Sterne von oben“ hieß der Film in dem ich mitwirkte. Aus den Tiefen des Swimmingpools tauchte ein U-Boot auf, es eröffnete das Feuer auf den Helikopter an dem mein Leben hing. Ich erkannte den Regisseur Wolfgang Petersen an der Feuer speienden Bordkanone, pfeifend jagten die Geschosse an mir vorbei bis das Seil getroffen wurde. Mein Retter nahte, es war Belmondo als Supermann, er unterbrach meinen Senkrechtflug, ergriff mich mit starken Armen und flog mit mir davon. Der eisige Flugwind ließ mich schaudern, ich zog die Bettdecke hoch und erwachte in meinem billigen Neckermann-Hotel. Jeder Filmbesucher identifiziert sich mit seinem Helden auf der Leinwand; „Ich seh mir jeden Tag `nen Film mit Gary Cooper an, dann fühl ich hinterher mich immer wie ein Supermann“. Deutsches Liedgut. Deutsche Lieder sind gut, sie sagen meist die Wahrheit und erteilen Lebenshilfe für jene die suchen hoffen und träumen. Der Tagträumer sieht sich als Westernheld, der Nachtträumer sieht sich häufig als Verfolgter, beide sind ständig im Kino, ihr Leben ist ein Film ohne Happy End aber sie spielen die Hauptrolle. Manchmal spielen bekannte Stars in den Nachtträumen mit, natürlich nur in Nebenrollen, im Traum herrschen andere Gesetze. So teuer das Bier dort auch war, der Besuch im PRINCESS war es mir wert; „Weil ich es mir wert bin“ (Werbeslogan), viele Jahre später kaufte ich mir die DVD des Belmondo-Films, erneut identifizierte ich mich mit dem erfolglos schreibenden Helden als Helden seiner eigenen Fantasieprodukte und erlebte den unvergesslichen „Fünf Sterne von oben“- Flug noch einmal. Ich sah das wie für mich gemachte Werk auf meinem 56 Zoll Bildschirm und trank dazu das billigste Bier vom Supermarkt, ein halber Liter für 30 Cent. Viele werden den Film als typischen „Belmondo Klamauk“ abtun, für mich ist er ein Meilenstein der Filmgeschichte. Wie sein Held sitze ich im stillen Kämmerlein und schreibe an meinem „Film im Film – Leben“, ich erinnere jede Einstellung, jede Totale, jede „Amerikanische Nacht“, jede Nahaufnahme, jede Liebesszene, jede Filmmusik; Ein Leben für den Film. Nach meinem Traumurlaub in Acapulco flog ich nach Mexico City, eine beängstigend große Stadt, Berlin war ein friedliches Dorf gegen dieses Ungetüm. Ich fand Kneipen in denen das Bier billiger war als im PRINCESS, ging ins Museum, sah Werke von Diego Riviera und  besuchte einige Sehenswürdigkeiten und konnte wieder ein Urlaubsland auf meiner Liste abhaken. „Weil wir jung sind ist die Welt so schön“. DDR-Liedgut.

                                                                                                                             WUNDERLAND

Frank Zappa gastierte im Berliner Sportpalast, es gab einen Skandal das Konzert wurde abgebrochen, die Tontechnik von den Musikern beschimpft. „Musik erfreut des Menschen Herz“, Herzensfreude oder Lärmbelästigung, diese Frage stellte sich schon Wilhelm Busch:“Musik wird störend oft empfunden dieweil sie mit Geräusch verbunden“. An diesem Abend lernte ich den Kellner Franz kennen, er arbeitete im Restaurant des Hauses. Wir zogen in dieser Nacht um die Häuser, tranken Bier und machten Frauen an die mit uns tranken. Nicht jede die mit trinkt geht mit ins Bett, nicht jeder Versuch ist von Erfolg gekrönt, das ist das Gesetz der Anmache. Jedes Land hat andere Gesetze, das wusste schon der Marquis de Sade, aber auch Franz wusste von einem Wunderland ohne Alice und Märchenfiguren zu berichten. Märchenhaft waren hier die Arbeitsbedingungen für zugereiste Hosenwürmer, die in ihrer Heimat oft vergeblich zu ausgewachsenen Steiftieren mutierten und ihr Hosenheil in der Fremde suchen mussten. „In der Fremde sind wir Fremde, in der Heimat sind wir fremd, denn die Frauen in der Heimat reagieren oft verklemmt“.  Nun begab es sich zu der Zeit das riesige Donnervögel in ferne Länder flogen um die edelsten Teile allein reisender Männer einer sinnvollen Beschäftigung zuzuführen. „Der fliegende Schwanz“ sollte der verharmlosende Titel eines Buches sein an dem ich damals arbeitete. Angebot und Nachfrage regelten hier den Verkehr, der natürliche Geschlechtstrieb wurde nicht von abstrusen religiösen Forderungen: „Bis das der Tod euch scheidet“ oder kurzlebigen Eheverträgen eingeengt, es herrschte freie Marktwirtschaft. In den Medien des Heimatlandes war viel von „Ausbeutung“ die Rede, aber nicht die der prekären Unterschicht durch die unmoralische Oberschicht sondern eine weit schlimmere Form, die sexuelle Ausbeutung. Bettelarme Frauen aus der Unterschicht dieser Länder wurden hier von um Liebe bettelnden Männern aus der Unterschicht anderer Länder zur Nachtschicht gezwungen, soweit die „Lügenpresse“ ihres Landes, von der die Oberschicht glaubte das die Unterschicht ihr glaubte. Ich glaubte ja mein Leben lang an die Liebe wollte nicht an einen simplen Trick der Natur zum Zwecke der Fortpflanzung glauben. „Illusionen Illusionen sind das schönste was es gibt“. Deutsches Liedgut. Frauen waren wunderschöne Geschöpfe, zu schön um nur Suppe zu kochen und Windeln zu waschen. Ehe und Kinder waren der Tod der Liebe, unbegreiflich war mir der Kinderwunsch mancher Frauen, sie sehnten sich nach den anderen Umständen den Schmerzen der Geburt. „Grausamkeiten der Natur, das Kind versaut ihr die Figur“. Ich wusste nichts vom Leben, ich kannte nur Liebesromane Liebesfilme und Liebesschnulzen. Thailand war das Land der Liebe, Franz hatte mir eine Tür geöffnet. In der City Sauna lernte ich Bertold kennen, auch er berichtete von den unglaublichen Wundern im Land des Lächelns, so lernte ich Begriffe wie Pattaya, Phuket und Kho Samui kennen und rüstete mich für neue Aufgaben. Bei Neckerman hatte ich ein halbes Hotelzimmer in Pattaya gebucht, ich war zum ersten mal in Asien, alles war neu und aufregend, die jungen Frauen an der Rezeption waren bildschön, trugen lila Uniformen, ich war hingerissen von Architektur und Dekor verfiel dem Zauber des Landes, es fing gut an. Ich lernte Sigmund kennen, ein übergewichtiger Selfmademan aus dem Baugewerbe, mit dem ich das Zimmer zu teilen hatte, er meinte wir würden uns gut vertragen, müssten keine Einzelzimmer verlangen, das Hotel wäre ausgebucht. Wir bezogen unser Zimmer machten uns frisch und bekannt, ich zeigte ihm ein Foto von Rose aus Kenia und sprach von den hohen Bierpreisen die uns in Pattaya erwarteten. Gegenüber dem Hotel waren mehrere offene Bars, hier waren überall offene Bars, die Nacht war warm das Bier war bezahlbar meine Hauptsorge war mir genommen. Sigmund verhandelte mit Taxifahrern über eine Rundfahrt, bezahlte schließlich das zwanzigfache dessen was diese Tour normalerweise kostete wenn man ein Pick up Taxi für ein paar Pfennige genommen hätte. Wir fuhren durch eine unbekannte glitzernde Stadt voll pulsierendem Leben in schwüler Hitze der Nacht, überall waren Bars, überall waren Frauen, überall warteten sie auf uns. Der Fahrer hielt gegenüber einem hell beleuchtetem Gebäude mit der Aufschrift: SABAILAND und empfahl uns den Besuch einer „Bodymassage“. Es war mir überaus peinlich in ein solches Haus gedrängt zu werden aber Sigmund kannte keine Gnade. Man geleitete uns zu einem Tisch, ich bestellte Bier, mindestens zwei Dutzend junge Frauen saßen wie die Hühner auf den Stufen vor uns. Ich wurde von Sigmund genötigt mir ein Mädchen auszusuchen weigerte mich aber standhaft das perverse Spiel mitzumachen ich sah auch keine die mir gefallen hätte, alle trugen weite Gewänder, man konnte keine Figur erkennen. Das erschien eine sehr schlanke Schönheit, sie kam von einem Kunden zurück und wollte sich zu den anderen setzen. Sigmund hatte das Foto von Rose gesehen und bestellte die junge Dame für mich. Ich zierte mich wie die Zicke am Strick aber das Mädchen war zu schön um länger nein zu sagen. Man zeigte mir den Weg zum „Waschraum“ wo sie mich mit Verbeugung und Gebetshändchen begrüßte. Nach der Dusche landeten zwei einander völlig fremde Menschen nackt auf einer großen Luftmatratze wo die schmalen Hände des Mädchens Seifenschaum auf meinem Körper verteilten den sie dann mit ihrem Körper massierte. Während  ihre Scham Schritt in Schritt mein Geschlecht massierte fragte sie mich ob ich sie nach der Massage bumsen wolle? Ich fragte nach dem Preis, sie verlangte 1000 Baht. Ich kannte die Preise nicht und sagte nein. Noch nie hatte ich eine solche freizügige Massage erlebt, wer da an mir auf und ab fuhr war genau der Typ auf den ich abfuhr, selbst hier in Pattaya hätte ich eine Abfuhr erhalten wenn ich sie irgendwo angesprochen hätte, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es war tatsächlich ein Wunder was da mit mir geschah; „Wunder gibt es immer wieder“. Deutsches Liedgut. Ein so schönes Lied hatte ich noch nie zuvor gehört, ich hörte die Englein im Himmel singen als mein Steiftier von ihren jungfräulichen kleinen Brüsten liebkost wurde. Schließlich saßen wir uns im Schneidersitz gegenüber, der „Standhafte Zinnsoldat“ stand aufrecht vor der Versenkung in der er verschwinden sollte, schelmisch lächelnd stellte das liebe Kind die Frage aller Fragen; „Das ist die Frage aller Fragen, und du sollst mir die Antwort sagen“, Deutsches Liedgut. Ich hörte Stimmen, die des Standesbeamten drang an mein Ohr; „Wollen sie die hier anwesende Prostituierte sexuell missbrauchen, dann antworten sie mit ja“. „Yes“ sagte ich mit versagender Stimme, bis das der Tod uns scheidet, fügte ich stumm hinzu während das herzensgute Geschöpf mein pralles Glied in Obhut nahm. „So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag der dürfte nie vergehn“. Deutsches Liedgut. Lied gut, Glied gut, alles gut. Ich gab ihr 1000 plus Tip, jede Arbeit ist ihres Lohnes wert, die Bodymassage hatte Sigmund bezahlt, er hatte dafür gesorgt das ich am ersten Tag in Pattaya entjungfert wurde. Ich habe das schöne Kind nie wieder gesehen, sie wäre auf Dauer unbezahlbar gewesen; „Frauen kosten Geld, schöne Frauen kosten schönes Geld“.

 An den offenen Bars von „Fun City“ waren die Mädchen nicht so schön wie mein „Premiere-Girl“, es gab keine Body Massagen, aber der schüchterne Peter war überall willkommen und jede wollte mit ihm gehen. „Willst du mit mir gehn?“ Deutsches Liedgut. Sie kosteten nur halb so viel, blieben aber die ganze Nacht bei ihrem Kunden, ein Kundendienst der mir neu war. In Deutschland war es leicht ein leichtes Mädchen zu finden, aber schwer sie länger als 30 Minuten zu behalten. Viele halten eine Dirne für käuflich, das stimmt nicht, man kann sie nicht kaufen, nur ausleihen. Überall waren Bars, überall konnte man Mädchen für eine Nacht oder länger ausleihen, ein Paradies für Männer. Weit gefehlt, es gibt kein Paradies das auf Frauen basiert. Der liebste Kunde eines Leihmädchens ist der volltrunkene der während des Vorspiels in tiefen Schlaf fällt, er zahlt für ein „Vergnügen“ an das er sich nicht erinnern kann. Männer welche die Verweigerung für eine Domäne von Ehefrauen halten, werden im „Paradies“ eines besseren belehrt, wenn ein Barmädchen den Kunden ins Hotel begleitet, verlangt sie oft den Liebeslohn ohne Gegenleistung, das klingt unglaublich, wird aber immer wieder praktiziert. Wenn der Kunde fragt wofür sie denn das Geld verlange, antwortet sie gelangweilt; Weil du mich mitgenommen hast. Das alles war absolut neu für mich, wie jeder Anfänger hatte ich viel „Lehrgeld“ zu zahlen, man wird nicht ins Paradies hineingeboren, man muss es erobern. Die Naivität der Männer ist die „Geschäftsgrundlage“ der Frauen, schwanzgesteuert ist schon mancher gegen einen Baum gefahren. Gefahren der Liebe, Gefährten der Nacht, gefallene Mädchen, sie haben die Macht. Wenn die Männer sie ausziehen, haben die Frauen die Hosen an. Nun war ich also wo ich hin gehörte, ein schüchterner Mann, der (mit Recht) Angst vor Frauen hatte, musste hier nicht mehr gegen seine Scheu ankämpfen, hier machten die Frauen die Männer an.  Sigmund und ich, wir waren beide neu im Geschäft, er war clever und zupackend ich war ein warm duschendes Weichei. Er hatte mich schon am ersten Tag zu meinem Glück gezwungen, ohne ihn hätte ich ängstlich und abwartend mein Bier getrunken und wäre ohne Frau ins Bett gegangen. Wir gewöhnten uns aneinander, machten vieles gemeinsam, benutzten unser Zimmer abwechselnd für unsere „Liebesabenteuer“. Schließlich überwand ich meine Scham und wir waren zu viert im Doppelbett. Seine Freundin ermahnte mich nicht zu hastig zu koitieren; Langsam langsam, sagte sie in deutscher Sprache, so erhielt ich kostenlosen Unterricht von Profis und lernte worauf es ankam. Ich war ein Anfänger, in einem Alter in dem manch einer bereits aufgehört hat, ein „Greenhorn“, green und horny.

 Ich greife vor und schreibe Erfahrungen nieder die man nicht in drei Wochen Urlaub machen kann. Noch erschien das „Paradies“ uns paradiesisch, jedes Mädchen war bemüht um ihren Kunden, wollte ihn für die Dauer seines Urlaubs an Land ziehen um die nächsten Wochen sorglos zu überstehen, das waren keine Prostituierten wie wir sie kannten, das waren arme Mädchen vom Lande die sich hier ein leichteres Leben an der Seite eines „reichen“ Ausländers erhofften, eine Urlaubsbekanntschaft auf Dauer, von der man nur profitieren konnte. Kleinere Geschenke am Anfang, größere auf Dauer, es war durchaus üblich den verliebten älteren Mann um ein Goldgeschenk zu bitten, ein kostspieliges Geschenk das allen vorhergehenden die Krone aufsetzte. Jeder Thailänder der es zu etwas gebracht hatte trug hier sein Gold zur Schau, viele leichte Mädchen trugen „schweres“ Gold am Hals und an den Armen, man sah den Armen nicht an das sie arm dran waren. Damals war das Gold billiger als heute, aber ein Barmädchen war keine „billige Hure“. Nur Männer welche als „Butterfly“ bekannt waren kamen billiger davon, wer seine Begleitung nie länger als eine Nacht beanspruchte zahlte eine Leihgebühr an ihre Bar und einen Liebeslohn an seine „Eintagsfliege“. Die Crux war jedoch die häufige naive Verliebtheit der einfältigen Männer, wenn die Liebe ins Spiel kam konnte der „Liebeskasper“ nur verlieren, er wurde zum „Pussyclown“ der blind durch die Manege der käuflichen Liebe stolperte. Tatsächlich war der Ort ein riesiger Zirkus in dem weibliche Dompteure dressierte Männer vorführten. „Menschen Tiere Sensationen“ (Zirkuswerbung in meiner Jugend), hier wurden die Biertrinker an den Bars von Elefanten besucht und von giftigen Schlangen bedient, die sie für anschmiegsame zahme Haustiere hielten. Hier musste der Werbespruch neu geschrieben werden: „Menschen Biere Depressionen“.  Depressiv wie ich war, suchte auch ich am falschen Platz nach der Liebe meines Lebens, einer anschmiegsamen Asiatin der ich mein Herz und mein Geld zu Füssen legen wollte, zu Füssen ist immer gefährlich, es könnte darauf herum getrampelt werden. Ich konnte nicht allein sein, war immer auf der Suche nach einem fröhlichen unbeschwerten Mädchen das mir die Grillen vertreiben sollte. Das sollte mir zum Verhängnis werden, ich wusste ja noch nicht das jedes Barmädchen den Dienst am Kunden als ungeliebte Arbeit empfindet und nach einem anstrengenden Achtstundentag ihren wohlverdienten Feierabend im Kreise von Familie und Freunden oder gar ihrem Boyfriend oder Ehemann, verbringen will. Tatsächlich wäre es der Gipfel der Ausbeutung ein armes Mädchen vom Lande, welches aus der Not heraus sich dem Fremden anbietet, drei Wochen lang als Leibeigene ohne Freizeit und Urlaub zu missbrauchen, selbst wenn sie die meiste Zeit mit Fernsehen und schlafen im Hotel des Kunden verbringt. Mir schwebte eine solche Form von „Freiheitsberaubung“ vor, ich wollte die Geliebte täglich 24 Stunden an mich binden, wenn sie ging verfiel ich in Trauer und Schwermut, konnte nicht verstehen warum oder wohin sie ging. Nie kam sie pünktlich zurück, immer erst zwei drei Stunden nach der genannten Zeit. Ein häufig genannter Grund sich „von der Truppe“ zu entfernen, war das sogenannte Wäsche waschen, das sollte ein triftiger Grund sein den Mann den man liebte für Stunden allein zu lassen? Der arme Kerl hatte doch nur drei Wochen Urlaub, die er mit der Geliebten verbringen wollte. Die Liebe ist ein seltsames Spiel, hier wurde mit gezinkten Karten gespielt, der Kunde hatte immer schlechte Karten. Verliebte Narren in aller Welt schicken jeden Monat Geld an das arme Mädchen und träumen davon das „Wunder der Liebe“ im nächsten Jahr fortzusetzen. Am Anfang kauften die Liebeskasper ihrer sanften Asiatin noch Goldgeschenke, später gelangten sie zu der Einsicht dass ein Haus der größte Liebesbeweis von allen sei.                                                                                                                                 

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Ausbeutung, reiche Fürsten beuten arme Bauern aus, reiche Arbeitgeber beuten arme Arbeitnehmer aus, reiche Länder beuten arme Länder aus, reiche Sextouristen beuten arme Frauen aus. Es steht fest wer wen ausbeutet, ein Naturgesetz an dessen Gitterstäben schon Karl Marx vergebens gerüttelt hatte.

Was als Ausbeutung armer Frauen durch „reiche“ Männer begann hat sich im positiven Sinne entwickelt, hier erleben wir das Wunder vom umgedrehten Spieß, hier beuten erstmalig die Armen die Reichen aus. Natürlich sind es keine echten Reichen, es sind die Armen der reichen Länder die hier als reich gelten und es sind ausschließlich Männer die der Frau erst den Verstand und dann ihr Geld opfern. Arm und Reich sind faszinierende Gegensätze, sie fordern sich gegenseitig zum Klassenkampf heraus, jede Klasse bewundert die Eigenheiten der anderen; „Armut wird es immer geben, sie bereichert unser Leben“. In den Augen der Thailänder ist der „Farang“ ein reicher Ausländer der sich in eine jüngere Thailänderin verliebt, eine Leihgebühr bezahlt und wieder abreist. Ältere Männer die das Land lieben lernen, lernen nach und nach Gebühren in unterschiedlicher Höhe kennen, den Höhepunkt des „Geschäfts“ bildet der Kauf eines Hauses für die Geliebte, ein Geschenk das aus tiefstem Herzen kommt und absolut uneigennützig ist weil es auf den Namen der Frau lautet. Wenn dann noch ein Auto dazu kommt ist die Ausbeutung abgeschlossen.  Sigmund und ich waren Anfänger, wir wussten nichts von diesen Dingen, zahlten die tägliche Leihgebühr, Essen und Trinken plus kleine Geschenke, das Paradies im Anfangsstadium. Am Tag der Abreise wischten sich unsere Partnerinnen die nicht vorhandenen Tränen von den Wangen und spielten uns einen traurigen Abschied vor als der Bus sich in Bewegung setzte. Ein gelungener Urlaub ohne Depressionen lag hinter mir, ich hatte mein Zimmer mit einem guten Kumpel geteilt, hatte in „NA“ eine liebevolle Partnerin gefunden, ich würde wiederkommen.

                                                                                                                            SCHICKSAL

Der Manager unserer Big Band eröffnete in Berlin ein Jazzlokal, seine Musiker spielten dort, auch ich verdiente mir ein paar Mark nebenbei, stand an der Kasse und der Garderobe, war auch hier wieder ein Teil der geliebten Musik für die ich nicht mehr zahlte, im Gegenteil. Ich war ein Fan mit „Diplomatenpass“, hatte überall freien Eintritt. Hier traten auch viele Stars der Szene auf wenn sie in Berlin Konzerte gaben, die Jazz Galerie war der Nachfolger der berühmten „Badewanne“ in der ich als junger Mann den Jazzsänger gespielt hatte, nun spielte hier die Musik, ging die Post ab. Nach jeder Spätschicht im Funkhaus zog es mich in die Galerie, ein Kollege aus meiner Abteilung wollte mitkommen, er hatte keine Ahnung von Musik, war nur neugierig. Leider hatte unser Bandmanager gerade die falschen Leute mit der Führung seines Ladens beauftragt, eine gewaltbereite Truppe die eher für die Führung eines Bordells geeignet war, sie verwechselten sein Nachtlokal mit einem Rotlicht-Schuppen, hatten kein Feeling für Musiker Und Jazzfans, zogen den Kunsttempel in die Gosse. Mein Kollege ein Querkopf der hier ebenfalls falsch war geriet sehr schnell mit den rüden „Türstehern“ in Streit und wurde unter Anwendung von Gewalt hinausgeworfen. Es hatte keinen echten Grund für diese Behandlung gegeben, diese Leute waren einfach daran gewöhnt Gäste nach Belieben zu entfernen, sie kannten keine dramatischen Kurzschlusshandlungen, sollten aber nun eine kennen lernen. Während ich im Inneren des Musiktempels mein Bier zu Munde führte nahm mein empörter Kollege auf der Straße Anlauf, rannte auf das Fenster des Ladengeschäfts zu und trat die riesige Scheibe ein, kleine Ursache große Wirkung. Das Krachen und Splittern übertönte wie „Freejazz“ die drinnen dargebotene Musik und erschien vielen Jazzfans als zu modern. Erneut stürzten sich die Schläger auf ihr Opfer das gewagt hatte sich mit subtilen Mitteln zu wehren, ich bedauerte zutiefst den Mann hierher mitgenommen zu haben. Was lehrt uns das, nicht jede Anwendung von Gewalt stellt eine Endlösung dar. Mein Kollege, ein unberechenbarer Querdenker von dem mir ein älterer Spruch in Erinnerung geblieben ist. Im Fernsehen sah er dem harten Training von Artisten zu und sagte: „Es ist unglaublich was Menschen alles anstellen, nur um nicht arbeiten zu müssen“, kündigte später seinen bequemen Job in unserer Firma, es gab zu viele Vorgesetzte die ihm Anweisungen gaben. Tatsächlich hatten wir einen Traumjob, jeder Ingenieur trat uns höflich bittend gegenüber und ließ uns in Ruhe wenn die Arbeit getan war. Der Mann endete als Pförtner im Rathaus dort saß er seine Zeit ab und hatte weniger Vorgesetzte. Für mich ein Traumjob für ihn eine Zumutung, verschiedener können Menschen nicht sein, jeder Versuch einer Gleichmacherei ist der falsche Weg.

Was immer ich für sie war, niemals würde Paulina mich vergessen, sie rief mich an und erzählte mir vom Ende ihrer Beziehung in Bonn, der Mann hatte die Schnauze voll und warf sie aus seinem Haus. Eine Frau wie Sie konnte sich so etwas nicht bieten lassen, sie trat keine Scheiben ein, schnitt aber zum Abschied alle Federbetten auf und spielte Frau Holle. „Leise rieselt der Schnee“ war das Lied das sie ihm zum Abschied sang, auch hier ein subtiler Abgang mit Fantasie und nachhaltiger Wirkung. Schnell hatte sie einen neuen Fisch an der Angel, sie war sexy, hatte Charme und jeder Trottel meinte mit ihr das große Los gezogen zu haben. Der neue Mann durfte mit ihr Urlaub in Thailand machen, zur gleichen Zeit würde auch ich dort sein, wir wollten uns in Phuket treffen. Eine schicksalhafte Verabredung ohne sexuelle Motive, sie hatte ihren neuen Liebeskasper bei sich und ich würde meine neue Eroberung mitbringen. Wir hatten glückliche Tage in trauter Übereinstimmung verbracht, bald würde ich „die Frau meines Lebens“ wiedersehen. Kaum in Pattaya angekommen besuchte ich ihre Bar und wurde schmerzlich enttäuscht, sie war nicht da. Naiv glaubte ich den Worten ihrer Kolleginnen, sie sei auf dem Lande bei Papa Mama, käme aber bald wieder. Diesmal stand mir kein zupackender Sigmund zur Seite, allein wagte ich mich nicht in das SABAI LAND, direkt gegenüber vom Hotel, eine Body Massage wie beim ersten mal würde es kaum geben. Im Süden der Stadt traf ich auf der Straße ein aufregendes Exemplar das die Blicke aller Männer anzog und verfiel ihr mit Haut und Haar. Sie wollte mit mir gehen aber nicht in mein Hotel, sie hätte keine ID-Card dabei. Ich überredete sie mit dem Argument es gäbe einen Hintereingang. Gesagt getan, wir mieden den Haupteingang und ich missbrauchte das arme Kind den ganzen Nachmittag im Bett meines Hotels. Abends gingen wir in die Disco, ich hatte gleich am ersten Tag ins Schwarze getroffen, hier bahnte sich ein neues Liebesglück an und ließ mich den Verlust der Liebsten des Vorjahres vergessen. Ich tanzte verzückt mit der schönsten Frau des Abends und hielt mich für einen Glückspilz, das Leben war schön. Ich trank damals noch viel Bier ohne betrunken zu werden, Wieder im Hotel forderte sie mich auf mein Bier auszutrinken, das machte mit stutzig. Ich packte sie beim Arm schob sie zur Tür hinaus und fiel rücklings auf mein Bett. Ich erwachte mitten in der Nacht mit schweren Kopfschmerzen an Schlaf war nicht mehr zu denken, ich war den berüchtigten „KO-Tropfen“ zum Opfer gefallen. Alles Bargeld, einige Armbanduhren und alle Kofferschlüssel waren geklaut, der Verlust war gering, alle Wertsachen waren im Safe. An der Rezeption lieh ich mir Geld ging zu den Bars und trank Bier. Eine neue Erfahrung, die Dame hatte den ganzen Tag mit mir gespielt um mich in der Nacht zu betäuben. Eine Anfängerin, das erbeutete Geld war nicht der Rede wert, Ausländer sind ja reich, das weiß doch jedes Kind. Heute bin ich reich an Erfahrungen, die Fehler dieses Tages würde ich nicht noch einmal machen. Die Nachwirkungen der Droge waren verheerend, ich war tagelang krank, konnte nachts nicht schlafen, hatte Depressionen, war zu nichts zu gebrauchen. Eines Tages klopfte es an meiner Tür, schlaftrunken öffnete ich; Es war meine Liebste vom Vorjahr. Sie lächelte als sie meine Story hörte, nach dem Motto: „Dummheit muss bestraft werden“, „Mein Gott was sind die Männer dumm, wenn` Mädchen brav ist dreht sich keiner um, doch wenn sie frech ist sind sie gleich verliebt, weil es zu viele dumme Männer gibt“. Deutsches Liedgut, Cläre Waldorf. Frech trat sie mir entgegen als ich sie durch Zufall in Süd-Pattaya wieder sah, meine Giftmischerin mit den KO-Tropfen, umgeben von jungen Thai-Männern denen sie ein lockeres Leben finanzierte. Ich stellte sie zur Rede, sie stellte sich dumm, ich war der Dumme. Die Welt ist schlecht, aber man muss auch das Gute sehen, schließlich unterstützte sie mit ihren Raubzügen junge Männer die auch etwas vom Leben haben wollten. „Leben und leben lassen“ rufen wir den Ausgeraubten zu, es ist ja für einen guten Zweck und der heiligt die Mittel. Mittelpunkt meines Urlaubs war nun wieder „NA“ meine Liebste vom vergangenen Jahr, wir waren das ideale Paar, der Altersunterschied war gering, sie war 25 ich war 55. Ich hätte ihr Vater sein können, war ich aber nicht. Mein „Baby“ hatte etwas mehr Babyspeck am Körper als ich es gern gehabt hätte, man kann nicht alles haben. Ich war dankbar für ihre Jugend, sie war dankbar für die vielen Geschenke die ich ihr machte, obwohl ich damals noch kein Gold an die Frauen verschenkte. Noch immer stand ich am Anfang meiner Laufbahn als Sextourist kaufte Schuhe Jeans und coole Jacken und erntete Dank wie beim Erntedankfest. Zärtlichkeit und liebe Worte gaukelten mir die Liebe vor, man weiß ja dass viele Frauen ältere Männer lieben. Ich war ja nicht alt, nur ein wenig älter als mein „Baby“ – die paar Jahre, das macht doch nichts. Nichts würde es nicht machen aber Geld macht es. „NA“ hatte Gründe Pattaya zu meiden, davon ahnte ich natürlich nichts, sie begrüßte meinen Vorschlag nach Phuket zu fliegen und von dort aus Koh Samui zu besuchen. Gesagt getan, so trafen wir in Phuket auf Paulina, der ich diesmal nicht hilflos ausgeliefert war, ich hatte Na und sie hatte einen neuen Liebeskasper an ihrer Seite. Der Mann war eine graue Maus, ein Mann ohne Eigenschaften ein brauchbarer Trottel den man missbrauchen konnte. Meine junge Geliebte wollte sich nach dem Treffen mit Paulina aus Eifersucht nicht von mir missbrauchen lassen und missbrauchte den Abend für unsinnige Anschuldigungen. „Der Missbrauch ist ein alter Brauch, ich brauch dich miss und du mich auch“. Natürlich ist es ekelhaft wenn alte Männer junge Frauen missbrauchen aber man kann ja wegsehen. Warum hatte ich diese Reise gemacht, wollte ich Paulina oder Koh Samui sehen, ich hatte Na, sie war eifersüchtig, sie liebte mich das war offensichtlich, wozu ein Treffen mit Paulina und ihren neuen Schoßhund? Es blieb bei dem einen Treffen, man hatte sich nicht viel zu sagen, Na spielte die Betrogene, ich spielte die Sache herunter, Paulina spielte keine Rolle mehr, aber das Schicksal spielte mir einen Streich.

                                                                                               DES MEERES UND DER LIEBE WELLEN

Hauptsaison, unser Hotel war ausgebucht wir mussten ausziehen, fuhren mit dem Taxi zum Karon Beach, dort waren die Zimmer sehr teuer, wir fanden eines in einem Beach-Restaurant ohne Pool aber direkt am Meer, hatten ein romantisches Dinner in magisch beleuchteter Tropennacht, es war traumhaft schön. Eine schöne junge Frau und ein „reicher Farang“ eine Love Story wie aus dem Bilderbuch. Frauen sind jung und schön, Männer sind alt und reich, das reicht. Nach meinem Unfall mit den KO-Tropfen war ich wieder in der Rolle meines Lebens; Ein Playboy der sich aus ärmlichen Verhältnissen ganz nach oben geboxt hatte, ich hielt die Frauen aus, die Frauen hielten mich aus, so ließ es sich aushalten. Nichts konnte unser Glück trüben, die Nacht gehörte uns. Na wollte meine deutsche Adresse haben, sie würde mich besuchen wenn sie einmal in Deutschland sein würde. Da war er wieder, der Stachel im Fleische der Glückseligkeit, der Argwohn der uns innewohnt, der nagende Zweifel der sich wie ein Wurm durch den Apfel des Glücks frisst. Ernüchtert setzte ich mein Bierglas ab und sagte ihr die Wahrheit auf den Kopf zu; „Du hast einen Deutschen der dich heiraten wird“. „Woher weißt du das“ fragte sie, aber es war nicht schwer zu erraten gewesen. Der kostbare Kelch des Glücks hatte einen Sprung bekommen, ich würde sie verlieren, ein jüngerer Mann mit mehr Geld würde sie heiraten, sie würden liebliche Kinder haben, wie ich sie mir niemals wünschen würde, ich wünschte ihr Glück. In dieser Nacht stach ich hemmungslos auf sie ein, ich wollte ihr weh tun wie sie mir weh getan hatte aber sie stöhnte vor Glück, die Liebe ist ein seltsames Spiel. Ihr Aufschrei übertönte das Rauschen des Meeres, Wellen des Glücks jagten durch ihren Körper auf dem ich entkräftet nieder sank. Vor dem Frühstück pflegte ich zu schwimmen, es gab keinen Pool das Meer war greifbar nah aber es gab hohe Wellen. Ich sah wie ein Schwimmer mit einem Kopfsprung in eine hohe Welle tauchte, machte mir Gedanken, ermahnte mich zur Vorsicht und ging ins Wasser. Nach 30 Minuten hatte ich wieder festen Boden unter den Füssen, Na war inzwischen im Wasser und spielte mit den Wellen. Ich blieb am Rand stehen, wendete mich zu ihr warnte sie vor einer besonders hohen Welle, die jedoch für sie keine Gefahr darstellte, im nächsten Augenblick jedoch mich bedrohte. Ich stand auf festem Boden wagte den Kopfsprung nicht, zum Nachdenken war keine Zeit mehr, die Welle erfasste mich mit unerwarteter Gewalt und schleuderte mich auf den Strand. Schwankend wie ein Betrunkener erhob ich mich, hatte Sehstörungen, Farben flackerten vor meinen Augen, ich taumelte ziellos hin und her, es dauerte eine Weile ehe meine Freundin den Ernst der Lage erkannte. Spaziergänger setzten mich in einen Liegestuhl, man war besorgt um mich, Na hielt meine Hand und fragte ob ich Schmerzen hätte. Ein Krankenwagen fuhr mich ins Hospital man machte Röntgenaufnahmen von meiner Wirbelsäule und wollte mir einen Gipsverband um den Hals legen. Na lag in einem zweiten Bett neben mir, wir blieben zwei Tage im Krankenhaus, ein Bruch konnte nicht gefunden werden. Ohne Gipsverband ging es zum Flughafen, ich glaubte nicht an einen Ernstfall. Wir flogen nach Bangkok, fuhren nach Pattaya, dem Ort an dem Na sich nicht aufhalten wollte, sie hatte ihrem künftigen Ehemann versprochen im Issan bei Mama Papa auf ihn zu warten. „Schau einer schönen Frau nicht zu tief in die Augen, denn was ihr Blick verspricht das hält sie nicht. Sie schaut den nächsten Mann genau so zärtlich an, doch all ihr zärtlich sein ist leider nur Schein“. Deutsches Liedgut. Lied gut, Realität erschütternd. Der schöne Schein ist hier der Geldschein, welcher Schein könnte schöner sein? Ich lebte in einer Scheinwelt in der der Schein nur zählte, wenn man viele davon zählte. All das zählte für mich nicht mehr, ich benötigte meine Scheine nun für die Rechnungen der Ärzte. Kurz nach Ankunft landete ich in der PIC-Clinik wo weitere Röntgenaufnahmen gemacht wurden, jedoch nur einer der Ärzte einen Bruch zweier Halswirbel diagnostizierte, der Rest des Teams wollte mich entlassen. Ich vertraute der Mehrheit, man glaubt was man hören möchte. Ich wurde entlassen, lag aber als Kranker im Hotelbett bis die Lähmungen einsetzten. Der erste Arzt hatte Recht behalten, er schickte mich im Krankenwagen in das Bumrumgrad-Krankenhaus in Bangkok. Vorher nahm Na Abschied von mir, wir wünschten uns gegenseitig Glück und haben uns nie wieder gesehen. In Bangkok untersuchte mich der Chefarzt, ich war ein interessanter Fall, er hielt meine Füße fest und ließ mich Strampeln, das ging noch, kein völlige Lähmung, das machte ihm Hoffnung. Ich werde sie operieren muss aber vorher nach Singapur, mir müssen zwei Löcher in ihren Kopf bohren um ihn zu fixieren. Das klang gut, wohl eine Art Piercing, aber das war damals noch nicht modern. Gesagt getan, man bohrte meine Schädeldecke an und verankerte eine Art Kopfhörer an dem ein Gewicht außerhalb des Bettes hing das den Kopf vom Körper wegzog. So verbrachte ich einige Tage und Nächte, ständig kümmerten sich viele Schwestern um mich, es herrschte kein Mangel an Personal. Am Tage des Eingriffs arbeitete ein Team von Ärzten an meiner Hüfte, man entnahm ein Stück Knochen welches vom zweiten Team in die gebrochenen Halswirbel eingesetzt wurde. Mit Draht umwickelt mit Plastik verschmiert wurde der Tatort wieder zugenäht – verdammt und zugenäht! Ich war naiv genug zu glauben, nach der Operation wieder laufen zu können, man fuhr mein Bett zur Krankengymnastik und meine Beine knickten ein, „Früher trank er Knickebein, heut knicken ihm die Beine ein“. Zeit der Tränen, ich sah mich für den Rest meiner Tage im Rollstuhl gedachte meiner Tanzkünste in der Disco von Mombasa und wollte mich umbringen. Es war nicht das erste mal dass ich vom Suizid träumte aber zum ersten mal hatte ich einen echten Grund. Wie immer wurde nichts daraus, ich lebte weiter und kämpfte gegen das Schicksal an, bis mir die Ärzte den Rückflug nach Deutschland nahe legten. Man besorgte einen Arzt der in Deutschland studiert hatte, er würde mich begleiten, ich hatte sein Ticket zu zahlen. Mit einer Plastikflasche am Bein einem Katheter in der Harnröhre saß ich im Flieger und trank mein erstes Bier nach langer Zeit. Der mit mir reisend Arzt leerte den Urinbehälter und dirigierte die Umsteigemanöver des Rollstuhlfahrers. „So fliegt er heim der Sextourist vom Schicksal hart ans Bein gepisst“. Die Schlagzeile in BILD hätte lauten können: „DAS ENDE DER GEIHEIT, IM ROLLSTUHL AUS THAILAND ZURÜCK“. BILD wusste nichts von meiner Heimkehr aber mich erwartete ein „großer Bahnhof“. Im Rollstuhl sitzend wurde ich in Berlin von Freunden und Kollegen empfangen, ich weinte hemmungslos. Das Waldkrankenhaus wurde meine nächste Station, auch dort besuchten mich viele Kollegen, ich war erstaunt über meine Beliebtheit. Man brachte mir sofort einen tragbaren Fernseher plus Kopfhörer, ich gab mich heiter und weinte wenn sie gingen. „Tränen lügen nicht“ Deutsches Liedgut. Wer querschnittsgelähmt im Krankenhaus liegt und den Rollstuhl für immer befürchten muss, begreift plötzlich den wahren Wert der Dinge, ich hätte alles dafür gegeben auf eigenen Beinen zum Kiosk auf dem Gelände gehen zu können um eine Bockwurst und ein Bier zu kaufen. Der deutsche Chefarzt wollte die Fremdkörper entfernen, das Material dürfe nicht im Körper verbleiben. Um es kurz zu machen, Draht und Plastik sind heute noch dort wo sie nach seiner Meinung nicht bleiben durften, Meine Wirbelsäule ist kein Schlussverkauf: „Alles muss raus“. Der Chefarzt wollte operieren aber die Röntgenbilder ergaben keine klare Antwort auf den kompletten „Durchbau“ meiner Halswirbel. Man schickte mich zu einer „Reha“ wo ich wieder laufen lernen sollte. Einen Tag vor Antritt der Reise besuchte mich meine Exfrau, brachte Geschenke und Bier mit, kam mit guten Absichten. Leider kam es zu einem verspäteten, völlig überflüssigen „Ehestreit“ der stundenlange Weinkrämpfe auslöste. Ich weinte während der Fahrt im angemieteten Auto, bei der Ankunft im Krankenhaus, geriet in Streit mit der diensttuenden Ärztin wie ich an Gehstützen laufend meine Urinprobe über meine Hosen goss. Man wollte mich nach Hause schicken wenn ich mich nicht einordnete. Ordnung muss sein, es war Absicht die Patienten zur Selbstbedienung am Frühstücksbuffet zu nötigen, wir sollten lernen trotz Gehstützen Kaffe und Speisen zu befördern. Ich begegnete vielen noch jungen Schlaganfall-Patienten, die die laufen und Geschirr tragen sollten, alle Manager die sich bei der Karriere zu viel zugemutet hatten. Während ich laufen lernte, lernte ich viele liebe Menschen kennen, es lernt der Mensch so lang er lebt. Meine Querschnittslähmung war ein Lernprozess, ich hatte Glück im Unglück und lernte wieder laufen. Ohne Gehstützen ging es nicht, aber es ging ohne Rollstuhl. Trotzdem brach ich bei der Heimkehr in meine Berliner Wohnung erneut in Tränen aus, gesund hatte ich sie verlassen, an Krücken kam ich zurück. Meine Nachbarin versuchte mich zu trösten, ich suchte Trost beim Bier. „Wenn es ihnen hilft“ hatte der Arzt im Waldkrankenhaus gesagt als er mich beim Bier trinken erwischte. Dort habe ich mich nie wieder gemeldet, ich wollte eine Entfernung der Fremdkörper meiner Wirbelsäule vermeiden. Zwei Jahre später, ich hatte wieder laufen gelernt, konsultierte ich einen Facharzt um das Material zu begutachten, er bescheinigte eine ausgezeichnete chirurgische Arbeit der Kollegen in Bangkok und wollte die Röntgenbilder in einem Fachblatt veröffentlichen, das Material könne im Körper bleiben. Ich fragte ihn ob ich wieder nach Thailand reisen dürfe, dem Ort des Geschehens, er hielt es für eine philosophische Frage und hatte keine Bedenken. Ein neues Spiel ein neues Glück, das Roulette meines Lebens drehte sich weiter, die Kugel rollte.  

                                                                                                                                EIN  NEUES  LEBEN

Ich konnte wieder laufen man wollte mich in den Arbeitsprozess eingliedern, viele Ärzte viele Untersuchungen, mein Chef drohte mir eine Stelle als Pförtner an, arbeitsfähig aber nicht mehr vielseitig verwendbar. Ich hatte meinen Job geliebt, den neuen würde ich hassen. Ich bezog eine Rente auf Zeit, die Uhr lief ab. Ich begann um meine endgültige Rente zu kämpfen, schrieb an die Direktoren der Landesversicherung und wurde schließlich erhört. Die Rentenzahlungen wurden fortgesetzt ich atmete auf. Ein arbeitsreiches Leben unter ständigen Schmerzen hatte nach dem Unfall ein Ende gefunden, nun begann ein neues Leben. „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“, aber wie ist ein neues Leben ohne eine neue Liebe? Paulina rief mich an, sie hatte eine neue Liebe gefunden, weilte mit ihm in Berlin, wir trafen uns am Kurfürstendamm, immer wieder bezog sie mich in ihr Leben mit ein, stellte mir ihre Männer vor, wer oder was war ich in ihrem Leben, warum traf ich mich immer noch mit ihr, waren wir Freunde oder Komplizen, sie war und blieb ein Rätsel. Mein tragischer Unfall berührte sie wenig, eine Mitschuld konnte sie nicht entdecken, mein Schicksal lag nicht in ihrer Hand. Ihr Begleiter war ein gut aussehender Mann mit Geld, ich beglückwünschte sie zu ihrer Wahl. Der Neue ermöglichte ihr sogar den Besuch von Spielcasinos, sie war ein Glückskind. Eine außergewöhnliche Frau, eine Femme fatale, eine Figur wie aus einem Roman. Es war unsere letzte Begegnung. Zu meinem neuen Leben gehörte eine neue Liebe, ich wusste einen Ort an dem man Liebe kaufen konnte, ich hatte das Geld und die Freizeit, ich liebte die Wärme und das Licht der Tropen, die Palmen und die exotischen Blumen, die wohlmeinenden Lügen der Mädchen und Frauen; „Thailänder lügen nicht, sie erzählen dir nur was du hören möchtest“. In Deutschland konnte ein Mann eine Frau kaufen in dem er sie heiratete und einen Blanco-Scheck unterschrieb, er konnte dann seinen „Besitz“ aufzählen: Mein Haus mein Wagen meine Frau. In Thailand konnte er sich eine Frau ausleihen aber keinen Besitz aufzählen, „sein Haus“ lautete auf ihren Namen, sein Auto gehörte ihrer Familie, sie selbst gehörte einem anderen, war heimlich mit einem Thailänder verheiratet. Deutsche Frauen mussten in der Regel einige Jahre mit der Aufzählung warten: Mein Haus mein Auto mein geschiedener Mann. Es gab keine wesentlichen Unterschiede, außer dass die Thailänderin meist jünger war. Das traurigste Kapitel im Buch der Liebe ist der Altersunterschied, schon die vergessene Autorin des Pamphlets: „Der dressierte Mann“ Ester Vilar misstraute den fadenscheinigen Begründungen junger Frauen die sich unsterblich in alte Männer verliebten, wobei sein Geld natürlich gar keine Rolle spielte, sie stellte die Frage warum so wenige junge Frauen sich in arme alte Rentner verlieben. Arme alte Rentner verfügen einfach nicht über den Charme und die Persönlichkeit, sind nicht der Typ von dem die Frauen sagen; „Der könnte mir gefährlich werden“. Arme alte Rentner gehen am Stock oder am Rollator,      sie sind absolut ungefährlich. Die Gefahren gehen immer von reichen alten Männern aus die einen größeren Wagen fahren. Ich fuhr keinen Wagen, wirkte aber so gefährlich wie alle reichen alten Ausländer. Nur reich reichte aber nicht um die Herzen junger Mädchen zu erreichen, sie wollten sich an jungen Männern bereichern. Ich war wählerisch und wurde häufig abgewiesen, mein Geld war den Damen nicht jung genug. Hier begriff ich den Unterschied zwischen jungem und alten Geld, wenn man mit altem Geld zahlte war der Preis höher. Noch war ich nicht wirklich alt, aber ich ging gebückt und respektlose Mädchen machten sich über den Krüppel lustig. Die Arbeit an der Bar verdarb ihre gute Erziehung, sie verloren den Respekt vor dem Alter, ein alter Mann der sich um junge Frauen bemühte war keine Respektsperson sondern ein ungeliebter Kunde. Ich lief durch die Straßen wie „Falschgeld“, keine der jungen Frauen wollte mein altes Geld haben, es war genug junges Geld im Umlauf. Ich hatte es schwer eine Traumfrau zu finden; „Paradies mit kleinen Fehlern“.  Wir müssen alle Kompromisse machen, die Alten Männer wie die jungen Frauen, die begehrten Exemplare sind schnell vergriffen, wer zu spät kommt den bestraft das Leben. Ich wurde meistens bestraft wenn ich Kompromisse machte, einmal nahm ich aus Frust einen „Ladenhüter“ mit um dem Abend ein Ende zu machen, im Hotel verlangte die Dame dann Geld ohne jede Bereitschaft zum versprochenen Sex. Man ist dann sprachlos über so viel Frechheit, zahlt ein Trinkgeld und ist froh allein zu sein. Ein anderes mal überredete ich eine unwillige Barfrau mäßiger Schönheit mich zu begleiten und verlangte im Scherz keinen Sex, sie ging mit und nahm mein Versprechen wörtlich. Sie lag nackt neben mir, ich fummelte an ihrer Klitoris,“You hurt me“ sagte sie  und ich ließ erschreckt von ihr ab. Ich bat sie zu gehen wenn sie nicht „arbeiten“ wolle, sie sprang aus dem Bett zog sich an und streckte die Hand aus. „Wo für?“ fragte ich. „Weil du mich mitgenommen hast“. So einfach ist das, man geht mit ohne jede Bereitschaft und verlangt den vollen Preis. Ich war empört und weigerte mich zu zahlen, später gab ich in solchen Fällen den halben Preis um keinen Ärger zu bekommen. Erbost verließ sie mich, ich blieb frustriert zurück. Zwei Tage später ging ich abends an ihrer voll besetzten Bar vorbei, sie sprang auf und pöbelte hinter mir her; „Nobody want to fuck you, nobody want to fuck you, here in the whole Pattaya!“  Ich stieg die drei Stufen zu ihrer Bar hinauf und sagte; „I fuck every day ten times, because i have the money, and you are a very stupid girl“. Hier entlud sich der gerechte Zorn der gequälten Kreatur, rechtlose Frauen nahmen sich das Recht gegen eine ungerechte Welt aufzubegehren, eine Welt in der sie gezwungen wurden wildfremde hässliche alte Männer zu eskortieren, eine Vergewaltigung zu erwarten die der alte Sack nicht vollziehen wollte. Wer eine Frau kauft, kauft keinen Sack Kartoffeln auch wenn sie leblos wie ein solcher im Bett liegt. Hier kauft man ein lebendes Wesen, eine Frau mit Gefühlen, die von einem Traumprinzen träumt der sie erlösen wird wie Richard Gere in „Pretty women.“ Er soll gut aussehen und viel Geld haben, mehr verlangen diese armen Mädchen nicht vom Leben. Aber auch die alten Männer die sich an ihrer Bar ein Bier bestellen erwarten nicht viel vom Leben; Jung hübsch sexy würde schon reichen. Es gibt arme Mädchen und arme Männer, die einen warten auf Mr. Right die anderen sind Sklaven ihres Sexualtriebs und erwischen Miss Wrong. Die Welt ist schlecht aber wir sind die Guten, wir meinen es gut mit den Mädchen, wollen ihnen helfen, manche Typen behaupten tatsächlich, sie hätten hier eine soziale Aufgabe zu erfüllen. Viele der Mädchen sind asozial weil sie ihre Aufgabe nicht erfüllen wollen, sie brüskieren die Männer und hindern sie an der Erfüllung ihrer sozialen Aufgabe. Aber man soll nie aufgeben, es gibt böse Mädchen und es gibt gute Mädchen, suchet so werdet ihr finden. Ich suchte weiter und  fand in einer teuren A go go Bar ein zauberhaftes Geschöpf das meiner Werbung erlag, ich kaufte viele teure  „Lady-Drinks“ und wartete geduldig bis die „Mama San“ ihr den Besuch meines Hotels gestattete. In diesen Bars tanzen die Mädchen im Bikini oder gar nackt, sie müssen schnell wieder am Arbeitsplatz sein, hier ist nur ein „Shorttime“ möglich der jedoch sehr teuer ist. Wer Mercedes fahren will kann nicht nur VW bezahlen“ heißt es im Jargon. Sie hatte Geschmack war elegant gekleidet, ich hatte teuer aber gut eingekauft. Sie war auch nett, aber nicht nett genug, es reichte nicht für eine Erektion, der Kavalier zahlt und schweigt. „Das Leben ist schön aber teuer, man kann es auch billiger haben, nur ist es dann nicht mehr so schön“. Wenn der Mercedes nicht läuft, steigt man wieder auf VW um, der läuft und läuft und läuft. Bei mir lief nichts, genau wie die Mädchen an der Bar hatte ich eine zu hohe Erwartungshaltung, ich war und blieb ein Träumer der nicht gern „TRABI“ fuhr. Das trieb mich erneut in die Arme der eleganten „SUSI“ aus der A go go-Bar, es musste doch möglich sein bei dieser netten schlanken Schönheit einen Penis erectus zu erlangen. Susi war auch nackt eine Augenweide, sie stolzierte im Zimmer herum, verbarg sich schamhaft hinter der Gardine, war sich ihrer Wirkung bewusst, sie war nett aber nicht lieb, sie war ein heißes Gerät aber kühl bis ans Herz. Eine Erektion kann man nicht erzwingen, ein schlaffes Steiftier trägt seinen Namen zu Unrecht, Susi kannte nur potente Kunden; „Wenn das Geld im Kasten klingt, der Phallus aus der Hose springt“, Schlappschwänze waren ihr fremd und Oralverkehr als Opening war zu dieser Zeit in Pattaya noch verpönt. „Mein Mund ist doch keine Toilette“ sagte mal eine der Damen zu mir. Ich war nicht der Mann der so etwas forderte, also war ich einfach ein naiver Versager der sich wunderte warum es nicht ging. Obwohl schon mein Vater mir einen klugen Spruch auf den Lebensweg gegeben hatte: „Es gibt keine impotenten Männer, nur ungeschickte Frauen“. Susi war schön und sexy aber sie war ungeschickt. Wieder ein ungeschickter aber schweineteurer Abend. Männer sind Schweine, ungeschickte Frauen sind schweineteuer, wem das Schicksal eine geschickte schickt der hat Schwein gehabt. Ich schickte mich in mein Schicksal und Susi in ihre Bar zurück, dumm gelaufen. Das Drama der Ausbeutung, ich bekam keinen Gegenwert, wurde von Susi ausgebeutet, Sie wurde  von ihrer Bar ausgebeutet, immer ist einer des anderen Beute, es lebe die Ausbeutung, ohne sie kein Fortschritt.

                                                                                                                   CIRCUS  CAPITALE

Es gibt kein Paradies und keine heile Welt, es gibt nur die mit einem Fluch belegte Menschheit die auf einem ausgebeuteten Planeten einen Zirkus der Grausamkeiten errichtet hat in dem der Gutmensch als Pausenclown auftritt und Trostpflaster verteilt. Die Zuschauer bestaunen die Künste der Ausbeutung, mit immer neuen Tricks gelingt es den hochbezahlten Artisten die Menge in ihren Bann zu ziehen. Atemberaubende Spekulationen am Trapez werden ohne Netz vorgeführt, Kurse stürzen ab, Träume verenden im Sand der Manege. Kunstfertige Jongleure werfen Zahlen in die Höhe, fangen sie wieder auf um sie erneut nach oben zu schleudern, ein ständiges auf und ab das Armen Verluste und Reichen Profite bringt. Dompteure führen dressierte Anlieger vor, domestizierte Haustiere die auf Zuruf und Peitschenknall reagieren. Magier zersägen Schuldverschreibungen bei lebendigem Leibe und verkaufen die Extremitäten als kostbare Einzelstücke. Junge Mädchen im Bikini gehen mit Sammelbüchsen durch das Publikum fordern zu Spenden für Hedge-Fonds auf, jeder Spender bekommt einen flüchtigen Kuss auf die Wange und ist nun Teil der weltweiten Ausbeutung.

                                                                                                                    DAS  HÄSSLICHE  MÄDCHEN

Eines Abends erblickte der geile alte Mann im Getümmel der Bars ein hässliches Mädchen mit knabenhafter Figur, dünn wie Bulimie, flach wie ein Brett aber sie reizte ihn. „Errötend folgt er ihren Spuren durch all die Straßen voller Huren“. Sie lächelte als er die Verfolgung aufnahm und führte ihn zu  der Bar an der sie arbeitete, Soi 8 nah der Beach Road, sein Hotel lag direkt gegenüber man hatte kurze Wege. „Willst du mit mir gehn“. Deutsches Liedgut. Er zahlte den Auslösebetrag an ihre Bar und sie durfte mit ihm gehen. Hand in Hand betrat das ungleiche Paar das Hotel des Verführers, sie hätte seine Tochter sein können, war sie aber nicht. Die jungen Frauen an der Rezeption missbilligten seine Wahl, man hielt das „Opfer“ für minderjährig und deutete in der Zeichensprache Handschellen an. Bei allem Unglück in der Liebe hatte er jedoch immer Glück was das Alter seiner Eroberungen anging, alle waren alt genug um alten Männern gefällig zu sein. Sie war prüde erzogen, er durfte sie nicht nackt sehen, nach dem Duschen verhüllte das Badetuch den schmalen Körper und versteckte den nicht vorhandenen Busen vor den gierigen Blicken des alten Lüstlings. Meine Hand zittert, meiner Feder stehen die Haare zu Berge wenn ich sie in das Tintenfass tauche, ein würgender Ekel vor mir selbst nimmt mir die Atemluft wenn ich über diese abstoßenden Vorgänge berichte. Hier wurde ein unschuldiges Geschöpf, das einen Penis nur vom Hörensagen kannte und noch nie an einer Bar gearbeitet hatte für schnödes Geld an einen abstoßenden alten Knacker vermietet der das hauchdünne Wesen schamlos missbrauchen würde. Kokett stolzierte der Unschuldsengel vor dem ungeliebten Kunden auf und ab und genoss die Wirkung die ihr verhüllter Mädchenleib auf ihn hatte. Nackt saß der alte Knabe auf dem Rand des Bettes, sein Geschlechtsorgan zuckte wie ein gepeinigter Wurm der sich schmerzhaft dehnte. Schelmisch versuchte der erregte Mann ihr das Tuch zu entreißen, als es ihm gelang stand sie schamhaft zitternd die schmalen Hände schützend vor der Scham, vor dem zudringlichen Lustgreis dessen Glied furchterregend in die Höhe ragte. Hier geschah das Wunder der Erektion allein durch die kokette Verhüllung eines Nichts. Ihre Brust war die eines Knaben, ihre Scham war die eines Mädchens, sie war kein Ladyboy, sie war eine Frau oben ohne. Er zog sie auf das Bett und presste sein hartes Glied gegen ihren flachen Bauch bevor es sich zwischen ihre Schamlippen drängte. Sie spreizte die schmalen Schenkel und empfing den Fremdkörper wie einen guten alten Bekannten. Es  wurde dem Mann schwarz vor Augen als er tief in Sie hinein fuhr, ihr leises Stöhnen hieß ihn willkommen und ermunterte ihn den Vorgang wieder und wieder zu wiederholen. In dieser Zeit strebten alle Barmädchen ein Verhältnis von Dauer an, man kannte noch keinen Shorttime, es gab noch kein Handy, ich wollte „LU“ bei mir behalten bezahlte sie gut, verwöhnte sie mit Geschenken, glaubte sie wäre gern mit mir zusammen. Das glauben viele und sie wundern sich wenn die Dame plötzlich weg ist. „Ich verstehe das gar nicht, sie hatte es doch gut bei mir“, ist ein oft gehörter Spruch. Oft laufen die Frauen nur für ein paar Tage weg, sie müssen ihre „Batterien“ neu aufladen, die „Arbeit am Farang“ ist anstrengend, es gibt den Altersunterschied, die Sprachbarriere, ihre Kinder, die Familie, vielleicht sogar den thailändischen Freund oder Ehemann. Der „Farang“ kennt die Hintergründe nicht, er wünscht sich einen problemlosen Urlaub mit einer liebevollen Partnerin, die er großzügig bezahlt und beschenkt. Ein Freund von mir, er war zum ersten mal in Thailand, verliebte sich ziemlich schnell in eine Barfrau, sie waren immer beisammen und küssten sich wie die Turteltauben, ein Glück ohne Ende. Plötzlich war sie weg. Einfach weg, ohne ein Wort ohne Grund, der Mann verstand die Welt nicht mehr. Es trifft die verliebten Männer wie ein Keulenschlag, es gibt keine Erklärung für das plötzliche Verschwinden, ebenso plötzlich tauchen die Damen dann wieder auf und wundern sich ihrerseits wenn der Mann nun bockig wird. Mein Freund hatte Pech, sie kam nicht zurück, der Abgang war endgültig. Und doch stand sie eines Tages mit zwei kampfbereiten Freundinnen vor seiner Tür und forderte eine Nachzahlung. Der Mann war ein Geizhals (KINIAU) er hatte ihr zu wenig bezahlt. Eine der Freundinnen fuchtelte mit einem Messer vor seinem Gesicht herum, der Geizhals zahlte. So endete eine Liebe. Lu war nicht schön aber auch sie hatte andere Träume, sie war 27, hatte zwei Kinder,  von ihrem thailändischen Mann verlassen, war Sie in Pattaya an der Bar gelandet. Immerhin waren wir zwei ein paar Wochen zusammen und ich war verliebt in Sie. Noch immer zierte sie sich nackt vor mir zu posieren, noch immer spielten wir das Verhüllungsspiel, als ich ihr von einer kleinen Hautveränderung im Schritt erzählte. „Das habe ich auch“ sagte sie und weckte meine Neugier. Ihre prüde Erziehung verhinderte einen Blick auf ihre Schamgegend, es dauerte eine Weile ehe ich sie von der Notwendigkeit überzeugen konnte. Am Rande der Vagina hatte sich eine Beule von der Größe  einer kleinen Kirsche gebildet die mich beunruhigte und uns in das nahe Krankenhaus führte. Lu hatte eine verkapselte Syphilis die ihr Ehemann vom fremd gehen mitgebracht hatte, die Infektion bestand schon einige Jahre und musste dringend behandelt werden. Sie erhielt eine Spritze mit hoher Dosierung und erkrankte an der Wirkung. Die Ärzte ermahnten sie zu zwei weiteren Spritzen in Abständen von drei Monaten. Wir hatten geschützten Verkehr gehabt, ich war sauber. Offenbar bestand auch keine Ansteckungsgefahr, Sie arbeitete wieder an ihrer Bar. Eine Zeit lang holte ich sie bei Dienstbeginn dort für einen Shorttime ab und erlebte wie Sie schon früh am Nachmittag den ersten Longdrink in einem Zug hinunter kippte. Ich kannte sie als Nichttrinker und fragte warum? Ich muss mitmachen, alle Mädchen trinken, sonst bin ich Außenseiter. Auch Lu hatte mich viel mit meinen Depressionen allein gelassen, war stets später als versprochen zurück gekommen, auch sie träumte den Traum vom „ young handsome Man „ dem man sich für den halben Preis oder gar kostenlos hingeben konnte. Ich war modisch gekleidet gepflegt nett liebenswürdig verständnisvoll großzügig gebefreudig charmant witzig humorvoll – aber ich war von einer Krankheit verkrümmt und 30 Jahre älter als Sie. Dabei war Lu durchaus nicht der Typ auf den die jungen Playboys flogen, Sie war keine vollbusige Schönheitskönigin die man ganz vorn an der Bar plaziert um Männer anzulocken sondern eher der Ladenhüter, eine magersüchtige „Oben ohne Frau“ die mit ihren 27 Jahren hier schon als „alt“ abgestempelt war. Wenn ich sie bei Dienstbeginn für einen Shorttime von ihrer Bar abholte trank sie sich Mut an um den alten Sack ertragen zu können, war dann gut drauf, hatte sich den ungeliebten „Papa“ in kürzester Frist schön gesoffen. „Alkohol macht jung und schön“ wenn er von jungen Menschen im Angesicht des zahlungswilligen Alters konsumiert wird. Meine Falten glätteten sich wie von einem unsichtbaren Bügeleisen weg gebügelt, meine gekrümmte Haltung wurde als Verbeugung vor ihrer Jugend und Schönheit, auch sie wurde ja durch den Alkohol schöner, wahrgenommen, Sie empfing meinen alten Penis wie „Des Knaben Wunderhorn“. Ihre schlanken Beine umklammerten meinen verzweifelt wütenden Unterleib, ihre Fingernägel gruben sich in meinen Rücken, der Alkohol enthemmte das Opfer meiner besinnungslosen Gier, ich ritt den Parcours meines Lebens;“Reitet für Deutschland“ Spielfilm mit Willi Birgel. Wie schön dass der Alkohol mich in ihren Augen schön gemacht hatte, doch wie wollte sie so besoffen ihren Nachtdienst an der Bar durchstehen?. Dort mussten sich die Männer das hässliche Mädchen erst mal schön saufen bevor sie ihrem Charme erlagen. Offenbar liebte sie die Bar, sie hatte sich in einen gut aussehenden Engländer verliebt dem Sie nicht von der Seite wich. Ich tat ihm Leid als er meine Eifersucht bemerkte, ihm lag nichts an ihr er wollte nicht zwischen uns stehen. Er erzählte mir seine Eindrücke;“Man fühlt sich in Pattaya wie ein kleiner Junge im Süßwarengeschäft, erst kann man nicht genug bekommen, nach einer Woche ist man übersättigt“. Er war übersättigt, Lu bemühte sich vergeblich aber sie gab nicht auf. „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“. Ich war frustriert und irrte suchend durch die Gassen, wurde abgewiesen wenn ich mich bemühte, eine riesige Stadt voller Frauen; „But not for me“ US-Liedgut. Unabsichtlich kam ich an der Bar von Susi vorbei, sie stand in ihrer Schulmädchen-Uniform vor der Tür, hatte gerade etwas gegessen und zog mich sofort in das Innere ihrer Bar um mir einen Ladys-Drink aus dem Leib zu ziehen. Ein abgekartetes Spiel, sie wollte mit mir gehen, aber erst am Abend um 20:00 Uhr. Ich bezahlte die Leihgebühr an die Bar sofort und wollte um acht wiederkommen. Ich ging heim, schlief meinen ersten Rausch aus und war pünktlich wieder bei ihr. Nun hieß es Sie könne erst um neun mit mir gehen, es flossen wieder mehrere überteuerte Drinks, ich trank Bier und sah ihr beim Tanzen auf der Bühne zu. Die „Schulmädchen“ waren schon etwas älter aber das Kostüm sollte verbotene Früchte vorgaukeln. Um halb  zehn war ich schon wieder betrunken und drängte auf Einhaltung des „Vertrages“. Mama San eine ältere Frau im schwarzen Herrenanzug erklärte die Dame meines Herzens für unabkömmlich, sie müsse tanzen. Als ich laut wurde sagte sie drohend: „You talk too much, this is dangerous“. Dann ging sie zur Kasse und gab mir zerknüllte Geldscheine in die Hand, die „Auslöse“ die ich am Nachmittag voraus bezahlt hatte. Mit Susi hatte es nie eine Erektion gegeben, das hätte auch heute nicht geklappt, ich war ein Dummkopf, Dummheit muss bestraft werden.

                                                                                                                               BODO

Irgendwann zwischen meinen Reisen hatte es in Berlin ein Wiedersehen gegeben, in der Wohnung von Herbert dem Trompeter erzählte mir seine Freundin, die Sängerin Stella von einem Mann der in ihrem Bühnenstück Regie führte. Ich stutzte bei der Nennung seines Nachnamens, es wurde klar dass dieser Typ mein alter Intimfreund Bodo war. Ich beauftragte Stella, für die ich Liedertexte geschrieben hatte, ihrem Regisseur einen Gruß von ihrem Textdichter zu bestellen, was sie auch tat. Später berichtete Sie mir davon, Bodo kannte natürlich Ihren Textdichter nicht und fühlte sich belästigt. „Willst du denn nicht wissen wer mein Textdichter ist?“ fragte Sie ihn und nannte dann meinen Namen. „Und da ist er umgefallen.“ sagte Stella. Kurze Zeit später lagen wir uns in den Armen und begossen in einer Kneipe das Wiedersehen. Ihm war die große Karriere versagt geblieben, er arbeitete  freiberuflich als Choreograph und Entertainer, lebte in Berlin, wohnte sogar in meiner Nähe. Eine große Bereicherung unseres Lebens, wir sahen uns nun häufig und spendeten einander Trost. Sexuell völlig verschieden hatten wir viele Gemeinsamkeiten und keine Geheimnisse, waren echte aufopferungsvolle Freunde. Ich schrieb ihm unzählige Briefe aus Thailand, die er für mich aufbewahrte, ich wollte  über meine Abenteuer als Sextourist ein Buch schreiben. Dazu kam es nicht, es kam jedoch zu einer gemeinsamen Reise dorthin. Ich spendierte ihm den Flug weil ich Gutes tun wollte, es kam jedoch nichts Gutes dabei heraus. Er war mein bester Freund, ich glaubte ihn zu kennen, aber wen kennt man schon, die meisten kennen nicht mal sich selbst. Am Anfang ging alles gut aber bald gewannen die dunklen Mächte der Sexualität die Oberhand und Bodo war ihnen hilflos ausgeliefert. Meine kritischen Briefe hatte er amüsiert gelesen, ohne die geschilderten Gefahren ernst zu nehmen. Er liebte eher stabile Mannsbilder, die kleinwüchsigen Thais erschienen ihm ungefährlich, eine verhängnisvolle Fehleinschätzung. Bei den „Macho-Dancern“ in den Bars von „Boys Town“ zeigten auch Muskelmänner was sie hatten und setzten sich nach dem Auftritt zu uns. Ich als Hetero schied schnell aus und alles stürzte sich auf Bodo. Auch ich hatte die Gefahr unterschätzt, war an allem Unglück schuld, Bodo verliebte sich und wurde zum idealen Opfer. „Ich Macho du Opfer“. Zum Glück hatte Bodo nicht so viel Geld aber er war „Liebeskasper“ genug um in Zukunft jeden Monat einen Teil seiner Rente nach Thailand zu schicken.

                                                                                                                               PHUKET

 Den Täter zieht es an den Ort der Tat, mich zog es an den Ort des Unfalls, ich flog von Bangkok nach Phuket und traf dort Freunde aus der City Sauna in Berlin. Hier war alles teurer als in Pattaya, die Mädchen die Hotels das Essen. Der Shorttime setzte sich durch, das war die seelenlose Form der Prostitution; „Fasse dich kurz“ wie es früher an den Telefonzellen zu lesen war. Das war mir schon immer zu kurz gewesen und Pattaya war mir damals als Paradies erschienen, man machte eine Urlaubsbekanntschaft, ging ins Bett und blieb zusammen. Man schenkte keine Blumen und keine Ringe, man schenkte Geld weil das gebraucht wurde. „In Thailand schenkt man keine Blumen“, französischer Spielfilm zum Thema. Beim Bier ließ ich mich zu einem Shorttime überreden, die Mama San schwatzte mir ein taufrisches Mädchen auf, ich war unlustig, Sie wollte „arbeiten“. Eine „Unschuld vom Lande“ die schnell ihr erstes großes Geld verdienen wollte, mein Alter und mein Aussehen waren ihr egal. Tatsächlich war ich ihr erster Kunde, Sie fürchtete Komplikationen bei der Bezahlung, ich musste beide Gebühren; 300 für die Bar und 500 für Sie an die Bar im Voraus zahlen. Mit leuchtenden Augen sah sie der Geldübergabe zu, das erste „Bargeld“ das Sie an einer Bar verdiente. Sie war vollschlank, nicht mein Typ aber „In der Not fliegt der Teufel Holzklasse“. Sie war lieb zu dem alten Mann bei ihr war der Kunde noch König. Sie war eng gebaut aber „KY“ machte ein problemloses Eindringen möglich.  Bei einem extrem dünnen Mädchen war mir einmal der der Zugang versagt geblieben, ich hatte es ohne Gleitcreme versucht und war blutig gescheitert. Als erfahrener Sextourist führte ich nun immer „KY“ bei mir, man weiß ja nie…  Trotz erregendem Feeling blieb es bei dem einen mal, ich sah den engen Engel später mit einem jungen Mann auf dem „Motorbike“ mit dem sie zum Strand fuhr, also doch eine längere Bindung, aber jung musste man sein. „Weil wir jung sind ist die Welt so schön“. DDR-Liedgut. Sie winkte mir freudig lächelnd zu, ein Wiedersehen mit dem ersten Kunden. Inzwischen hatte ich „LEK“ kennen gelernt, sie war 25, ihr Kind lebte bei ihrer Tante in Bangkok. Natürlich war ich auch für Sie nicht die Erfüllung ihres Traumes, aber ein freundlicher angenehmer Kunde den sie als Langzeit-Partner akzeptierte. Sie blieb bei mir, ich war happy und verwöhnte Sie mit Geschenken. Ich musste nach Deutschland fliegen, wollte in zwei Monaten wiederkommen. Ich mietete ein billiges Zimmer, bezahlte für die ersten drei Monate, Nach der Renovierung sollte Lek dort einziehen und auf mich warten. Nach acht Wochen landete mein Flieger auf Phuket, würde Sie dort sein um mich abzuholen? Ich befürchtete das Schlimmste. Sie war dort, aber schon im Taxi erfuhr ich, sie hatte sich in einen jungen Deutschen verliebt. Das kommt vor, ich nahm es nicht so tragisch, sie war ja bei mir. Nach Ankunft in unserem bescheidenen Zimmer war sie nur widerwillig zum Sex bereit und als wir zum Essen gingen sprach sie nur von ihrer großen Liebe, dem jungen Deutschen der leider ständig fremd ging und enttäuscht zu ihr zurück kam. Er hatte sie frei gegeben und zum Airport geschickt, ich wäre der bessere Mann für Sie. Lek zeigte mir sein Auto seine Bar, schließlich stand der Angebetete sogar leibhaftig vor uns und schwärmte von Lek als dem besten Mädchen des Ortes. Sie liebte ihn sehr, er liebte sie um sich nach Enttäuschungen mit anderen Weibern bei ihr auszuweinen.  die Liebe ist ein seltsames Spiel. Ich liebte den Burschen gar nicht, er sollte sich entscheiden; Eine oder Alle. Es herrschte Alkoholverbot, ich bekam nirgends Bier, das war unangenehm. Kaum waren wir wieder im Zimmer da klopfte es an der Tür. Es war der Idiot der sie frei gegeben hatte, er nahm sie mir weg. Ich saß in der tristen Bude und hatte kein Bier. Nach langem Suchen fand ich eine Bar die Bier in Kaffeebechern verkaufte, und ertränkte meinen Kummer. Meine Wohnanlage beherbergte viele Barmädchen und Ladyboys, zwischen den Zimmern lag ein kleines Restaurant in dem ich verkatert mein Frühstück nahm. Plötzlich erschien Lek, der gewissenlose Kerl hatte sie zu mir zurück geschickt. Ich war erfreut sie wieder zu haben aber die Freude währte nicht lange, Sie könne nicht bei mir bleiben während ihr Playboy am Ort wäre. Sie verließ mich am selben Tag und ging zu ihrem Kind nach Bangkok. Frauen mit Liebeskummer haben es gut, sie haben ihre Kinder, da können sie sicher sein geliebt zu werden, sagt man so… Ich hatte keine Kinder und wurde nicht geliebt also befriedigte ich mich selbst und konnte viel Geld auf die Seite legen. Der „Selbstständige“, oft herablassend als „Wichser“ verschriene Mann liebt sein Geld mehr als er die Frauen liebt, sein Bankkonto sagt ihm das er das Richtige tut. Ohne Migräne und Me too lebt er sorglos und ohne Liebeskummer; „Onanie ist Sex mit jemand den ich liebe“. Woody Allen. Ohne Illusionen streifte ich durch die Gassen der Sünde; „Beneidenswert wer frei davon“.  Francois Villon. Ich war frei von der Sklaverei des Sex, dem ekelhaften Missbrauch der Entwässerungs-Organe, dem fieberhaften Penetrieren, der unverhüllten Agression des monströsen „Stand up Comedians“ der Ohne jeden Humor in die Privatsphäre der Frau eindringt, sie erniedrigt und beschmutzt. Ich respektierte die Frauen die sich dem entzogen in dem sie Frauen liebten. Von jedem Zwang befreit schlenderte ich durch die Lichter der Tropennacht, an den Bars nötigten die Mädchen ihre Gäste zum schnelleren Bier trinken und bettelten um den nächsten „Ladys-Drink“. Wenn eine Bar in einer verborgenen Seitenstraße liegt schickt die Mama San die Mädchen „An die Front“. An der Hauptstraße fallen sie über Fußgänger her und versuchen sie an ihre abgelegene Bar zu ziehen. Eine der Amazonen, einen Kopf kleiner als ich, umarmte mich, es war mir lästig und unangenehm, ich sah auf die Kleine herab und blickte in das lachende Gesicht einer bildschönen Frau. Ihr Anblick verschlug mir die Sprache, Sie war zu schön um wahr zu sein. Ich schlang die Arme um den schlanken Körper und fragte ob sie mit mir gehen wollte. Ja natürlich aber erst müsse sie mich an ihrer Bar abliefern. Ich hatte ihre Zusage, es wurde ein schöner Abend an ihrer Bar und eine schöne Nacht in meiner billigen Bruchbude, ein Hotel konnte ich mir in Phuket nicht leisten. „NUK“ wollte bei mir bleiben verlangte aber 1000 pro Tag und 300 Auslöse für ihre Bar. Am nächsten Abend verhandelten wir mit Mama San ich sprach von mehreren Monaten Verweildauer und bot 500 pro Tag, die Damen steckten die Köpfe zusammen und stimmten zu. Ein Wunder war geschehen ich hatte „Die schönste Frau der Welt“ erobert und ihren Preis halbiert.“ Wunder gibt es immer wieder.“ Deutsches Liedgut. Nuk war 31 und hatte 3 Kinder, ihr Bauch hatte bei den Schwangerschaften schweren Schaden genommen, stark vernarbt kontrastierte er krass zu dem Gesicht eines Fotomodells. Sie hielt sich bereits für alt und hatte nichts gegen einen älteren Mann wie mich. Ein fröhliches Mädchen, immer gut drauf, blieb immer bei mir, lief niemals weg, wir hatten eine schöne Zeit. Ich kleidete Sie neu ein, sie war die Schönste, hatte die tollsten Klamotten, nur eine Kleinigkeit fehlte noch… GOLD. „Gold und Silber hab ich gern“. Deutsches Liedgut.  Eine Frau ohne Goldschmuck war unvollständig gekleidet, ein Farang der seiner Geliebten kein Gold schenkte entsprach nicht den Regeln, ich musste noch viel lernen. Stolz präsentierte mein Liebling das neue Armband, wie durch Zufall landeten wir an der Sailorbar, hier hatte ich Lek kennen gelernt, sie war aus Bangkok zurück, arbeitete wieder hier, bediente uns mit ernstem Gesicht ohne jede Regung. Ihr meine Schönheitskönigin vorzuführen war kindisch und traurig, wahrscheinlich litt das arme Mädchen noch immer an gebrochenem Herzen. Ich hatte Nuk angeboten mit mir nach Deutschland zu fliegen, damals bekam man noch ohne Probleme ein Besuchervisum für drei Monate. Wir fuhren nach Bangkok und beauftragten ein Reisebüro mit der Beschaffung von Reisepass und Visum, alles lief nach unseren Wünschen, wir lebten sorglos und unbekümmert in den Tag hinein, das Leben war schön. Natürlich war das goldene Armband nicht billig gewesen, ich war ja kein reicher Mann sondern ein kleiner Rentner der zu Gold ein gestörtes Verhältnis hatte, aber wie sagte meine Oma immer: „Frauen kosten Geld, schöne Frauen kosten schönes Geld“. Wenn ich an all das schöne Geld denke das ich schönen Frauen auf dem Altar der Liebe geopfert habe wird mir schmerzhaft bewusst, ich war ein schöner Idiot. Nuk fuhr nach Bangkok und kam am Nachmittag mit Pass und Visum zurück, auch der Flug war schon bezahlt. Sie hatte aber auch eine unangenehme Nachricht für mich bereit: Wegen ihrer Kinder, der Schule und vielen Problemen könne sie nicht zum geplanten Datum mit mir fliegen, sie würde aber vier Wochen später nachkommen. Rums, das hatte gesessen, ein Schlag mit dem Holzhammer auf den Kopf des Liebeskaspers beendete den Traum vom Glück. Ich explodierte, sah rot und wollte den Pass vernichten. Nuk leugnete die Ankunft eines Kunden, ich glaubte ihr kein Wort und warf Sie raus. Ich durchsuchte ihre Sachen und fand tatsächlich einen Brief aus Deutschland in thailändischer Sprache aber die Daten von Ankunft und Rückreise des Mannes, Genau am Tag meiner Abreise würde er hier ankommen und vier Wochen bleiben. Das passte wie die Faust aufs Auge, ich hatte nichts anderes erwartet. Eine Barfrau hat viele Kunden, die Betreuung kann kurz oder lang erfolgen, bei einer Langzeitbetreuung überschneiden sich die Termine, man muss abwägen wem man den Vorzug gibt, aber sogar bei einer bevorstehenden Heirat will man den letzten Kunden vor der Ehe noch abkassieren, das hatte ich ja kurz vor meinem Unfall erlebt. Welchen Vorteil versprach sich Nuk von einer leicht durchschaubaren Lüge zugunsten des Briefkunden, Wahrscheinlich zahlte er 1000, ich nur 500 pro Tag, vielleicht kaufte Gold, er konnte in vier Wochen viel mehr ausgeben als ich in vielen Monaten. War er womöglich einer von den Narren die regelmäßig Geld schickten um das arme Ding vor Hunger und Not zu bewahren? Wie hoch meine Unkosten für Pass Visum und Ticket waren spielt in den Berechnungen von Nuk keine Rolle, wichtig sind nicht meine Ausgaben sondern ihre Einnahmen. Geschäft ist Geschäft und Ausbeutung ist Ausbeutung. Schwer zu verstehen warum man diesen Frauen immer wieder auf den Leim geht, vieles wiederholt sich mit derselben Frau, viele der alten Dummheiten werden mit neuen Frauen erneut gemacht. Welches Sprichwort welcher Liedertext gibt uns dafür eine Erklärung? „Die Welt will betrogen sein“. Ist das allgemein gültig oder ist der Prozentsatz der Masochisten unter den Männern höher als vermutet? Ist der von der Domina ausgepeitschte Mann nur das Symbol für alle anderen Sado/Maso-Erscheinungsformen? „Das ist die Frage aller Fragen und du sollst mir die Antwort sagen“. Deutsches Liedgut. Ich hatte ein Machtwort gesprochen und meine geliebte Titelbild-Schönheit hinaus geworfen, ich war nicht der Hampelmann dieser Weiber, bei dem man nach Bedarf an der Strippe zieht. Aber ich war Alkoholiker und ich trank. Ich trank Tag und Nacht, konnte am Ende nicht mehr schlafen und suchte Hilfe bei einer mütterlichen Ärztin die Verständnis zeigte und mir Schlaftabletten verschrieb. Beim Bier erzählte ich einer Freundin von Nuk davon, auch sie versuchte mich zu trösten. Ich trank wenig, ging früh ins Bett, nahm zwei Schlaftabletten und schlief sofort ein. Am nächsten Morgen lag Nuk neben mir im Bett, wie war sie dort hingekommen? Da ich nichts erinnerte erzählte sie mir was in der Nacht geschehen war. Ihre Freundin hatte mich falsch verstanden und glaubte an Selbstmord. Nuk alarmierte den Ladyboy der direkt neben mir wohnte, er langte durch das Fenster, öffnete problemlos die Tür, man fand die Tabletten auf meinem Nachttisch, der kräftige Mann trug mich zur Taxe, man fuhr mich in das Krankenhaus wo man mir den Magen auspumpte. Ich hatte von all dem nichts gemerkt, glaubte Nuk würde bleiben aber sie ging. Ich belohnte den Ladyboy für seine Mühe bedankte mich für die „Lebensrettung“ und lebte weiter. Die Tage verbrachte ich am Strand, die Abende an den Bars, die Frauen interessierten mich nicht, ich hatte genug vom Sextourismus, die armen Männer taten mir Leid. Nuk war nirgends zu sehen, ich suchte nicht nach ihr, sollte sie andere Männer glücklich machen, ich hatte sie gehabt und das wars. Das wars dann aber doch nicht, Sie fand mich und bat um Verzeihung, wollte wie geplant mit mir nach Deutschland fliegen. Wenn man so wollte, hatte ich die Partie gewonnen, den anderen Bewerber aus dem Feld geschlagen. „Meine Nutte deine Nutte“.

                                                                                                          NUK  IN  BERLIN

Ihre Familie lebte in Bangkok, in glücklichen Tagen hatten wir sie dort schon einmal besucht, nun erschienen alle am Airport und ich durfte die Großfamilie bewirten. Zum Glück war Thai-Food und Bier damals dort noch billig, die Abschiedsparty bezahlbar.  Reiche Männer schmücken sich mit schönen Frauen die sie sich leisten können, arme Männer schmücken sich mit schönen Prostituierten die sie sich nicht leisten können. Aber wir trugen ja keine Schilder am Hals: „Käuflich“ und „Kunde“, es sah also aus als ob… So glaubte ich, es gehört aber nicht viel Scharfsinn dazu einen älteren Mann in Begleitung einer jungen Thailänderin richtig einzuschätzen. Nuk hatte sich für die erste große Reise ihres Lebens entschieden, eine Art „Müttergenesungswerk“, ihre Kinder blieben in der Obhut der Familie. Bei Ankunft in Berlin mussten wir auf das Rollfeld hinunter zum Bus, es war Ostersonntag und bitter kalt, wir zitterten um die Wette. Es gab keine Taxen am Airport wir mussten mit dem Bus zur U-Bahn, hatten kein Kleingeld für den Automaten, fuhren „schwarz“ durch die halbe Stadt, stiegen am Schöneberger Rathaus aus, es gab auch dort keine Taxen, wir zitterten weiter. Endlich kam eine Taxe, willkommen Zuhause. Später erzählte mir Nuk wie sie die Öffnung der Tür nach der Landung empfunden hatte; Als würde man Ihr einen Eimer voll Eiswasser über den Kopf gießen. Meine Wohnung war warm, die Nachbarin hatte die Gasheizung hoch gefahren und war sofort überwältigt vom Charme meiner Begleiterin, dem nach und nach alle meine Freunde erlagen. Nuk umarmte jeden, so wie sie mich bei der ersten Begegnung umarmt hatte, dem Zauber ihres Lächelns konnte sich keiner entziehen, Sie gewann alle Herzen im Sturm, warum sollte ich da noch über andere Kunden oder Terminschwierigkeiten nachdenken, Sie verzauberte jeden, so wie Sie mich verzauberte und glücklich machte. Die ideale Partnerin für einen „schwerlebigen“ Depressiven, eine gute Fee die mir Leichtigkeit und Lebensfreude schenkte. Es ging nicht nur um Sex, es ging um Harmonie und Zweisamkeit, eine schöne, liebenswerte Frau war Gast in meinem Haus, ich hatte eine Aufgabe, zeigte ihr meine Stadt, war Fremdenführer und ständiger Begleiter. Sie war fremd in der Stadt, hatte keine Freunde oder Kunden zu denen sie ausweichen konnte, da hatte ich Glück, es hätte auch anders kommen können. Trotz meiner bisherigen Erfahrungen lebte ich naiv und glücklich drei Monate lang mit einer Frau die scheinbar mir gehörte. Ich hatte kein Auto, wir fuhren jeden Tag mit dem BVG-Bus ins „Blaue“ bis zur Endstation, gingen dort spazieren, Nuk liebte Tiere, war glücklich wenn sie ein Pferd streicheln konnte. Natürlich waren wir häufig Gast im Zoologischen Garten und im Tierpark, aber auch im Schloss in Potsdam,  auf dem Fernsehturm am Alex und sahen ein Ballett in der Oper für das meine Schwester, ebenso begeistert von meiner Besucherin wie alle anderen, uns Karten spendiert hatte. Es war Sommer, einer der schönsten meines Lebens, ich möchte ihn nicht missen. Nuk arbeitete für mich, sie behandelte meine Depressionen mit Erfolg, ich zahlte ihr den vereinbarten Tagessatz von 500 Baht, Sie würde nicht mit leeren Taschen aus ihrem Urlaub in Deutschland zurückkehren. Meine Freunde konnten das nicht begreifen, Sie machte drei Monate kostenlosen Urlaub, ich bezahlte das Ticket, Essen und Trinken, Geschenke für ihre Kinder und eine Tagesgage obendrauf. Wenn eine Barfrau einen Kunden betreut arbeitet sie für Geld „I work for money“, Urlaub kann Sie sich nicht leisten. Dagegen war nichts zu sagen so lange Sie ihren Vertrag mir gegenüber einhielt und nicht versuchte andere Kunden nebenbei zu betreuen. Unser Vertrag und Ihr Visum endeten nach drei Monaten, ich musste in Berlin bleiben und Geld für die Zukunft sparen, ich lebte bereits über meine Verhältnisse. Sie war jetzt frei für andere Kunden, wollte aber nach drei Monaten wieder zu mir kommen. Da haben wir es wieder, das Prinzip Hoffnung, warum glaubt der Kunde an die problemlose Fortsetzung einer „Scheinehe“, ohne Schein, nach drei Monaten Arbeit an den verschiedensten neuen  Barbesuchern, oder älteren Kunden mit älteren „Rechten“, wie stellt sich eine „Therapeutin“ wie Nuk auf jeden alten oder neuen Kunden ein? Der Sex mit Ihr war so aufregend nicht gewesen, natürlich hatte der deformierte Bauch den Schönheitssinn des depressiven Kunden in Berlin ein wenig gestört, „Nur der Schönheit weihte ich mein Leben“. Deutsches Liedgut. Ein bildschönes Gesicht, Konfektionsgröße 36, friedfertig, pflegeleicht, man kann alles verlangen aber nicht alles haben. Mein sexuelles Verlangen hatte nicht im Mittelpunkt des Arbeitsverhältnisses gestanden,  die überaus anpassungsfähige „ Therapeutin „ hatte viel Arbeit für wenig Geld geleistet, ein labiler Mann wie ich, angesiedelt zwischen „Weiberfeind“ und „Frauenversteher“ konnte sozusagen als „ Geheilt entlassen“ gelten. Am Tag der Abreise lernten wir am Flughafen ein Ehepaar kennen, die nach Bangkok flogen, eine der „berüchtigten Mischehen“, die thailändische Ehefrau nahm Nuk sofort in die Arme, Sie musste nicht allein die weite Reise antreten. Ich war allein, wurde jedoch mit den nächsten drei Monaten gut fertig. Meine Freunde in der City Sauna und mein bester Freund Bodo, der Ballett-Tänzer bemerkten natürlich den Wandel der sich vollzogen hatte, ich war gelöst und heiter, lebte in der Illusion einer nahtlosen Fortsetzung der erfolgreichen Ehe auf Zeit, die mir so gut getan hatte. Es gab noch keinen Mobilfunk, Briefe hatten eine lange Laufzeit, ich musste sie mühsam und teuer übersetzen lassen aber es lief wie geplant, Nuk erhielt ihr Visum, der Tag ihrer Ankunft nahte. Mein Jugendfreund Rudolf, der Taxifahrer brachte mich zum Flughafen, dort konnte ich Nuk in die Arme schließen. Kaum in meiner Wohnung angekommen schrieb Sie zwei Briefe, an die Familie in Bangkok und an eine Freundin in England, die ich für sie abschickte. Natürlich gab mir der Brief nach England zu denken aber ich hielt es für unmöglich das er an einen Mann gerichtet sein könne. Kaum in Berlin angekommen, einen Kunden in England zu informieren und den Brief zur Beförderung mir zu übergeben, hielt ich für undenkbar, soweit geht die Frechheit nicht – meinte ich. In der thailändischen Sprache soll es das Wort: „Leihgattin“ geben, mein Glück war nur geliehen, das wusste ich wohl, aber ist nicht alles was wir zu besitzen glauben, nur geliehen? Es ist eine Frage der Zeit wie lange ich eine Leihgabe des Schicksals als Besitz empfinden kann, in meinem Fall hatte ich diese Frau für weitere drei Monate gebucht, es gab einen ungeschriebenen Vertrag der verschiedene Nutzung beinhaltete, ich konnte die Leihgabe als Gesellschafterin, Therapeutin oder Sexobjekt missbrauchen, es war ein seriöses Geschäft zwischen seriösen Partnern das jeder mit der Absicht den anderen zu übervorteilen abgeschlossen hatte.  Man könnte meinen es wäre eine Art Menschenhandel, in Wahrheit ist es der Handel mit Illusionen, ohne Illusionen würde sich der Kunde nicht auf das Geschäft einlassen. „Illusionen Illusionen sind das schönste was es gibt“. „Deutsches Liedgut“. Wenn ich ein Lotterielos kaufe, kaufe ich die Illusion Millionen zu gewinnen, wenn ich eine Frau kaufe, kaufe ich die Illusion ihr Herz zu gewinnen. „Ein Herz kann man nicht kaufen“. Deutsches Liedgut. Was ich gewinne sind letztlich Einsichten, was immer ich kaufe, ich werde verlieren. Diesmal hatte ich gewonnen, Nuk hatte den Weg zu mir zurück gefunden, sie liebte mich, ich war ein Kunde den man gern haben musste, Ich respektierte sie, ich verwöhnte sie, ich war einer von den guten, ein „Gutmensch“ wie das Schimpfwort sagt. Und wieder hatte sie begonnen; „Die schönste Zeit meines Lebens „ zweiter Teil. Alles war so schön wie beim ersten mal, wir waren vertraut wie ein altes Ehepaar, am Tage erkundeten wir die Stadt, am Abend saßen wir vor der „ Glotze „ ich erklärte Nuk die Handlung der deutschsprachigen Filme oder wir sahen thailändische Filme auf VHS. Meine Bilderbuchschönheit  sah zum anbeißen aus aber ich biss nicht an. „Die Ehe ist der Tod der Liebe“, „Fernsehn und Bier, die machen so schön müde“. Deutsches Liedgut. Es war eine Idylle, die fast ohne Sex auskam; „In der Woche zwier, schaden weder ihm noch ihr“. Martin Luther. „Aber wehe wehe wehe, wenn ich auf das Ende sehe“. Wilhelm Busch. Wir standen noch am Anfang als das Ende nahte, es näherte sich in der Gestalt eines Blumenboten, der auf der Straße den Klingelknopf bediente. Ich wollte den Mann nicht in das Haus lassen, erwartete keine Blumen, er beteuerte die Richtigkeit von Namen und Anschrift, ich öffnete die Tür. Die von Fleurop gelieferten Blumen kamen aus England, ein Kärtchen übermittelte Grüße zum Geburtstag meiner Leihgattin – „Love, Fred“. Mir war kein Geburtstag bekannt, Nuk hatte wahrscheinlich mehrmals im Jahr Geburtstag. Meine Reaktion war filmreif, ich ging an die Decke wie das HB-Männchen im Werbefilm, erinnerte sofort den Brief den ich an die angebliche Freundin nach England geschickt hatte, ich wurde erneut für dumm verkauft, mein Vertrauen missbraucht, meine mühsam aufgebaute Idylle fahrlässig von einem englischen Liebeskasper torpediert, seine Blumen explodierten in meinem trauten Heim wie U-Bootgeschosse auf dem Trockenen. „Die Blumen des Bösen“. Baudelaire. Nuk war unschuldig, sie war die Traumfrau vieler Träumer, hatte lediglich einen Brief an ihre Freundin geschrieben, deren englischer Freund eigentlich Nuk liebte. Die Vielgeliebte stritt  alles ab und bereitete sich ein provisorisches Bett am Fussboden des ehemaligen Kinderzimmers, während ich mir ein Bier holte. In der Küche standen die Blumen im Wasser, ich warf sie zornig aus dem Fenster. Am nächsten Morgen rief ich meinen besten Freund an, schilderte ihm meine verzweifelte Lage, wusste nicht was ich tun sollte, Nuk war ja gerade erst in Berlin angekommen, sollte ich Sie nach Thailand zurückschicken? Bodo redete mir gut zu; „Was regst du dich auf, du weißt doch wo du Sie her hast“. Ich wurde ruhiger, er riet mir zu Versöhnung und Vergessen. So geschah es, und wenn sie nicht gestorben sind dann leben sie heute noch. Die Versöhnung war märchenhaft, meine kleine Mietwohnung knisterte vor Erotik als hätte man frische Holzscheite in den Kamin der Liebe geworfen, lodernde Flammen erhellten die dunklen Gedankengänge in denen ich gefangen war wie in einem Irrgarten ohne Ausgang. Was war geschehen, eine harmlose Blumensendung hatte wie eine Briefbombe gewirkt und zu Verletzungen am eifersüchtigen „Ehemann“ geführt ehe man es verhindern konnte. Wie war das möglich, waren nicht alle Tatbestände bekannt, wie konnte es zu einer solchen Überreaktion kommen? Unüberlegt hatte „Der englische Patient“, selbst im Glashaus sitzend, Steine auf mein Kartenhaus geworfen die es fast zum Einsturz gebracht hätten. Der Mangel an bezahlbaren Mietwohnungen führt dazu das immer mehr Menschen im Glashaus oder im Kartenhaus wohnen in denen jede seelische Erschütterung einem Erdbeben gleich kommt, man nennt das: „Einstürzende Neubauten“. Die Einsturzgefahr war gebannt, „My house is my castle“, die schöne Prinzessin weilte auf meiner Burg;“ Heute ein König“. Ich trank das billigste Pils von ALDI und fühlte mich wie ein König. Im Märchen: „Der Prinz und die Dirne“ lässt der traurige König im ganzen Land nach einem armen aber immer fröhlichen Mädchen suchen welches die Zauberkraft der unbegrenzten Heiterkeit besitzt mit der Sie jeden Trauerkloß heilen kann. Der König hatte unbegrenzte Staatstrauer angesetzt, alle Fahnen und Penisse standen auf halbmast, seine Reiter suchten jeden Winkel im Land der Trauer ab und fanden schließlich das fröhliche Mädchen in einem armseligen Bordell in dem sie unglückliche Männer mit einer Oraltherapie glücklich machte. Wer depressiv rein ging kam entspannt und heiter heraus, Sie verfügte über die Zauberkraft der unbegrenzten Heiterkeit. Dem traurigen König war jedes Mittel recht, er fragte nicht nach Beruf und Stand, Hauptsache er stand. So stand also die Sache, Nuk verfügte über eine Zauberkraft, nach ihrer Therapie war alle Trauer wie weggeblasen, ein Märchen in dem Mundpropaganda die Trauerarbeit beendet. Es war Herbst, wir erhitzten uns in kalten Betten, Heizkissen reichten nicht aus sie zu erwärmen. Nuk liebte die kühlen Temperaturen, Sie nahm Urlaub von der unerträglichen Tropenhitze Bangkoks, wo Sie Schwindelanfälle und Ohnmachten erlitt, welche Taschendieben im Bus die Arbeit erleichtert hatten. In Berlin konnte Sie stundenlang ohne Übelkeit spazieren gehen, Sie fühlte sich wie neu geboren. Im Zoo wanderten wir auf einem dicken Teppich welker Blätter, Nuk wurde nicht müde sich für die Tiere zu begeistern, alle Erlebnisse trug sie in ein Buch ein, es war eine sorglose Wiederholung ihres ersten Besuches. Auf Ausflugsdampfern entdeckten wir die Seen der Stadt, trafen Bodo in einer Pizzeria und meine Schwester auf dem Trödelmarkt, das Leben war schön. Den ersten Schnee ihres Lebens sah Nuk als der Winter sich ankündigte und es Zeit für unseren Flug wurde.

                                                                                                                    SINGAPUR  BANGKOK  PATTAYA

Singapur ist schön aber teuer, an der Bar unseres Hotels zahlte ich für ein kleines Glas Bier neun DM, an einem Kiosk in der Stadt für eine Büchse Bier acht DM. Da bleibt einem das Bier im Halse stecken, es ist zu teuer zum runterschlucken. Nuk vertrug die Hitze nicht, Sie erlitt einen Schwächeanfall inmitten einer chinesischen Parkanlage die wir zu Fuß erkundeten. Am nächsten Tag schwebten wir per Seilbahn nach Sentosa wo ein frischer Wind vom Meer wehte. Hier konnten wir mit Bus und Kleinbahn das riesige Areal erobern und tolle Eindrücke sammeln. Nach drei Tagen flogen wir weiter nach Bangkok wo wir auch drei Tage blieben. Nuk besuchte ihre Familie dann ging es per Linienbus nach Pattaya. Das war ein Fehler, ich hätte in unserem Hotel einen großen amerikanischen Wagen für 1.500 Baht mieten können, dazu war ich zu geizig gewesen und zog mir im Bus beim Pinkeln in der winzigen Toilette eine Gehirnerschütterung zu als ich gegen die Decke geschleudert wurde. Wir wohnten in der Soi 8 und saßen nach dem Abendessen meist an den Bars gegenüber dem Hotel, ich war froh nicht am „Liebeskarussell“ teilnehmen zu müssen, hatte meine „Titelbildschönheit“ immer bei mir, „Diese Frau gehört mir“ mit Barbara Stanwyck. Besitzansprüche müssen bezahlt werden, wie es unter „Eheleuten“ üblich ist, wurde auch wieder Gold gekauft. Ich blätterte beim Juwelier in Süd-Pattaya die „Tausender“ auf die Glasplatte unter der das kostbare Edelmetall auf die törichten Fremden lauerte, wischte imaginäre Tränen von meinen Wangen, nur ein reicher Mann kann sich erlauben solche Scherze über Geld zu machen. Nuk belachte in gehobener Stimmung, die neue Kette am Hals, meine dummen Witze, auch wenn ich weder Haus noch Auto hatte, blieb ich doch der reiche Farang den Sie in mir sehen wollte. Ein „ Farang „ eine fremdländische „Langnase“ ist immer reich, sonst könnte er nicht nach Thailand fliegen und dort mit Geld um sich werfen, wie es betrunkene Spinner mitunter in den A gogo-Bars buchstäblich taten. Eine  Augenzeugin berichtete von einem Gast der Mengen von 1000 Baht-Scheinen in die Höhe warf um die sich dann leicht bekleideten Mädchen balgten; „Ein warmer Regen“, „Pennies from heaven“ war dagegen ein harmloses Kinderlied. Nuk opferte viel ihrer kostbaren Zeit für mich aber Sie musste an ihr „Geschäft“ denken. Wir sprachen nie über die Zukunft, hatten ja eine goldene Gegenwart. Es gab eine gerechte Arbeitsteilung; Ich kaufte das Gold und Sie trug es. Golden ging über dem Meer die Sonne unter, die neue Kette glitzerte am Halse einer schönen Frau die mein armseliges Leben bereicherte, wir saßen beim Kaffee auf einer kleinen Insel im Swimmingpool des Royal Cliff Hotels, ein teurer Laden der seinen kostspieligen Kaffee ohne Ansehen der Person servierte. Unterwürfig rührte das Personal unser Getränk, ich hatte Bedenken, fürchtete die Höhe der Rechnung. Nuk beruhigte mich mit den Worten: „Don`t worry, i have myFuniture“, dabei wog Sie die goldene Kette mit der Hand. Damals trug noch jeder sein Gold zur Schau, sein „Mobilar“ am Hals und die Preise in den 5 Sterne Hotels waren bezahlbar. Das ging so lange bis es Nuk zu ihrer Familie nach Bangkok zog und wir uns aus den Augen verloren. Das war traurig aber ich war frei für die nächste große Liebe. Die zierlichen „Sofapüppchen“ für die ich schwärmte, tanzten meist in den teuren A gogo Bars; „Schöne Frauen kosten schönes Geld“. Hier war der Shorttime die Regel, „Dauerfreundschaften“ unbezahlbar. In der „Little Horse Bar“ tanzte die kleine Kim, sie war nicht sehr hübsch aber hübsch jung und sehr schlank. Sie hatte keine Vorurteile gegen ältere Männer und freute sich jeden Abend wenn ich kam. Wenn ich kam ging das ins Kondom mit dem Sie mich äußerst sachkundig „ überrollte „. Sie machte das sozusagen mit links, während ich es kaum mit rechts schaffte. Eine Frau mit Erfahrung und Fingerfertigkeit die man ihrem Alter nicht zugetraut hatte. Wir hatten uns aneinander gewöhnt, als ich Sie mit zwei älteren lesbischen Frauen und vielen leeren Gläsern an der Bar vorfand. Die beiden Frauen boten mir höflich einen Hocker an aber Kim ließ mich abblitzen, die Damen zahlten mehr als ich. So endete eine Liebe. Bei ihrer bildschönen Kollegin Nit hatte ich nie eine Chance gehabt, sie bevorzugte jüngere Männer, war aber heute freundlich zu mir. Ich konnte mein Glück nicht fassen, Nit war nicht nur schön sondern auch sehr nett und liebevoll im Umgang mit mir und meinem Steiftier. Bald darauf feierte Kim in ihrer Bar Geburtstag und musste 18 Kerzen ausblasen, erst jetzt hatte Sie das vorschriftsmäßige Alter erreicht. Nit zählte mich zu ihren Kunden und begrüßte mich jeden Abend mit einer Umarmung, ich war glücklich wenn Kim einen Kunden hatte und Nit sie vertreten musste. Sie war eine Schönheit wie Nuk, war jünger und gab dem alten Mann das Gefühl in ihrem Schoss willkommen zu sein. Kim und Nit traten im Show-Teil des Abends auf, sie trugen Dienstmützen und offene Polizeihemden auf nackter Haut, die jungfräulichen Titten waren in voller Schönheit sichtbar. Mit hohen Absätzen und winzigem Slip holten die „Polizistinnen“ einen Mann aus dem Publikum dem sie, die Hände auf dem Rücken Handschellen anlegten. Sie öffneten seine Hose und förderten einen erigierten Phallus zu Tage den sie mit einer Feder streichelten und mit einzelnen Wassertropfen peinigten. Die Show ging ziemlich weit, bald würde die echte Polizei das unzüchtige Treiben verbieten und jeden Abend einen Beamten an der Bar postieren. Ich fühlte mich als Hahn im Korbe, beide Darstellerinnen, die da so erregend agierten, hatten sich jeder Uniform ledig, bereits intensiv mit meinem „Marterpfahl“ beschäftigt, es ging mir wie Tucholsky in Schloss Gripsholm, innerlich rief ich: „Kikeriki“.

 

 

zu den

Gedichten

von

Peter Leinitz