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Rom sehen und Sterben

 

So sagt man ja…

Tatsächlich geht das Sterben in meinem Leben weiter.

Geliebte Menschen verschwinden.

Eine Kette.

Ich warte schon lange darauf, dass die Kette abreißt.

Inhalt

Der Petersdom.. 4

Das Kolosseum.. 9

Die tote Tiberente. 15

Die Hütchenspieler. 20

Die Schwarzfahrer. 25

Leben und Sterben. 26

 

 

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Der Petersdom

 

 

Die Hitze liegt glühend über Rom, als wir weitergehen. Wir meiden die große Straße, die direkt zum Petersdom führt, denn dort bewegen sich die Touristenströme wie ein breiter Strom in Richtung Vatikan.

Stattdessen nehmen wir eine Seitenstraße.

In einem kleinen Souvenirladen kaufe ich einen blauen Schal. Zwischen Devotionalien, Heiligenbildern, Kalendern und Bildern des Papstes hängt er zwischen all den Dingen, die die Besucher an ihren Aufenthalt in Rom erinnern sollen.

Dann kommen wir zu den Kontrollen. Eine lange Schlange hat sich gebildet. Obwohl der Eintritt in den Petersdom kostenlos ist, werden alle Besucher sorgfältig kontrolliert. Taschen werden untersucht, und man achtet darauf, dass keine gefährlichen Gegenstände in den Bereich des Petersplatzes gelangen.

Schließlich sind wir durch die Kontrolle. Vor uns öffnet sich der riesige Petersplatz. Tausende Menschen können sich hier versammeln. Überall stehen Menschen oder suchen sich auf einem der zahlreichen Stühle einen Platz zum Sitzen.

Es ist kurz vor elf Uhr morgens, und immer mehr Besucher strömen auf den Platz. Wir wissen zunächst nicht, warum. Erst später wird uns klar, dass sich die Menschen hier wegen des Angelusgebets versammeln, das traditionell um zwölf Uhr mittags von Leo gesprochen wird.

Leo, der seine Reise nach Südamerika gerade wegen einer Operation an seiner Lunge verschiebt.

Ja, auch ein Papst kann erkranken.

Vor uns steht wieder einer dieser riesigen Obelisken, die irgendjemand aus Ägypten hier nach Rom angeschleppt hat.

Rom, die ewige Stadt, der Legende nach 753 Jahre vor Christi Geburt gegründet. Romulus und Remus.

Der römischen Mythologie nach die Gründer der Stadt Rom im Jahre 753 v. Chr. Sie sind nach der Sage die Kinder des Kriegsgottes Mars und der Priesterin Rhea Silvia.

Der Kriegsgott Mars passt ja gut in die heutige Zeit – Kriege ohne Ende allüberall.

 

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Die Stadt Rom, eine Mischung aus vielen alten Gebäuden und Kirchen und Häusern der heutigen Zeit.

Zunächst gehen wir in Richtung des großen Rundbogens vor dem Petersdom. Auf der rechten Seite entdecken wir etwas, das bei einer solchen Menschenmenge fast ebenso wichtig ist wie der Dom selbst: saubere, gepflegte Toiletten.

Auch dort stehen Menschen an, und schließlich gehe auch ich hinein.

Danach nähern wir uns dem Eingang zum Petersdom. Wieder gibt es Kontrollen. Vor allem die Kleidung wird beachtet. Frauen mit kurzen Hosen oder unbedeckten Schultern dürfen so nicht in den Innenraum. Wer entsprechend gekleidet ist, bekommt ein weißes Tuch, mit dem Schultern oder Beine bedeckt werden können.

Dann betreten wir den Petersdom.

Schon die ersten Schritte in das Gebäude sind überwältigend. So viele Menschen bewegen sich durch diesen riesigen Raum, und trotzdem ist es vergleichsweise still. Die Besucher gehen langsam durch das Gebäude, bleiben stehen, sehen nach oben und fotografieren mit ihren Smartphones.

Überall wird fotografiert.

 

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Ich blicke auf die gewaltigen Säulen, die Wände, die Verzierungen und die riesigen Kuppeln. Alles ist so groß, dass mir der Dom beinahe zu viel wird.

Ich muss an den Dom von Fulda denken, in der Stadt, in der ich fünfzehn Jahre gelebt habe. Als Kind und auch später ist mir dieser Dom als riesig erschienen. Hier im Petersdom wirkt er plötzlich klein.

Mitten in diesem gewaltigen Raum steht der große Altar. Dort werden Messen gefeiert, aber auch in den Seitenteilen des Domes finden Gottesdienste statt.

Priester beten, während die Besucher langsam an ihnen vorbeigehen.

Auch die kleinen Beichtstühle fallen mir auf. Holzkabinen, in denen Menschen ihre Beichte ablegen können.

Später, in Santa Maria Maggiore, soll mir dieses System noch stärker auffallen. Dort gibt es Beichtkabinen, an denen kleine Schilder angebracht sind. Italienisch, Englisch, Französisch und sogar Chinesisch.

Ich fotografiere eines dieser Schilder.

Es fasziniert mich, dass die Kirche sich hier auf Besucher aus der ganzen Welt eingestellt hat. Jeder kann offenbar in seiner eigenen Sprache beichten.

Ich erinnere mich dabei auch an meine Kindheit. Damals empfinde ich die Beichte als etwas Belastendes.

Man sitzt einem Priester gegenüber und muss über Dinge sprechen, die einen beschäftigen oder mit denen man sich schuldig fühlt.

Andererseits denke ich, dass darin auch etwas Positives liegen kann. Man kann Dinge aussprechen, die einen belasten, ähnlich wie in einem Gespräch mit einem Therapeuten.

Trotzdem empfinde ich die Beichte auch als eine Form von Kontrolle, die die Kirche über ihre Gläubigen ausübt.

Im Petersdom sehe ich immer wieder Nonnen und Mönche, die zwischen den Besuchern durch das gewaltige Gebäude gehen. Auch für sie ist dieser Ort offenbar etwas Besonderes.

Mein Sohn erklärt mir viele Einzelheiten zur Geschichte des Gebäudes. Besonders beeindrucken mich die mächtigen Säulen des großen Altares, die mit Gold verziert sind.

Ich höre seinen Erklärungen aufmerksam zu.

Er kennt sich erstaunlich gut mit der Geschichte Roms aus. Auf dieser Reise merke ich immer wieder, wie sehr seine Erklärungen meinen eigenen Blick auf die Stadt verändern. Dinge, an denen ich sonst vielleicht einfach vorbeigehen würde, bekommen plötzlich eine Geschichte.

Nach langer Zeit verlassen wir den Petersdom wieder.

Draußen ist die Hitze noch immer unerbittlich.

Dann hören wir plötzlich eine Stimme aus den Lautsprechern.

Ein Gebet.

Es wird auf Italienisch gesprochen. Zunächst verstehe ich nur einzelne Worte. Ich strenge mich an, denn obwohl ich jeden Tag Italienisch übe, reicht mein Verständnis noch lange nicht aus, um einer solchen Ansprache problemlos zu folgen.

Dann wird uns klar, wer dort spricht.

Der Papst.

Es ist zwölf Uhr.

Das Angelusgebet beginnt. Der Papst spricht aus einem Fenster des Vatikanpalastes, wie es an Sonntagen üblich ist. Auf dem Platz stehen Tausende Menschen und hören zu. Immer wieder klatscht die Menge.

Ich verstehe nur einzelne Worte.

Aber ich spüre die Bedeutung dieses Augenblicks. Wir sind gerade durch den Petersdom gegangen und stehen nun mitten in dieser gewaltigen Menschenmenge, während der Papst über uns zu den Menschen spricht.

Dann verstummt das Gebet.

Die Menge beginnt sich langsam aufzulösen.

Auch wir gehen weiter durch die glühende Hitze Roms.

Am Abend sitze ich schließlich in unserem Zimmer und lasse den Tag noch einmal Revue passieren. Ich suche das Angelusgebet auf YouTube und höre es mir noch einmal an.

Jetzt kann ich die Worte in Ruhe hören.

Die Reise geht weiter. In der folgenden Woche soll der Papst nach Frankreich reisen, dort den Präsidenten treffen und an verschiedenen Orten Messen feiern. Am Ende seiner Reise soll er auch nach Lourdes kommen, den berühmten Wallfahrtsort, der für viele Menschen mit Heilung und Wundern verbunden ist.

Ich lege das Handy zur Seite.

Vor meinem inneren Auge sehe ich noch einmal den Petersdom: die riesigen Säulen, das Gold, die Kuppel, die vielen Menschen und schließlich den Papst, dessen Stimme über den Petersplatz getragen wird.

Draußen über Rom liegt noch immer die Hitze.

Und ich denke, dass diese Stadt es immer wieder schafft, Geschichte, Religion, Tourismus und das ganz normale Leben auf engstem Raum miteinander zu verbinden.

 

 

Das Kolosseum

 

 

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Unser Besuch im Kolosseum beginnt zunächst mit einer langen, langen Schlange vor dem Ticketschalter. Es ist sehr heiß, schwül und die Hitze steht in der Luft. Die Händler, die an der Schlange entlanggehen, haben Flaschen mit eiskaltem Wasser dabei und rufen ständig: „Water, Water, Water!“

Schließlich bekommen wir unsere Tickets für das Kolosseum und das Forum Romanum. Allerdings müssen wir noch eineinhalb Stunden warten, bis unser Einlass um 11 Uhr morgens möglich ist, denn wegen der großen Besucherzahl darf immer nur eine bestimmte Menge Menschen gleichzeitig hinein.

Wir laufen zunächst einen langen Weg hinunter bis zum Circus Maximus. Dort gehen wir über die große Fläche, auf der die Römer früher ihre Wagenrennen veranstalteten.

Der ehemalige Rundkurs ist heute nur noch als erdiger Weg zu erkennen. Anschließend gehen wir gemütlich zurück bis zum Kolosseum, wo wir noch etwa 20 Minuten warten müssen.

Der Anblick des riesigen Bauwerks ist von außen schon sehr beeindruckend. Nach einer Sicherheitskontrolle und einer weiteren Kontrolle gelangen wir schließlich hinein.

Wir stehen zunächst in einem großen Gang. Ich muss erst einmal wieder auf die Toilette, bevor unsere Besichtigung richtig beginnt.

Danach folgen wir dem festgelegten Rundgang durch dieses gewaltige Gebäude. Wir gehen zunächst durch das Erdgeschoss und anschließend hinauf in die weiteren Etagen. Überall gibt es Ausstellungsstücke und Modelle des Kolosseums zu sehen. Besonders interessant sind die verschiedenen Modelle, die zeigen, wie das Bauwerk über Jahrhunderte hinweg immer weiter ausgebaut und verändert wurde. Auch die Stadt Troja und ihre Verbindung zu Kleinasien werden thematisiert.

Auf der höchsten Etage beeindruckt mich besonders, dass das Kolosseum keineswegs nur aus einer gewaltigen Außenfassade besteht. Im Inneren ist tatsächlich das große, kreisförmige Gebäude vollständig zu erkennen. Unter der Arena befinden sich zwei Etagen, in denen die Tiere – Elefanten, Löwen und viele andere Tiere – sowie die Kämpfer und Gladiatoren auf ihren Einsatz warteten. Über spezielle Vorrichtungen konnten die Tiere anschließend auf die Ebene der Arena gebracht werden, wo die Kämpfe und Spiele stattfanden.

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Es ist ein unglaubliches Gebäude mit riesigen Sitzplatzbereichen, unzähligen Treppen und gewaltigen Dimensionen. Wir sind beide sehr beeindruckt, ich ganz besonders, denn mein Sohn war bereits mehrmals hier und kennt das Kolosseum schon gut.

Nach dem Besuch des Kolosseums gehen wir weiter hinauf zum Palatin. Auch dort müssen wir zunächst wieder eine lange Warteschlange passieren. Auf dem Palatin entdecken wir unglaubliche Relikte der mehrstöckigen Paläste und Gebäude, in denen die römischen Kaiser einst wohnten. Es gibt dort auch ein großes Wasserbecken mit Springbrunnen zu sehen.

Von oben haben wir einen Blick auf das Forum Romanum. Anschließend gehen wir stundenlang durch diese antike Stadt. Je länger wir unterwegs sind, desto mehr fühlt es sich an, als würde man gedanklich 2000 Jahre in die Vergangenheit versetzt – in eine Zeit, in der hier das Zentrum des antiken Rom lag und in dieser gewaltigen Stadt etwa eine Million Menschen lebten.

Es ist ein langer und eindrucksvoller Tag, der schließlich zu Ende geht. Zum Abschluss sehen wir noch ein großes Gebäude, das auch von Mussolini genutzt und überbaut wurde, mit einem riesigen Brunnen davor. Der Name des Gebäudes fällt mir in diesem Moment allerdings nicht mehr ein.

 

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Die tote Tiberente

 

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Die Hitze flimmert über Rom, als wir über die Tiberbrücke gehen.

Die Luft steht schwer über dem Fluss, und als wir hinunterblicken, sehen wir das grünliche Wasser, auf dessen Oberfläche allerlei Dinge treiben.

„Da ist eine Ente“, sagt mein Sohn.

Tatsächlich bewegt sich etwas Schwarzes auf dem Wasser. Von hier oben ist es jedoch kaum zu erkennen. Es ist eine Ente, die reglos an einem gelben Plastikband festhängt.

„Das ist eine tote Ente“, sage ich. „Bestimmt aus Plastik.“

„Nein“, widerspricht mein Sohn. „Die lebt.“

Wir wandern weiter über die Brücke, doch die Ente bleibt vollkommen bewegungslos.

Schließlich beschliessen wir, die Treppe hinunterzugehen.

Sie führt tief hinab, bis direkt zum Tiber unter der Brücke.

 

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Unten angekommen, können wir die Ente deutlich erkennen.

Mein Sohn hatte recht damit, dass sie nicht tot ist, denn sie bewegt sich in den Wellen des Tiber.

Ich hatte recht damit, dass sie aus Plastik war.

Es ist eine künstliche Ente, wie sie von Jägern verwendet wird, um andere Enten anzulocken. Offenbar hatte die Strömung sie unter die Brücke getrieben und an dem gelben Plastikband festgehalten.

Doch gerade als wir sie betrachten, löst sich das Band.

 

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Die Plastikente treibt davon, wird von der Strömung erfasst und auf ein kleines Wehr zugespült. Für einen Augenblick verschwindet sie hinter der Wasserkante.

Dann taucht sie wieder auf.

Und plötzlich ist sie frei.

Sie dreht sich einmal im Kreis, treibt weiter den Tiber hinunter und verschwindet langsam aus unserem Blickfeld.

Mein Sohn sieht ihr nach.

„Siehst du“, sagt er. „Ich wusste, dass sie lebt.“

 

Aus den Steinen der Brücke tropft an einer Pflanze Wasser auf den Boden.

Wo kommt es wohl her?

 

Die Hütchenspieler

 

Es ist spät am Abend, und die Hitze liegt noch immer schwer über Rom. Wir laufen durch die Dunkelheit zu dem berühmten Trevi-Brunnen, doch von dem Brunnen selbst ist kaum etwas zu sehen. Davor stehen so viele Menschen, dass wir nur Köpfe und Schultern sehen. Sogar eine Absperrung gibt es, damit die Touristen überhaupt bis an das Wasser herankommen können.

Überall herrscht Bewegung. Händler schießen kleine leuchtende Geräte mit drehenden Flügeln in die Luft. Sie steigen ein Stück nach oben und kommen langsam wieder herunter. Es sieht lustig aus, aber ich habe kein Interesse daran. Andere Händler bieten bunte, kleine Powerbanks an. Offenbar wissen sie, dass die Smartphones der vielen Touristen in der Hitze und bei den vielen Fotos irgendwann keinen Strom mehr haben.

Überhaupt scheint Rom an diesem Abend fast nur aus Touristen zu bestehen. Die Ströme von Menschen sind gewaltig. Wir lassen uns eine kleine Gasse hinauf treiben, mitten durch diese Menschenmassen.

Und plötzlich stehen sie da.

Die Hütchenspieler.

Ich kenne diese Gruppen aus London, aus Berlin und aus anderen Städten. In Berlin scheinen sie inzwischen verschwunden zu sein, aber hier in Rom sind sie wieder da.

Auf den ersten Blick sieht die Gruppe völlig harmlos aus. Fünf, vielleicht sieben Menschen stehen dort, als wären sie ganz normale Touristen. Doch sie arbeiten zusammen.

Ein Mann sitzt oder steht vor drei kleinen Hütchen. Unter einem davon liegt eine kleine Schaumstoffkugel. Er bewegt die Hütchen schnell hin und her, von links nach rechts und wieder zurück.

Dazwischen klatschen die anderen.

Wenn jemand scheinbar gewinnt, bricht die Gruppe in Beifall aus. Einer lacht, eine Frau jubelt, jemand zeigt Geld. Es entsteht eine merkwürdige Atmosphäre. Plötzlich sieht es so aus, als könne man hier tatsächlich Geld gewinnen.

Aber genau das ist der Trick.

Während der Mann die Hütchen bewegt, hat er die Kugel längst unbemerkt entfernt oder unter ein anderes Hütchen gebracht. Wer glaubt, er könne sich merken, wo die Kugel liegt, hat eigentlich keine Chance.

Dann beginnt ein Mann aus einem jungen Ehepaar, das mit einem kleinen Baby in einem Kinderwagen unterwegs ist, sich für das Spiel zu interessieren.

Auch seine Frau schaut fasziniert zu.

Die Gruppe klatscht wieder.

Ein Mann gewinnt scheinbar und hält plötzlich zwei Fünfzig-Euro-Scheine in der Hand. Ein anderer verliert. Alles wirkt echt. Alles wirkt zufällig.

Doch nichts daran ist zufällig.

Ich beobachte die Szene und spüre eine zunehmende Unruhe in mir. Mein Sohn warnt mich ebenfalls. Er sagt, dass diese Leute aggressiv sind und dass wir uns besser nicht einmischen sollten.

Doch dann zieht der Mann tatsächlich einen Fünfzig-Euro-Schein heraus.

Er hält ihn dem Hütchenspieler entgegen.

Ich kann es nicht verhindern.

Der Hütchenspieler nimmt das Geld.

Der Mann zeigt auf eines der drei Hütchen.

Das Hütchen wird angehoben.

Nichts.

Die Kugel ist verschwunden.

Der Mann erstarrt. Für einen Moment scheint er nicht zu verstehen, was gerade passiert ist.

Auch der Kinderwagen steht noch mitten in der Menge. Niemand kümmert sich darum. In dieser Situation könnte ihn vermutlich jeder einfach wegschieben.

Der Mann dreht sich schließlich um.

Er ist bleich.

Seine fünfzig Euro sind weg.

Ich sage zu ihm: „They are gangsters.“

Er sieht mich an und antwortet: „Yes. I know. I saw.“

Dann gehe ich weiter.

Die Gasse hinauf.

Doch die Szene lässt mich nicht los. Ich empfinde diese Art von Betrug als abstoßend. Nicht nur, weil jemand gerade fünfzig Euro verloren hat, sondern weil hier ganz bewusst die menschliche Hoffnung auf einen schnellen Gewinn ausgenutzt wird.

Die Gewinnsucht.

Die Illusion, mit einem kleinen Risiko plötzlich mehr Geld zu besitzen.

Und ich denke daran, dass es solche Formen der Gier nicht nur auf der Straße gibt. Es gibt sie auch in viel größerem Maßstab. Menschen, die für Macht und Geld über Leichen gehen und andere Menschen in Kriege und Gewalt treiben. Dort geht es dann nicht mehr um fünfzig Euro, sondern um das Leben von Tausenden oder Hunderttausenden.

Am nächsten Tag begegnen wir den Hütchenspielern wieder.

Diesmal sind wir weit oben auf einem der Hügel Roms. Hier gibt es deutlich weniger Touristen. Die Gruppe steht etwas abseits, zwischen Büschen. Über uns fliegt eine Drohne. Vielleicht ist es eine Polizeidrohne.

Die Hütchenspieler scheinen hier oben keine Beute zu finden.

Wir gehen an ihnen vorbei und blicken über die Stadt.

Rom liegt unter uns.

Und plötzlich ist alles wieder schön.

Ein hervorragender italienischer Gitarrist und Sänger spielt für die wenigen Touristen, die dort stehen. Wir geben ihm ein paar Münzen. Ich bitte ihn, ein Lied von Adriano Celentano zu spielen.

Er spielt es.

Wir stehen dort und hören ihm zu. Unter uns liegt Rom, warm und golden, und für einen Augenblick ist von den Hütchenspielern nichts mehr zu spüren.

Es ist eine aufregende Reise.

Eine Reise in großer Hitze.

Und immer wenn wir einen der kleinen Brunnen sehen, aus denen in Rom so selbstverständlich Trinkwasser fließt, habe ich meinen eigenen Weg gefunden, mich abzukühlen.

Ich nehme meine rote Kappe, fülle sie mit Wasser und setze sie mir wieder auf den Kopf.

Das Wasser läuft über meine Haare, über meine Schultern und schließlich über mein nasses Hemd.

Für ein paar Minuten ist die Hitze vergessen.

Dann setze ich die Kappe wieder auf und wir gehen weiter durch Rom.

 

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Die Schwarzfahrer

 

Wir fahren mit dem Bus durch Rom. Wir haben ein Sieben-Tage-Ticket, das beim Einsteigen am Scanner im Bus gescannt werden soll. Ob das bei einem solchen Ticket tatsächlich jedes Mal notwendig ist, weiß ich nicht. Ich nehme mir vor, später darüber nachzudenken.

Der Bus ist voll. Zwischen den Einheimischen stehen zahlreiche Touristen, die sich mit Stadtplänen und Handys orientieren. An einer Haltestelle steigt ein älteres Ehepaar ein. Die beiden gehen zu dem Scanner und versuchen, mit ihren Smartphones zu bezahlen.

Doch nichts geschieht.

Der Mann hält sein Handy vor den Scanner. Er versucht es wieder und wieder. Dann nimmt er das Smartphone seiner Frau und probiert es damit. Fünf Minuten lang beschäftigen sie sich mit dem Gerät. Die Menschen um sie herum werden ungeduldig, einige versuchen zu helfen, aber niemand kann das Problem wirklich lösen.

Schließlich stehen die beiden ratlos vor dem Scanner.

Mein Sohn beobachtet die Szene, und auch ich schaue aufmerksam zu. Ich frage mich, ob das alles überhaupt notwendig ist. Schließlich haben wir ein Sieben-Tage-Ticket. Und gibt es nicht ohnehin Kontrolleure, die irgendwann die Tickets überprüfen?

In diesem Moment öffnet sich an der nächsten Haltestelle die Bustür.

Ein junger Kontrolleur steigt ein.

Er geht durch den Mittelgang nach hinten. Sein Blick ist ernst und unbeweglich. Je näher er kommt, desto unruhiger wird das ältere Ehepaar.

Der Kontrolleur beginnt, die Tickets zu überprüfen.

Als er bei uns angekommen ist, rufe ich ihm auf Englisch zu: „They tried to solve the ticket problem here for five minutes.“

Doch er zeigt keinerlei Interesse an meiner Erklärung. Er sieht mich scharf an und hebt nur die Hand – eine eindeutige Geste, dass ich schweigen soll.

Dann wendet er sich dem Ehepaar zu.

Die beiden können kein gültiges Ticket auf ihrem Smartphone vorzeigen. Der Scanner hat ihre Zahlung nicht akzeptiert.

Kurz darauf steigt ein zweiter Kontrolleur ein. Er ist älter und hat eine Glatze.

Gemeinsam führen sie das Ehepaar aus dem Bus.

Wir sehen durch das Fenster, wie die beiden draußen auf dem Bürgersteig stehen und von den Kontrolleuren abgefertigt werden. Wahrscheinlich müssen sie jeweils 75 Euro Strafe bezahlen.

Der Bus setzt sich wieder in Bewegung.

Mein Sohn und ich bleiben schweigend stehen.

Ich blicke auf den Scanner, der wenige Meter von uns entfernt blinkt. Ein kleines elektronisches Gerät, das darüber entscheidet, ob jemand mitfahren darf oder eine Strafe bekommt.

Eigentlich soll Technik das Leben einfacher machen.

Aber in diesem Moment habe ich das Gefühl, dass genau das Gegenteil passiert ist.

Menschen haben versucht, alles richtig zu machen. Sie haben fünf Minuten lang auf ein Smartphone und einen Scanner eingeredet, verschiedene Geräte ausprobiert und sogar Hilfe bekommen. Trotzdem hat die Technik nicht funktioniert.

Und am Ende sind nicht die Geräte verantwortlich, sondern die Menschen.

Ich sehe noch einmal nach draußen. Das ältere Ehepaar wird immer kleiner, während der Bus weiter durch Rom fährt.

Seit diesem Tag vertraue ich elektronischen Tickets ein wenig weniger.

 

 

Leben und Sterben

 

Das Leben ist schön.

 

Es beginnt mit der Kindheit, mit dem Aufwachsen, mit den ersten Menschen, die uns lieben, mit den ersten Schritten in eine Welt, die damals noch unendlich groß erscheint.

Im Laufe der Jahre kommen Erlebnisse hinzu:

Begegnungen, Freundschaften, Reisen, Glück und Enttäuschungen.

Alles fügt sich zusammen, manchmal sichtbar, manchmal verborgen, zu einem großen Kunstwerk.

 

Doch während wir leben, beginnt auch die Kette der Vergänglichkeit.

Menschen, die vor unserer Geburt gegangen sind.

Deren früher Tod sie nach zwei Lebensjahren aus dem Paradies nahm.

Die Liebe und das Glück zu diesen Engeln warfen ihren Schatten weit in die Zukunft.

Die Kunst des Loslassens - eine lebenslange Übung.

 

Menschen, die wir als Kinder kannten und irgendwann verloren haben.

Menschen aus unseren Zwanzigern und Dreißigern, die eines Tages nicht mehr neben uns standen.

Einer nach dem anderen geht seinen Weg, und irgendwann endet dieser Weg.

 

Die Liebe bleibt trotzdem.

Bei dem Einen mehr, bei dem Anderen weniger.

 

Vielleicht besteht das Leben gerade darin, Menschen zu lieben und irgendwann wieder loszulassen.

 

Die Menschen kommen zu uns, laufen eine Weile neben uns und gehen dann fort.

Manche begleiten uns nur kurz, andere bleiben jahrzehntelang.

Aber jeder hinterlässt etwas.

 

Und während andere gehen, laufen wir weiter.

 

Ich laufe durch die Welt, durch Rom, vorbei am Tiber.

Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre eine kleine Plastikente, die im Wasser treibt.

Das Wehr liegt hinter mir, der Strom nimmt mich mit, und ich treibe einem Ziel entgegen, das ich nicht kenne.

Jäger schießen auf die Plastikente, doch sie treibt weiter.

 

Vielleicht ist das Leben genauso:

Es gibt Hindernisse, Gefahren und Verluste, und trotzdem fließt man weiter.

 

Und wieder der Tod.

Ich hole meinen Enkel von seiner neuen Schule ab.

Wir schieben unsere Fahrräder gemeinsam die Rampe hinauf.

Ich erzähle ihm von dem Menschen, den ich geliebt habe und der vorgestern gestorben ist.

Er hört mir zu und sagt:

„Das ist schade.“

 

Ja, denke ich. Es ist schade.

 

Wir gehen weiter, fahren auf unseren Rädern, bis wir zum Hubschrauberlandeplatz kommen.

Plötzlich erhebt sich ein großer Hubschrauber vom Krankenhaus in die Luft.

Ein Sanitäter ist bereits an Bord, ein Arzt ebenfalls.

Der Hubschrauber fliegt davon, um Menschen zu retten, um Leben zu retten.

Ich sehe ihm nach, bis er am Horizont verschwindet.

 

Auch das gehört zum Leben: Während ein Mensch geht, versucht irgendwo ein anderer, ein Leben zu retten. Während etwas endet, beginnt etwas Neues.

Mein Enkel und ich schieben unsere Fahrräder weiter.

Die Menschen, die gegangen sind, kommen nicht zurück. Aber ihre Stimmen, ihre Gesichter, ihre Gesten und die gemeinsamen Augenblicke bleiben in uns. Ich erinnere mich an die schönen Momente und auch an die schwierigen. An das Lachen, an die Gespräche, an die Nähe und an die Abschiede.

Manchmal versuche ich, diese Erinnerungen mit anderen zu teilen.

Doch vielleicht ist das gar nicht nötig.

Manche Erinnerungen gehören nur mir.

Sie tragen die Menschen, die gegangen sind, noch ein Stück weiter. Solange ich mich an sie erinnere, sind sie Teil meines Lebens.

Und solange ich weitergehe, geht auch die Kette weiter: Menschen kommen, Menschen lieben, Menschen gehen.

Das Leben fließt wie der Tiber.

Wir wissen nicht genau, wohin die Strömung uns trägt.

Aber wir schwimmen mit.

 

Und irgendwann endet auch unsere Reise.

Meine Reise.

Bis dahin bleiben die Liebe und die Erinnerung.

Und vielleicht ist genau das unser kleines Stück Unsterblichkeit.

 

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