
Rom sehen und Sterben
So sagt man ja…
Tatsächlich geht das Sterben in meinem
Leben weiter.
Geliebte Menschen verschwinden.
Eine Kette.
Ich warte schon lange darauf, dass die
Kette abreißt.
Inhalt

Die
Hitze liegt glühend über Rom, als wir weitergehen. Wir meiden die große Straße,
die direkt zum Petersdom führt, denn dort bewegen sich die Touristenströme wie
ein breiter Strom in Richtung Vatikan.
Stattdessen
nehmen wir eine Seitenstraße.
In
einem kleinen Souvenirladen kaufe ich einen blauen Schal. Zwischen
Devotionalien, Heiligenbildern, Kalendern und Bildern des Papstes hängt er
zwischen all den Dingen, die die Besucher an ihren Aufenthalt in Rom erinnern
sollen.
Dann
kommen wir zu den Kontrollen. Eine lange Schlange hat sich gebildet. Obwohl der
Eintritt in den Petersdom kostenlos ist, werden alle Besucher sorgfältig kontrolliert.
Taschen werden untersucht, und man achtet darauf, dass keine gefährlichen
Gegenstände in den Bereich des Petersplatzes gelangen.
Schließlich
sind wir durch die Kontrolle. Vor uns öffnet sich der riesige Petersplatz.
Tausende Menschen können sich hier versammeln. Überall stehen Menschen oder
suchen sich auf einem der zahlreichen Stühle einen Platz zum Sitzen.
Es
ist kurz vor elf Uhr morgens, und immer mehr Besucher strömen auf den Platz.
Wir wissen zunächst nicht, warum. Erst später wird uns klar, dass sich die
Menschen hier wegen des Angelusgebets versammeln, das
traditionell um zwölf Uhr mittags von Leo gesprochen wird.
Leo,
der seine Reise nach Südamerika gerade wegen einer Operation an seiner Lunge
verschiebt.
Ja,
auch ein Papst kann erkranken.
Vor
uns steht wieder einer dieser riesigen Obelisken, die irgendjemand aus Ägypten
hier nach Rom angeschleppt hat.
Rom,
die ewige Stadt, der Legende nach 753 Jahre vor Christi Geburt gegründet.
Romulus und Remus.
Der
römischen Mythologie nach die Gründer der Stadt Rom im
Jahre 753 v. Chr. Sie sind nach der Sage die Kinder des Kriegsgottes Mars und
der Priesterin Rhea Silvia.
Der
Kriegsgott Mars passt ja gut in die heutige Zeit – Kriege ohne Ende allüberall.

Die
Stadt Rom, eine Mischung aus vielen alten Gebäuden und Kirchen und Häusern der
heutigen Zeit.
Zunächst
gehen wir in Richtung des großen Rundbogens vor dem Petersdom. Auf der rechten
Seite entdecken wir etwas, das bei einer solchen Menschenmenge fast ebenso
wichtig ist wie der Dom selbst: saubere, gepflegte Toiletten.
Auch
dort stehen Menschen an, und schließlich gehe auch ich hinein.
Danach
nähern wir uns dem Eingang zum Petersdom. Wieder gibt es Kontrollen. Vor allem
die Kleidung wird beachtet. Frauen mit kurzen Hosen oder unbedeckten Schultern
dürfen so nicht in den Innenraum. Wer entsprechend gekleidet ist, bekommt ein
weißes Tuch, mit dem Schultern oder Beine bedeckt werden können.
Dann
betreten wir den Petersdom.
Schon
die ersten Schritte in das Gebäude sind überwältigend. So viele Menschen
bewegen sich durch diesen riesigen Raum, und trotzdem ist es vergleichsweise
still. Die Besucher gehen langsam durch das Gebäude, bleiben stehen, sehen nach
oben und fotografieren mit ihren Smartphones.
Überall
wird fotografiert.

Ich
blicke auf die gewaltigen Säulen, die Wände, die Verzierungen und die riesigen
Kuppeln. Alles ist so groß, dass mir der Dom beinahe zu viel wird.
Ich
muss an den Dom von Fulda denken, in der Stadt, in der ich fünfzehn Jahre
gelebt habe. Als Kind und auch später ist mir dieser Dom als riesig erschienen.
Hier im Petersdom wirkt er plötzlich klein.
Mitten
in diesem gewaltigen Raum steht der große Altar. Dort werden Messen gefeiert,
aber auch in den Seitenteilen des Domes finden Gottesdienste statt.
Priester
beten, während die Besucher langsam an ihnen vorbeigehen.
Auch
die kleinen Beichtstühle fallen mir auf. Holzkabinen, in denen Menschen ihre
Beichte ablegen können.
Später,
in Santa Maria Maggiore, soll mir dieses System noch stärker auffallen. Dort
gibt es Beichtkabinen, an denen kleine Schilder angebracht sind. Italienisch,
Englisch, Französisch und sogar Chinesisch.
Ich
fotografiere eines dieser Schilder.
Es
fasziniert mich, dass die Kirche sich hier auf Besucher aus der ganzen Welt eingestellt
hat. Jeder kann offenbar in seiner eigenen Sprache beichten.
Ich
erinnere mich dabei auch an meine Kindheit. Damals empfinde ich die Beichte als
etwas Belastendes.
Man
sitzt einem Priester gegenüber und muss über Dinge sprechen, die einen beschäftigen
oder mit denen man sich schuldig fühlt.
Andererseits
denke ich, dass darin auch etwas Positives liegen kann. Man kann Dinge
aussprechen, die einen belasten, ähnlich wie in einem Gespräch mit einem
Therapeuten.
Trotzdem
empfinde ich die Beichte auch als eine Form von Kontrolle, die die Kirche über
ihre Gläubigen ausübt.
Im
Petersdom sehe ich immer wieder Nonnen und Mönche, die zwischen den Besuchern
durch das gewaltige Gebäude gehen. Auch für sie ist dieser Ort offenbar etwas
Besonderes.
Mein
Sohn erklärt mir viele Einzelheiten zur Geschichte des Gebäudes. Besonders
beeindrucken mich die mächtigen Säulen des großen Altares, die mit Gold
verziert sind.
Ich
höre seinen Erklärungen aufmerksam zu.
Er
kennt sich erstaunlich gut mit der Geschichte Roms aus. Auf dieser Reise merke
ich immer wieder, wie sehr seine Erklärungen meinen eigenen Blick auf die Stadt
verändern. Dinge, an denen ich sonst vielleicht einfach vorbeigehen würde,
bekommen plötzlich eine Geschichte.
Nach
langer Zeit verlassen wir den Petersdom wieder.
Draußen
ist die Hitze noch immer unerbittlich.
Dann
hören wir plötzlich eine Stimme aus den Lautsprechern.
Ein
Gebet.
Es
wird auf Italienisch gesprochen. Zunächst verstehe ich nur einzelne Worte. Ich
strenge mich an, denn obwohl ich jeden Tag Italienisch übe, reicht mein
Verständnis noch lange nicht aus, um einer solchen Ansprache problemlos zu
folgen.
Dann
wird uns klar, wer dort spricht.
Der
Papst.
Es
ist zwölf Uhr.
Das Angelusgebet beginnt. Der Papst spricht aus einem Fenster
des Vatikanpalastes, wie es an Sonntagen üblich ist. Auf dem Platz stehen
Tausende Menschen und hören zu. Immer wieder klatscht die Menge.
Ich
verstehe nur einzelne Worte.
Aber
ich spüre die Bedeutung dieses Augenblicks. Wir sind gerade durch den Petersdom
gegangen und stehen nun mitten in dieser gewaltigen Menschenmenge, während der
Papst über uns zu den Menschen spricht.
Dann
verstummt das Gebet.
Die
Menge beginnt sich langsam aufzulösen.
Auch
wir gehen weiter durch die glühende Hitze Roms.
Am
Abend sitze ich schließlich in unserem Zimmer und lasse den Tag noch einmal
Revue passieren. Ich suche das Angelusgebet auf
YouTube und höre es mir noch einmal an.
Jetzt
kann ich die Worte in Ruhe hören.
Die
Reise geht weiter. In der folgenden Woche soll der Papst nach Frankreich reisen,
dort den Präsidenten treffen und an verschiedenen Orten Messen feiern. Am Ende
seiner Reise soll er auch nach Lourdes kommen, den berühmten Wallfahrtsort, der
für viele Menschen mit Heilung und Wundern verbunden ist.
Ich
lege das Handy zur Seite.
Vor
meinem inneren Auge sehe ich noch einmal den Petersdom: die riesigen Säulen,
das Gold, die Kuppel, die vielen Menschen und schließlich den Papst, dessen
Stimme über den Petersplatz getragen wird.
Draußen
über Rom liegt noch immer die Hitze.
Und ich
denke, dass diese Stadt es immer wieder schafft, Geschichte, Religion,
Tourismus und das ganz normale Leben auf engstem Raum miteinander zu verbinden.

Unser Besuch im Kolosseum beginnt zunächst mit einer langen, langen Schlange vor dem Ticketschalter. Es ist sehr heiß, schwül und die Hitze steht in der Luft. Die Händler, die an der Schlange entlanggehen, haben Flaschen mit eiskaltem Wasser dabei und rufen ständig: „Water, Water, Water!“
Schließlich bekommen wir unsere Tickets für das Kolosseum und das Forum Romanum. Allerdings müssen wir noch eineinhalb Stunden warten, bis unser Einlass um 11 Uhr morgens möglich ist, denn wegen der großen Besucherzahl darf immer nur eine bestimmte Menge Menschen gleichzeitig hinein.
Wir laufen zunächst einen langen Weg hinunter bis zum Circus Maximus. Dort gehen wir über die große Fläche, auf der die Römer früher ihre Wagenrennen veranstalteten.
Der ehemalige Rundkurs ist heute nur noch als erdiger Weg zu erkennen. Anschließend gehen wir gemütlich zurück bis zum Kolosseum, wo wir noch etwa 20 Minuten warten müssen.
Der Anblick des riesigen Bauwerks ist von außen schon sehr beeindruckend. Nach einer Sicherheitskontrolle und einer weiteren Kontrolle gelangen wir schließlich hinein.
Wir stehen zunächst in einem großen Gang. Ich muss erst einmal wieder auf die Toilette, bevor unsere Besichtigung richtig beginnt.
Danach folgen wir dem festgelegten Rundgang durch dieses gewaltige Gebäude. Wir gehen zunächst durch das Erdgeschoss und anschließend hinauf in die weiteren Etagen. Überall gibt es Ausstellungsstücke und Modelle des Kolosseums zu sehen. Besonders interessant sind die verschiedenen Modelle, die zeigen, wie das Bauwerk über Jahrhunderte hinweg immer weiter ausgebaut und verändert wurde. Auch die Stadt Troja und ihre Verbindung zu Kleinasien werden thematisiert.
Auf der höchsten Etage beeindruckt mich besonders, dass das Kolosseum keineswegs nur aus einer gewaltigen Außenfassade besteht. Im Inneren ist tatsächlich das große, kreisförmige Gebäude vollständig zu erkennen. Unter der Arena befinden sich zwei Etagen, in denen die Tiere – Elefanten, Löwen und viele andere Tiere – sowie die Kämpfer und Gladiatoren auf ihren Einsatz warteten. Über spezielle Vorrichtungen konnten die Tiere anschließend auf die Ebene der Arena gebracht werden, wo die Kämpfe und Spiele stattfanden.

Es ist ein unglaubliches Gebäude mit riesigen Sitzplatzbereichen, unzähligen Treppen und gewaltigen Dimensionen. Wir sind beide sehr beeindruckt, ich ganz besonders, denn mein Sohn war bereits mehrmals hier und kennt das Kolosseum schon gut.
Nach dem Besuch des Kolosseums gehen wir weiter hinauf zum Palatin. Auch dort müssen wir zunächst wieder eine lange Warteschlange passieren. Auf dem Palatin entdecken wir unglaubliche Relikte der mehrstöckigen Paläste und Gebäude, in denen die römischen Kaiser einst wohnten. Es gibt dort auch ein großes Wasserbecken mit Springbrunnen zu sehen.
Von oben haben wir einen Blick auf das Forum Romanum. Anschließend gehen wir stundenlang durch diese antike Stadt. Je länger wir unterwegs sind, desto mehr fühlt es sich an, als würde man gedanklich 2000 Jahre in die Vergangenheit versetzt – in eine Zeit, in der hier das Zentrum des antiken Rom lag und in dieser gewaltigen Stadt etwa eine Million Menschen lebten.
Es ist ein langer und eindrucksvoller Tag, der schließlich zu Ende geht. Zum Abschluss sehen wir noch ein großes Gebäude, das auch von Mussolini genutzt und überbaut wurde, mit einem riesigen Brunnen davor. Der Name des Gebäudes fällt mir in diesem Moment allerdings nicht mehr ein.


Die
Hitze flimmert über Rom, als wir über die Tiberbrücke
gehen.
Die
Luft steht schwer über dem Fluss, und als wir hinunterblicken, sehen wir das grünliche
Wasser, auf dessen Oberfläche allerlei Dinge treiben.
„Da
ist eine Ente“, sagt mein Sohn.
Tatsächlich
bewegt sich etwas Schwarzes auf dem Wasser. Von hier oben ist es jedoch kaum zu
erkennen. Es ist eine Ente, die reglos an einem gelben Plastikband festhängt.
„Das
ist eine tote Ente“, sage ich. „Bestimmt aus Plastik.“
„Nein“,
widerspricht mein Sohn. „Die lebt.“
Wir
wandern weiter über die Brücke, doch die Ente bleibt vollkommen bewegungslos.
Schließlich
beschliessen wir, die Treppe hinunterzugehen.
Sie
führt tief hinab, bis direkt zum Tiber unter der Brücke.

Unten
angekommen, können wir die Ente deutlich erkennen.
Mein
Sohn hatte recht damit, dass sie nicht tot ist, denn sie bewegt sich in den
Wellen des Tiber.
Ich
hatte recht damit, dass sie aus Plastik war.
Es
ist eine künstliche Ente, wie sie von Jägern verwendet wird, um andere Enten
anzulocken. Offenbar hatte die Strömung sie unter die Brücke getrieben und an
dem gelben Plastikband festgehalten.
Doch
gerade als wir sie betrachten, löst sich das Band.

Die
Plastikente treibt davon, wird von der Strömung erfasst und auf ein kleines
Wehr zugespült. Für einen Augenblick verschwindet sie hinter der Wasserkante.
Dann
taucht sie wieder auf.
Und
plötzlich ist sie frei.
Sie
dreht sich einmal im Kreis, treibt weiter den Tiber hinunter und verschwindet
langsam aus unserem Blickfeld.
Mein
Sohn sieht ihr nach.
„Siehst
du“, sagt er. „Ich wusste, dass sie lebt.“
Aus
den Steinen der Brücke tropft an einer Pflanze Wasser auf den Boden.
Wo kommt
es wohl her?
Es ist spät am Abend, und die Hitze
liegt noch immer schwer über Rom. Wir laufen durch die Dunkelheit zu dem
berühmten Trevi-Brunnen, doch von dem Brunnen selbst
ist kaum etwas zu sehen. Davor stehen so viele Menschen, dass wir nur Köpfe und
Schultern sehen. Sogar eine Absperrung gibt es, damit die Touristen überhaupt
bis an das Wasser herankommen können.
Überall herrscht Bewegung. Händler
schießen kleine leuchtende Geräte mit drehenden Flügeln in die Luft. Sie steigen
ein Stück nach oben und kommen langsam wieder herunter. Es sieht lustig aus,
aber ich habe kein Interesse daran. Andere Händler bieten bunte, kleine
Powerbanks an. Offenbar wissen sie, dass die Smartphones
der vielen Touristen in der Hitze und bei den vielen Fotos irgendwann keinen
Strom mehr haben.
Überhaupt scheint Rom an diesem
Abend fast nur aus Touristen zu bestehen. Die Ströme von Menschen sind
gewaltig. Wir lassen uns eine kleine Gasse hinauf treiben, mitten durch diese
Menschenmassen.
Und plötzlich stehen sie da.
Die Hütchenspieler.
Ich kenne diese Gruppen aus London,
aus Berlin und aus anderen Städten. In Berlin scheinen sie inzwischen
verschwunden zu sein, aber hier in Rom sind sie wieder da.
Auf den ersten Blick sieht die
Gruppe völlig harmlos aus. Fünf, vielleicht sieben Menschen stehen dort, als
wären sie ganz normale Touristen. Doch sie arbeiten zusammen.
Ein Mann sitzt oder steht vor drei
kleinen Hütchen. Unter einem davon liegt eine kleine Schaumstoffkugel. Er
bewegt die Hütchen schnell hin und her, von links nach rechts und wieder
zurück.
Dazwischen klatschen die anderen.
Wenn jemand scheinbar gewinnt,
bricht die Gruppe in Beifall aus. Einer lacht, eine Frau jubelt, jemand zeigt
Geld. Es entsteht eine merkwürdige Atmosphäre. Plötzlich sieht es so aus, als
könne man hier tatsächlich Geld gewinnen.
Aber genau das ist der Trick.
Während der Mann die Hütchen bewegt,
hat er die Kugel längst unbemerkt entfernt oder unter ein anderes Hütchen
gebracht. Wer glaubt, er könne sich merken, wo die Kugel liegt, hat eigentlich
keine Chance.
Dann beginnt ein Mann aus einem
jungen Ehepaar, das mit einem kleinen Baby in einem Kinderwagen unterwegs ist,
sich für das Spiel zu interessieren.
Auch seine Frau schaut fasziniert
zu.
Die Gruppe klatscht wieder.
Ein Mann gewinnt scheinbar und hält
plötzlich zwei Fünfzig-Euro-Scheine in der Hand. Ein anderer verliert. Alles
wirkt echt. Alles wirkt zufällig.
Doch nichts daran ist zufällig.
Ich beobachte die Szene und spüre
eine zunehmende Unruhe in mir. Mein Sohn warnt mich ebenfalls. Er sagt, dass
diese Leute aggressiv sind und dass wir uns besser nicht einmischen sollten.
Doch dann zieht der Mann tatsächlich
einen Fünfzig-Euro-Schein heraus.
Er hält ihn dem Hütchenspieler
entgegen.
Ich kann es nicht verhindern.
Der Hütchenspieler nimmt das Geld.
Der Mann zeigt auf eines der drei
Hütchen.
Das Hütchen wird angehoben.
Nichts.
Die Kugel ist verschwunden.
Der Mann erstarrt. Für einen Moment
scheint er nicht zu verstehen, was gerade passiert ist.
Auch der Kinderwagen steht noch
mitten in der Menge. Niemand kümmert sich darum. In dieser Situation könnte ihn
vermutlich jeder einfach wegschieben.
Der Mann dreht sich schließlich um.
Er ist bleich.
Seine fünfzig Euro sind weg.
Ich sage zu ihm: „They are gangsters.“
Er sieht mich an und antwortet: „Yes. I know. I saw.“
Dann gehe ich weiter.
Die Gasse hinauf.
Doch die Szene lässt mich nicht los.
Ich empfinde diese Art von Betrug als abstoßend. Nicht nur, weil jemand gerade
fünfzig Euro verloren hat, sondern weil hier ganz bewusst die menschliche
Hoffnung auf einen schnellen Gewinn ausgenutzt wird.
Die Gewinnsucht.
Die Illusion, mit einem kleinen
Risiko plötzlich mehr Geld zu besitzen.
Und ich denke daran, dass es solche
Formen der Gier nicht nur auf der Straße gibt. Es gibt sie auch in viel
größerem Maßstab. Menschen, die für Macht und Geld über Leichen gehen und
andere Menschen in Kriege und Gewalt treiben. Dort geht es dann nicht mehr um
fünfzig Euro, sondern um das Leben von Tausenden oder Hunderttausenden.
Am nächsten Tag begegnen wir den
Hütchenspielern wieder.
Diesmal sind wir weit oben auf einem
der Hügel Roms. Hier gibt es deutlich weniger Touristen. Die Gruppe steht etwas
abseits, zwischen Büschen. Über uns fliegt eine Drohne. Vielleicht ist es eine
Polizeidrohne.
Die Hütchenspieler scheinen hier
oben keine Beute zu finden.
Wir gehen an ihnen vorbei und
blicken über die Stadt.
Rom liegt unter uns.
Und plötzlich ist alles wieder
schön.
Ein hervorragender italienischer
Gitarrist und Sänger spielt für die wenigen Touristen, die dort stehen. Wir
geben ihm ein paar Münzen. Ich bitte ihn, ein Lied von Adriano Celentano zu spielen.
Er spielt es.
Wir stehen dort und hören ihm zu.
Unter uns liegt Rom, warm und golden, und für einen Augenblick ist von den
Hütchenspielern nichts mehr zu spüren.
Es ist eine aufregende Reise.
Eine Reise in großer Hitze.
Und immer wenn wir einen der kleinen
Brunnen sehen, aus denen in Rom so selbstverständlich Trinkwasser fließt, habe
ich meinen eigenen Weg gefunden, mich abzukühlen.
Ich nehme meine rote Kappe, fülle
sie mit Wasser und setze sie mir wieder auf den Kopf.
Das Wasser läuft über meine Haare,
über meine Schultern und schließlich über mein nasses Hemd.
Für ein paar Minuten ist die Hitze
vergessen.
Dann setze ich die Kappe wieder auf
und wir gehen weiter durch Rom.

Wir fahren mit dem Bus durch Rom.
Wir haben ein Sieben-Tage-Ticket, das beim Einsteigen am Scanner im Bus
gescannt werden soll. Ob das bei einem solchen Ticket tatsächlich jedes Mal
notwendig ist, weiß ich nicht. Ich nehme mir vor, später darüber nachzudenken.
Der Bus ist voll. Zwischen den
Einheimischen stehen zahlreiche Touristen, die sich mit Stadtplänen und Handys
orientieren. An einer Haltestelle steigt ein älteres Ehepaar ein. Die beiden gehen
zu dem Scanner und versuchen, mit ihren Smartphones
zu bezahlen.
Doch nichts geschieht.
Der Mann hält sein Handy vor den
Scanner. Er versucht es wieder und wieder. Dann nimmt er das Smartphone seiner
Frau und probiert es damit. Fünf Minuten lang beschäftigen sie sich mit dem
Gerät. Die Menschen um sie herum werden ungeduldig, einige versuchen zu helfen,
aber niemand kann das Problem wirklich lösen.
Schließlich stehen die beiden ratlos
vor dem Scanner.
Mein Sohn beobachtet die Szene, und
auch ich schaue aufmerksam zu. Ich frage mich, ob das alles überhaupt notwendig
ist. Schließlich haben wir ein Sieben-Tage-Ticket. Und gibt es nicht ohnehin
Kontrolleure, die irgendwann die Tickets überprüfen?
In diesem Moment öffnet sich an der
nächsten Haltestelle die Bustür.
Ein junger Kontrolleur steigt ein.
Er geht durch den Mittelgang nach
hinten. Sein Blick ist ernst und unbeweglich. Je näher er kommt, desto
unruhiger wird das ältere Ehepaar.
Der Kontrolleur beginnt, die Tickets
zu überprüfen.
Als er bei uns angekommen ist, rufe
ich ihm auf Englisch zu: „They tried
to solve the ticket problem here for five
minutes.“
Doch er zeigt keinerlei Interesse an
meiner Erklärung. Er sieht mich scharf an und hebt nur die Hand – eine
eindeutige Geste, dass ich schweigen soll.
Dann wendet er sich dem Ehepaar zu.
Die beiden können kein gültiges
Ticket auf ihrem Smartphone vorzeigen. Der Scanner hat ihre Zahlung nicht
akzeptiert.
Kurz darauf steigt ein zweiter
Kontrolleur ein. Er ist älter und hat eine Glatze.
Gemeinsam führen sie das Ehepaar aus
dem Bus.
Wir sehen durch das Fenster, wie die
beiden draußen auf dem Bürgersteig stehen und von den Kontrolleuren abgefertigt
werden. Wahrscheinlich müssen sie jeweils 75 Euro Strafe bezahlen.
Der Bus setzt sich wieder in
Bewegung.
Mein Sohn und ich bleiben schweigend
stehen.
Ich blicke auf den Scanner, der
wenige Meter von uns entfernt blinkt. Ein kleines elektronisches Gerät, das
darüber entscheidet, ob jemand mitfahren darf oder eine Strafe bekommt.
Eigentlich soll Technik das Leben
einfacher machen.
Aber in diesem Moment habe ich das
Gefühl, dass genau das Gegenteil passiert ist.
Menschen haben versucht, alles
richtig zu machen. Sie haben fünf Minuten lang auf ein Smartphone und einen
Scanner eingeredet, verschiedene Geräte ausprobiert und sogar Hilfe bekommen.
Trotzdem hat die Technik nicht funktioniert.
Und am Ende sind nicht die Geräte
verantwortlich, sondern die Menschen.
Ich sehe noch einmal nach draußen.
Das ältere Ehepaar wird immer kleiner, während der Bus weiter durch Rom fährt.
Seit diesem Tag vertraue ich
elektronischen Tickets ein wenig weniger.
Das
Leben ist schön.
Es
beginnt mit der Kindheit, mit dem Aufwachsen, mit den ersten Menschen, die uns
lieben, mit den ersten Schritten in eine Welt, die damals noch unendlich groß
erscheint.
Im
Laufe der Jahre kommen Erlebnisse hinzu:
Begegnungen,
Freundschaften, Reisen, Glück und Enttäuschungen.
Alles
fügt sich zusammen, manchmal sichtbar, manchmal verborgen, zu einem großen
Kunstwerk.
Doch
während wir leben, beginnt auch die Kette der Vergänglichkeit.
Menschen,
die vor unserer Geburt gegangen sind.
Deren
früher Tod sie nach zwei Lebensjahren aus dem Paradies nahm.
Die
Liebe und das Glück zu diesen Engeln warfen ihren Schatten weit in die Zukunft.
Die
Kunst des Loslassens - eine lebenslange Übung.
Menschen,
die wir als Kinder kannten und irgendwann verloren haben.
Menschen
aus unseren Zwanzigern und Dreißigern, die eines Tages nicht mehr neben uns
standen.
Einer
nach dem anderen geht seinen Weg, und irgendwann endet dieser Weg.
Die
Liebe bleibt trotzdem.
Bei
dem Einen mehr, bei dem Anderen weniger.
Vielleicht
besteht das Leben gerade darin, Menschen zu lieben und irgendwann wieder
loszulassen.
Die
Menschen kommen zu uns, laufen eine Weile neben uns und gehen dann fort.
Manche
begleiten uns nur kurz, andere bleiben jahrzehntelang.
Aber
jeder hinterlässt etwas.
Und
während andere gehen, laufen wir weiter.
Ich
laufe durch die Welt, durch Rom, vorbei am Tiber.
Manchmal
stelle ich mir vor, ich wäre eine kleine Plastikente, die im Wasser treibt.
Das
Wehr liegt hinter mir, der Strom nimmt mich mit, und ich treibe einem Ziel
entgegen, das ich nicht kenne.
Jäger
schießen auf die Plastikente, doch sie treibt weiter.
Vielleicht
ist das Leben genauso:
Es
gibt Hindernisse, Gefahren und Verluste, und trotzdem fließt man weiter.
Und
wieder der Tod.
Ich
hole meinen Enkel von seiner neuen Schule ab.
Wir schieben unsere Fahrräder
gemeinsam die Rampe hinauf.
Ich
erzähle ihm von dem Menschen, den ich geliebt habe und der vorgestern gestorben
ist.
Er
hört mir zu und sagt:
„Das
ist schade.“
Ja,
denke ich. Es ist schade.
Wir
gehen weiter, fahren auf unseren Rädern, bis wir zum Hubschrauberlandeplatz
kommen.
Plötzlich
erhebt sich ein großer Hubschrauber vom Krankenhaus in die Luft.
Ein
Sanitäter ist bereits an Bord, ein Arzt ebenfalls.
Der
Hubschrauber fliegt davon, um Menschen zu retten, um Leben zu retten.
Ich
sehe ihm nach, bis er am Horizont verschwindet.
Auch
das gehört zum Leben: Während ein Mensch geht, versucht irgendwo ein anderer,
ein Leben zu retten. Während etwas endet, beginnt etwas Neues.
Mein
Enkel und ich schieben unsere Fahrräder weiter.
Die
Menschen, die gegangen sind, kommen nicht zurück. Aber ihre Stimmen, ihre
Gesichter, ihre Gesten und die gemeinsamen Augenblicke bleiben in uns. Ich
erinnere mich an die schönen Momente und auch an die schwierigen. An das
Lachen, an die Gespräche, an die Nähe und an die Abschiede.
Manchmal
versuche ich, diese Erinnerungen mit anderen zu teilen.
Doch
vielleicht ist das gar nicht nötig.
Manche
Erinnerungen gehören nur mir.
Sie
tragen die Menschen, die gegangen sind, noch ein Stück weiter. Solange ich mich
an sie erinnere, sind sie Teil meines Lebens.
Und
solange ich weitergehe, geht auch die Kette weiter: Menschen kommen, Menschen
lieben, Menschen gehen.
Das
Leben fließt wie der Tiber.
Wir
wissen nicht genau, wohin die Strömung uns trägt.
Aber
wir schwimmen mit.
Und
irgendwann endet auch unsere Reise.
Meine
Reise.
Bis
dahin bleiben die Liebe und die Erinnerung.
Und
vielleicht ist genau das unser kleines Stück Unsterblichkeit.